Wer hat Rafael totgeschlagen?

Ein Paar aus Geislingen soll vor fünf Jahren den Sohn der Frau zu Tode geprügelt haben. Zum Prozessauftakt verstricken sie sich in Widersprüche und ergehen sich in gegenseitigen Anschuldigungen.

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12. März 2011, 17.06 Uhr: Beim Rettungsdienst in Geislingen geht ein Notruf ein. "Mein Sohnemann ist umgeflogen und jetzt bewusstlos", ruft die Mutter ins Telefon. Er sei wegen seiner Diabetes einfach umgekippt. Doch das stimmt nicht. Der vierjährige Rafael hat schwere Hirnblutungen. Er liegt auf dem Boden im Kinderzimmer, atmet nicht mehr, hat keinen Puls. Vier Minuten nach dem Anruf ist der Notarzt da. Er reanimiert den Jungen. Am nächsten Tag stirbt der Kleine in einer Klinik in Tübingen.

Fünf Jahre nach Rafaels Prügeltod müssen sich die 28 Jahre alte Mutter und ihr damaliger, 30 Jahre alter Freund vor Gericht verantworten. Sie sollen ihn schwer misshandelt haben. Wer zugeschlagen hat, ist noch unklar. Beide sollen die Gewalt des anderen zumindest gebilligt haben. Rafael hatte am Ende schwere Hirnverletzungen, er erstickte am eigenen Mageninhalt.

Der Fall erinnert an den gewaltsamen Tod des kleinen Alessio im Schwarzwald: Der Dreijährige war Mitte Januar 2015 zu Tode geprügelt worden. Der Stiefvater des Jungen wurde für die Tat verurteilt.

Schläge, Tritte, Blutergüsse: Die Anklage im Fall Rafael liest sich grausam. Die vielen blauen Flecke am ganzen Körper? "Er ist ein kleiner Tollpatsch gewesen", erklärt die 28-Jährige zunächst. "Ein Sturz, ein Umkippen, ein Fallen erklären dieses Verletzungsmuster nicht", entgegnet Richter Gerd Gugenhan.

Und der 12. März? Ihre Version: Rafael sei unartig gewesen, sie habe ihm eine Ohrfeige gegeben. Dann habe ihr Partner dem Jungen mit der Faust auf den Kopf geschlagen und ihn im Würgegriff in sein Zimmer getragen. Ihr Mann sei generell gewalttätig gewesen. Seine Version: Er habe den Jungen nicht angefasst, seine Mutter hatte Ärger mit dem Kind. Sie sei mit Rafael in sein Zimmer gegangen, habe die Tür geschlossen. "Dann gab es einen Knall", sagt der 30-Jährige.

Die beiden Angeklagten präsentieren Erinnerungslücken, wann immer es um wichtige Details geht. Sie verstricken sich in Ungereimtheiten. "Ich habe schon viel erlebt in diesem Haus, aber da ringt man mit der eigenen Fassungslosigkeit", sagt Richter Gugenhan.

Während die Ärzte um das Leben des Jungen kämpften, habe die Mutter den Medizinern falsche Geschichten erzählt - von einem Treppensturz, einem Fahrradunfall, einer Rauferei im Kindergarten. Sie habe die Lügen erzählen müssen, rechtfertigt sie sich. Ihr Freund habe sie unter Druck gesetzt, ihr mit Gewalt gedroht.

Dutzende Zeugen sollen nun an elf Prozesstagen in Ulm sprechen.

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