Werner Schempp: Der Hüter des Protokolls

Werner Schempp hat hinter den Kulissen verlässlich dafür gesorgt, dass sich Staatsgäste wie Gorbatschow im Land wohl fühlten. Ein Rückblick.

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    Mittendrin und voll dabei: Werner Schempp (Mitte) mit Ministerpräsident Winfried Kretschmann in Jerusalem. Foto: 
  • Werner Schempp (Mitte) zwischen US-Botschafter Richard Burt (links) und Lothar Späth (rechts).  2/2
    Werner Schempp (Mitte) zwischen US-Botschafter Richard Burt (links) und Lothar Späth (rechts). Foto: 
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Als Werner Schempp im Juni 1999 den Dalai Lama vom Stuttgarter Flughafen abholte, war er wie immer gut vorbereitet. Der Protokollchef des damaligen Ministerpräsidenten Erwin Teufel (CDU) hatte sich umfassend über den Gast, Tibet und den  Buddhismus informiert. „Ich wollte auf Small-Talk vorbereitet sein.“ Doch der Dalai Lama war weniger an leichter Konversation als an der Klimaanlage der schwäbischen Dienstlimousine interessiert. Während der 20-minütigen Fahrt ins Staatsministerium experimentierte der buddhistische Mönch begeistert mit der Technik. „It’s amazing“, tat er immer wieder kund, „es ist erstaunlich.“ Small Talk war da gar nicht nötig.

Geschichten wie diese kann Werner Schempp zuhauf zum Besten geben. 16 Jahre lang hat der gebürtige Oberschwabe, der mit seiner Familie in Ulm lebt, fürs Protokoll der Landesregierung gearbeitet: erst als Referent, schließlich als Chef. Seit 2012 leitet der 65-Jährige die Abteilung im Staatsministerium, die neben Europa und den Internationalen Angelegenheiten das Protokoll verantwortet. Ende des Monats geht er nun in Pension.

Vom Fenster seines Dienstzimmers hat Schempp einen tollen Blick auf den Fernsehturm. Zeit, ihn zu genießen, hat er selten gehabt. Dafür hat er mehr erlebt und von der Welt gesehen als viele andere. Und dafür gesorgt, dass sich so unterschiedliche Staatsgäste wie die Königin von Nepal oder das Ehepaar Gorbatschow in Baden-Württemberg willkommen fühlten. Mit umsichtiger Planung, aber auch mit schwäbischer Gewitztheit, wenn überraschend ein Plan B benötigt wurde.

Als etwa Königin Aishwarya von Nepal an einem Freitagabend im Oktober 1986 in Unkenntnis der damals strengen deutschen Ladenschlusszeiten vor ihrer Abreise noch Einkäufe tätigen wollte, aktivierte Schempp kurzentschlossen den Chef eines großen Modehauses. Der schickte rasch hochrangige Mitarbeiter, mit denen er gerade auf dem Landespresseball weilte, ins Geschäft, teils in Begleitung der Gattinnen, die für die Königin Verkäuferinnen mimten.

„Wir schaffen Klima“, sagt Schempp über die Rolle des Protokolls. Ein Job, bei dem man „sich ganz einbringen und selbst zurücknehmen muss“. Nach dem Studium der Romanistik und Germanistik hat er zunächst als Gymnasiallehrer in Langenau gearbeitet. Bald wechselte er ins Kultusministerium und 1986 ins Protokoll des Staatsministeriums. Dort war ein Philologe mit exzellenten Fremdsprachenkenntnissen und der Fähigkeit, Reden zu schreiben, gefragt. Nach Zwischenstation in einem anderen Referat machte Teufel ihn 1996 zum Protokollchef. 2002 ging Schempp in gleicher Funktion in die Landesvertretung nach Berlin, bevor er 2006 als Referatsleiter für Internationales ins Staatsministerium zurückkehrte. 2012 beförderte der grüne Ministerpräsident Winfried Kretschmann das CDU-Mitglied, dem Loyalität zum Land stets wichtig war, dann zum Abteilungsleiter  – die „Krönung“ einer Beamtenkarriere.

Problem beseitigt

Für die Zukunft hat sich Schempp einiges vorgenommen. Dem Studium der altgriechischen Sprache will er sich widmen, lesen, reisen. Und sicher wird er ab und an auch erzählen, von damals, als im Juni 1989 mit den Gorbatschows auch Maschinen der russischen Luftwaffe in Stuttgart landeten. An Bord: zwei Zil-4104, die schwergewichtigen Limousinen der russischen Führung, mit denen Michail und Raissa Gorbatschow durch Stuttgart fahren wollten. Bei der Vorbereitung eines von Raissa Gorbatschow gewünschten Besuchs bei einer „typisch deutschen Familie“ stellte Schempp fest, dass eine Baustelle die Zufahrt zur Vorzeigefamilie mit der wuchtigen Zil-4104 unmöglich machte. Er veranlasste deshalb, dass die Verlegung der Telefonleitung unterbrochen wurde. Wieder einmal hatte er ein mögliches Problem vorausschauend beseitigt. Dafür musste er verwundert in Kauf nehmen, dass der von der Baustellenschließung für den Staatsgast betroffene Staatskonzern dem Land eine Rechnung stellte.

Wer spricht mit wem, wann, wie lange und welche Kleiderordnung gilt? Um Peinlichkeiten zu vermeiden, regelt das Protokoll bei Staatsempfängen und anderen politischen Ereignisse vieles. „Man muss Freude am Organisieren und am Entscheiden haben, benötigt Parkettsicherheit und die Fähigkeit, auch in schwierigen Situationen Haltung zu wahren“, definiert Werner Schempp die Rolle des Protokollchefs, die er im Dienste der Landesregierung lange ausgefüllt hat. rol

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