Wenn Tiger Tonga schnurrt

Raubtierdompteurin Yvonne Muderack ist überzeugt: Sie arbeitet nicht gegen die Natur ihrer Tiger und Löwen. Die Großkatzen sind Teil ihres Lebens und gerade im Ulmer Weihnachtszirkus zu sehen.

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Raubtierdompteurin Yvonne Muderack vertraut ihrer Großkatze. Tigermännchen Tonga lässt sich zwar von ihr streicheln, ignoriert die Liebkosungen aber ganz nach Katzenart.  Foto: 

Tonga schnurrt wie eine Katze, wenn er von Yvonne Muderack am Rücken gekrault wird. Tonga ist jedoch keine kleine Mieze, sondern ein sehr großer, eindrucksvoller Tiger. "Er ist sehr lieb und lässt sich von mir streicheln", sagt die Raubtierdompteurin. Tigerweibchen "Mausi" hingegen kann mit Streicheleinheiten gar nichts anfangen. "Sie würde sich nie hinlegen und sich von mir kraulen lassen. Sie will nicht zu viel Nähe, ist Fremden gegenüber misstrauisch und faucht, wenn ein Besucher zu nah ans Gitter kommt."

Yvonne Muderack kennt ihre Raubkatzen und deren Eigenheiten. Sie tritt mit zwei Tigern und drei Löwen beim Ulmer Weihnachtszirkus auf, der noch bis 6. Januar in Ulm gastiert. Landauf, landab, bieten die Weihnachtszirkusse ihr Programm an. Immer, wenn Wildtiere wie Löwen oder Tiger in der Manege vorgeführt werden, protestieren Tierschützer. Artgerechte Haltung sei im Zirkus nicht möglich, sagen die Tierschützer. Die Dompteure dagegen verteidigen ihre oft jahrzehntelange Tierhaltung.

Yvonnes Eltern, Christiane und Erhard Samel, arbeiteten als Dompteure beim Staatszirkus der DDR. Sie waren so erfolgreich, dass sie in dieser Zeit sogar ein zweijähriges Gastspiel in den USA hatten. "Damit die beiden nicht für immer im Westen blieben, mussten meine großen Geschwister bei den Großeltern in der DDR wohnen bleiben. Nur weil ich damals erst drei Jahre alt war, durfte ich mit in die USA. Das war so außergewöhnlich, dass selbst die DDR-Presse darüber schrieb", erzählt Muderack.

Für die 45-Jährige ist der Beruf eine Berufung. Schon als Kind wollte sie Dompteurin werden. Sie ist mit den Raubtieren aufgewachsen, durfte Leopardenbabys mit der Flasche füttern. Schon als Kind hatte sie erste Auftritte mit Schimpansen im DDR-Zirkus. Das derzeit diskutierte Wildtierverbot treibt Yvonne Muderack natürlich um, denn die Engagements in Deutschland werden weniger. So arbeitet sie inzwischen in Frankreich, Österreich, in der Schweiz und in ehemaligen Ostblockländern. Jüngst war sie für ein halbes Jahr in Rumänien. "So weit weg von der Familie, das fällt mir schwer."

Andere Tiere als Raubtiere möchte sie nicht dressieren. Sie hat ihre Löwen und "Mausi" schon als Welpen bei sich gehabt und aufgezogen. Tonga übernahm sie von einem befreundeten Zirkus. "Pferde dressieren könnte ich nie, ich habe Angst vor Pferden. Mir ist mal ein Pferd auf den Fuß getreten." Sie müsste sich auch völlig umstellen, vom Jagd- auf ein Fluchttier. "Bei Raubtieren muss ich hinten laufen, bei Pferden muss der Dompteur immer vorne sein", erklärt sie.

Yvonne und ihr Mann Knut Muderack bewirtschaften bei Berlin ein großes Grundstück mit viel Platz für ihre Raubtiere. Mit der Nachbarschaft gebe es keine Probleme. Im Gegenteil: Niemand im Ort hat mehr ein Wildschweinproblem. "Die Raubtiere halten sie fern."

Für die Muderacks sind die Tiger und Löwen Teil ihrer selbst. Sie würden mit und nicht gegen die Natur der Tiere arbeiten, betont die Dompteurin. Die Löwen und Tiger werden immer getrennt gehalten. Sie zeigten nur Dinge, die sie machen wollen, und nur Bewegungen, die ihrer Natur entsprechen. "Männchen machen sie auch, wenn sie kämpfen, dann stehen sie mal auf zwei Beinen", sagt Muderack. In der Wildnis müssten sie beispielsweise über dicke Äste balancieren, im Zirkus sind es dann stabile Stangen. Das ist die Philosophie der Muderacks und auch schon der Eltern Samel: Die Tiere sollen in der Manege ihre natürlichen Bewegungen einsetzen.

Gefährlich seien die Tiere selbst für die Muderacks nicht. Gefährlich seien nur unvorhersehbare Vorfälle in der Vorstellung. Gegröle der Zuschauer oder ein Besucher mit echtem Pelzmantel können die Tiere durcheinanderbringen. Dann müssen die Muderacks aufpassen. Auch stolpern in der Manege wäre fatal. "Die Löwen würden erst überlegen, aber die Tiger würden mich sofort als Beute sehen und angreifen. Es sind und bleiben Raubtiere." Doch passiert sei noch nie etwas.

Löwe läuft hin und her

Video Die Tierschutz-Aktionsgruppe Biber hat beim Weihnachtszirkus in Ulm eine Löwin gefilmt, die ständig in ihrem Käfig hin und her läuft. Das Video sei auf facebook unter www.facebook.com/manege.tierfrei.ulm/ veröffentlicht worden und habe mehrere zehntausend Personen erreicht, sagt Pedro de la Fuente, der Sprecher der Ulmer Aktionsgruppe.

Zirkus-Bündnis Gegen städtische Wildtierverbote in der Manege macht das Aktionsbündnis "Tiere gehören zum Zirkus" mobil. Die "enorm hohen Besucherzahlen" der Weihnachtszirkusse zeigten, dass Wildtiere im Zirkusrund nach wie vor zeitgemäß seien. Als Beispiele werden die Raubtiershow des Italieners Stefano Orfei in Heilbronn und die Elefantennummer der deutschen Artistenfamilie Casselly in Stuttgart erwähnt."Offensichtlich werden die Besucher durch die Begegnung zwischen Tierlehrer und Wildtier ganz besonders fasziniert", so die Einschätzung des Bündnisses. Der traditionelle Zirkus zeige auf eindrucksvolle Weise, dass Menschen und Tiere in Harmonie zusammenleben könnten, hieß es weiter.

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