Weniger Flüchtlinge in Erstaufnahmestelle

Die Lage in der Landeserstaufnahmestelle (LEA) Meßstetten hat sich beruhigt. Die Zukunft der Einrichtung ist aber noch ungewiss.

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Immer weniger Neuankömmlinge in Meßstetten: Was nach der Nutzung als LEA mit dem Gelände passiert, ist ungewiss.  Foto: 

Essenszeit in der Landeserstaufnahmestelle (LEA) Meßstetten war für die Polizisten vor Ort Einsatzzeit. Während sich in den beiden Kantinen Schlangen bildeten, um das Essen abzuholen, sind dort die meisten Gewalttaten verübt worden, sagt Thomas Krebs, Leiter des Polizeireviers. „Wenn 3000 Menschen vier Mal am Tag anstehen, ist das nicht weiter verwunderlich.“ Was mit einer Beleidigung anfing, endete oft in einer Schubserei.

Bei der Veröffentlichung der Kriminalstatistik 2015 für Meßstetten präsentierte Krebs eine vergleichsweise hohe Anzahl an Delikten. Fast vier Mal so viele Straftaten wie in den Jahren zuvor hatte die Polizei 2015 verzeichnet, 879 an der Zahl. 2014 waren es noch 232 gewesen. Die Aufklärungsquote sank von 62 Prozent 2014 auf 35 Prozent 2015.

Die erhöhten Zahlen seien aber auch auf mehr Kontrollen zurückzuführen, sagt Krebs. Einmal pro Woche kontrollierte die Polizei die Geschäfte. „Eine leere Packung wurde als ein Diebstahl aufgenommen.“ Und der blieb meist ungeklärt: Bei einer Rate von 479 Ladendiebstählen wurden nur 60 geklärt. Außerdem müsse berücksichtigt werden, dass insgesamt 22.000 Menschen durch die Einrichtung geschleust worden seien. Wenn man bedenke, dass unter 286 Tatverdächtigen 149 Asylbewerber waren, komme man auf einen Anteil Straffälliger von nur 0,7 Prozent unter den LEA-Bewohnern. Zu Hoch-Zeiten waren etwa 3500 Geflüchtete in der ursprünglich für 1000 Menschen ausgelegten LEA untergebracht – aus Platznot zwischenzeitlich auch in Waffenkammern und Hörsälen.

„Teilweise zu acht in einem Viererzimmer, da kommt es zwangsläufig zu Reibereien“, sagt Krebs. Mittlerweile hat sich die Lage deutlich entschärft. Aktuell wohnen etwa 450 Geflüchtete auf dem Gelände, wo es deutlich ruhiger zugeht als vor Monaten. Das Personal wurde vermindert, von 50 Security-Leuten sind nur noch 25 da. Ein Wohnhaus, das zwischenzeitlich angemietet wurde, steht nun wieder leer und der Zaun um das geräumte Haus wurde zurückverlegt. Die zweite Kantine bleibt geschlossen. „Wir sind gerade dabei, alles wieder herzurichten, neu zu streichen und so weiter“, erzählt LEA-Pressesprecherin Patrizia Hirt.

Zwei bis zehn Neuankömmlinge hätten sie zur Zeit pro Tag, sagt Hirt. Die Bewohnerzahl sei seit Februar gleichbleibend gering. Nur lebten die Bewohner jetzt länger in der Einrichtung; manche seien schon zwei Monate da. „Die Menschen können jetzt das ganze Verfahren hier durchlaufen und warten zum Teil hier auf ihre Anhörung“, sagt Hirt. Der Druck, die Leute auf die Landkreise zu verteilen, ist weg.

Die 24-Jährige hat eine intensive Zeit hinter sich. „Es war eine hohe Belastung für alle Mitarbeiter. Innerhalb kürzester Zeit musste alles hergerichtet werden, man musste überall aushelfen“, erzählt Hirt. Dass die Bewohner teilweise auf engstem Raum lebten und unter Stress standen, habe die Sache nicht einfacher gemacht. Insgesamt ist sie aber zufrieden. „Wir haben es gut hinbekommen und können jetzt durchatmen und uns neu organisieren.“

„Aktuell werden die Geflüchteten viel besser betreut“, sagt Polizeichef Krebs. Er merkt es auch an seinem Telefon, das nicht mehr so oft läutet wie noch vor einigen Monaten. „Die Meßstetter waren hochsensibel“, erzählt er. „Sie wollten immer eine Streife sehen.“ Weil das Einkaufszentrum in Meßstetten am anderen Ende wie die LEA liegt, mussten die Flüchtlinge die Hauptstraße entlang durch den ganzen Ort dorthin. Das habe viele Anwohner beunruhigt. Mittlerweile sähe man aber fast keine Geflüchteten mehr auf der Straße. Krebs verminderte Einsatzkräfte und Einsatzzeiten.

„Seit die Zeiten der Überbelegung vorbei sind, ist auch die Stimmung bei den Einwohnern nicht mehr so aufgeheizt, wie sie mitunter war“, bestätigt Bürgermeister Frank Schroft. Das Flüchtlingsthema sei eben ein emotionales. „Es betrifft und macht betroffen.“ Im Gespräch mit Bürgern habe er fast nur Befürworter oder Gegner erlebt. „Ein richtiges Stimmungsbild konnte ich mir nicht machen.“ Auch bei ihm sei aber, seit er im September 2015 als Bürgermeister gewählt wurde, kein Beschwerdebrief eingegangen. Er wertet das als gutes Zeichen. Dass sich in der Stadt grundsätzlich etwas verändert hat, kann Schroft nicht sagen. „Wir sind zwar in den medialen Fokus gerückt, aber das Ortsgeschehen ist nach wie vor gleich.“ Er habe die Meßstetter sehr hilfsbereit erlebt.

Wie geht es weiter?

Vereinbarung Der Vertrag zwischen Meßstetten, Land und Kreis läuft zum 31. Dezember 2016 aus. Es wird aber über eine Verlängerung bis Ende 2017 verhandelt. Bis zu den Sommerferien soll Klarheit herrschen, sagt Bürgermeister Frank Schroft. „Diese Verlängerung wäre aber mit Sicherheit die letzte.“ Einen Bürgerentscheid zu einer Verlängerung wird es nicht geben. Das hat der Gemeinderat beschlossen. Wenn sich die Stadt mit Land und Landkreis einig werde, erübrige sich dies, sagt Schroft.

 

Nachnutzung Was nach der LEA mit dem ehemaligen Bundeswehrstandort passiert, ist noch ungewiss. „Ich persönlich sähe dort gerne ein interkommunales Industriegebiet“, sagt Schroft. „Dafür gibt es wohl einen großen Bedarf.“ Das sei aber seine persönliche Meinung, der Gemeinderat hat darüber noch nicht beschlossen. em

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