Wenn Mütter ihr Baby töten: „Sie scheuen oft Konflikte“

Eine Frau gebärt bei Mengen ein Kind, steckt Papier in seinen Mund und geht. Das Baby stirbt. Ärztin Hornstein sagt, wie so etwas geschehen kann.

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    Prozessbeginn gestern in Ravensburg: Die Angeklagte soll ihr Baby ermordet haben. Foto: 
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    Christiane Hornstein ist Fachärztin für Psychiatrie. Foto: 
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Immer wieder ist von Müttern zu hören, die ihr Baby kurz nach der Geburt töten. Eine 28-Jährige hatte etwa Ende 2016 auf einer Flughafentoilette in Köln ihren Jungen zur Welt gebracht und erstickt. Am Landgericht Ravensburg begann gestern der Prozess gegen eine 23-Jährige. Sie gab zu, ihr Mädchen im Mai in der Nähe eines Bauernhofs bei Mengen im Kreis Sigmaringen zur Welt gebracht zu haben. Dann habe sie ihm Papier in den Mund gesteckt, um ein Schreien zu verhindern, und sei gegangen. Den Tod des Kindes habe sie nicht gewollt. Die Staatsanwaltschaft vermutet, dass sie die Tat beging, weil das Baby nicht zu ihrer beruflichen, finanziellen und partnerschaftlichen Situation passte. In beiden Fällen gaben die Frauen an, die Schwangerschaft verheimlicht zu haben. Wie ist so eine Tat möglich? Darüber haben wir mit Christiane Hornstein gesprochen. Die Ärztliche Leiterin des Zentrums für Peripartale Therapie am Wieslocher Psychiatrischen Zentrum Nordbaden ist spezialisiert auf psychische Erkrankungen in der Schwangerschaft und nach der Geburt.

Frau Hornstein, ob im Ravensburger oder im Kölner Fall, die Frauen haben ihre Schwangerschaft verheimlicht. Steigt damit das Risiko, dass Mütter ihre Babys am Ende umbringen?

Christiane Hornstein: Es gibt noch andere Gründe, warum Frauen ihre Kinder nach der Geburt töten,  zum Beispiel weil sie eine schwere psychische Erkrankung haben. Aber tatsächlich tun das häufiger Frauen, die zuvor ihre Schwangerschaft vor anderen verheimlicht und vor sich verleugnet haben.

Wodurch zeichnen sich diese
Frauen aus?

Frauen, die die Schwangerschaft verleugnen, leiden überwiegend nicht an Depressionen oder an einer anderen psychischen Krankheit, sondern es sind primär Frauen, für die eine Schwangerschaft nicht ins Leben passt, die noch eher unreif sind und Konflikte scheuen. Manche wissen nicht, wie sie für ein Kind finanziell sorgen oder das Kind mit einer Ausbildung vereinbaren sollen, andere fürchten ihren Partner zu verlieren oder den Streit mit den Eltern. Das Alter variiert nach Studienlage von 15 bis 44 Jahren, das Durchschnittsalter liegt bei 27. Die Hälfte lebt in einer festen Partnerschaft. Viele verleugnen mehrmals eine Schwangerschaft.

Stechen aus denen nochmals jene heraus, die ihr Baby töten?

Diese Frauen haben häufiger zusätzlich mit Kindheitstraumata, Missbrauchserfahrungen und extremen Geldsorgen oder partnerschaftlichen Problemen zu kämpfen.

Wie schaffen die Frauen es, die Schwangerschaft vor sich selbst zu verleugnen?

Viele Menschen verdrängen, um Traumata oder Probleme aus dem Alltag zu verbannen, damit sie ihn leichter bestehen, und diese Frauen perfektionieren das. Sie deuten Symptome der Schwangerschaft um als Durchfall oder Brechreiz. Sie werden nicht wegen des Kindes dicker, sondern weil sie zu viel essen. Sie ziehen sich normal an, trinken Alkohol oder rauchen weiter und verhalten sich wie immer.

Aber der Körper einer Schwangeren verändert sich. Das muss doch Verwandten, dem Partner auffallen.

Diese Frauen können sehr überzeugend sein. Das weiß ich selbst von Begutachtungen. Partner oder nahe Verwandte machen die Verleugnung oft mit, weil sie das selbst vor Schwierigkeiten bewahrt. Sie reden einfach nicht über Veränderungen an der Frau oder lassen sich gerne mit Ausreden abspeisen.

Wenn diese Frauen die Schwangerschaft nicht wollen, wieso brechen sie die nicht ab?

Weil sie sich dann auch mit der Situation auseinandersetzen und eine Entscheidung treffen müssten, und genau das vermeiden sie.

Wie kommt es dazu, dass manche ihr Baby töten?

Wenn die Wehen eintreten, erleben diese Frauen noch extremere Stresssituationen als sonst schon bei einer Geburt üblich. Manche töten dann aus Panik das Kind sofort oder setzen es aus. Ich hatte eine Frau, die ihr Kind in eine Klinik bringen wollten, aber weil alles zu lange dauerte, hat sie es auf dem Weg dorthin ausgesetzt, weil sie doch zuhause gesagt hatte, sie würde nur kurz etwas einkaufen. Das ist oft kaum nachzuvollziehen. Die Tötung ist aber die Ausnahme. Eine Studie besagt, dass rund die Hälfte der in der Schwangerschaft verleugneten Kinder später bei den Müttern lebt.

Welche Hilfe ist möglich, um das Schlimmste zu verhindern?

Das Problem ist, die Frauen müssen über die Schwelle gehen, sich helfen zu lassen. Dafür müssen sie zuerst akzeptieren, dass sie schwanger sind. Dabei können Angehörige, der Partner, der Hausarzt sie aber unterstützen. Wenn sie den Verdacht einer Schwangerschaft haben, sollten sie das ansprechen und versuchen, die Frau emotional zu entlasten und die Schuldgefühle zu nehmen.

Wie?

Indem sie mit der Frau zum Beispiel überlegen, dass das Kind vielleicht gerade nicht in ihr Leben passt, und dass sie eine verantwortungsvolle Mutter sein kann, wenn sie dem Kind die Chance gibt in einem Umfeld aufzuwachsen, in dem es eine gute Zukunft haben kann. Es gibt viele Optionen, etwa indem sie eine Beratungsstelle aufsucht und ein vertrauliche Geburt angeht.

Das bundesweite Hilfetelefon „Schwangere in Not“ bietet Frauen in Konfliktlagen, die ihre Schwangerschaft verheimlichen, unter der Nummer 0800 40 40 020 anonym, kostenfrei und jederzeit Unterstützung. Eine Online-Beratung und weitere Informationen finden sich unter www.geburt-vertraulich.de. Zudem gibt es im Südwesten 124 Schwangerschaftsberatungsstellen in freier, kirchlicher und kommunaler Trägerschaft.

Auch Frauen, die das Kind nicht möchten, für die ein Schwangerschaftsabbruch aber zu spät ist, haben Optionen: Sie können etwa eine der acht Babyklappen im Südwesten anonym nutzen, von 2001 bis April 2017 geschah das laut Sozialministerium 90-mal. Oder sie können eine anonyme oder vertrauliche Geburt in Anspruch nehmen. „Bei der anonymen Geburt ist die Identität der Mutter unbekannt. Bei der vertraulichen Geburt sind ihre Daten verschlossen hinterlegt und das Kind kann mit 16 Jahren beantragen, diese einzusehen“, erklärt das Ministerium. Von den seit Mai 2014 möglichen vertraulichen Geburten gab es 2015 und 2016 im Land 21. ac

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