Warum Unternehmen trotz Trump in Mexiko investieren

|
Vorherige Inhalte
  • Was deutsche Firmen links produzieren, wollen  sie rechts verkaufen: Die mexikanisch-amerikanische Grenze.  1/4
    Was deutsche Firmen links produzieren, wollen sie rechts verkaufen: Die mexikanisch-amerikanische Grenze. Foto: 
  • Die Produktionsstätten der deutschen Autoindustrie 2/4
    Die Produktionsstätten der deutschen Autoindustrie Foto: 
  • „Viele haben weitere Projekte in Planung, da gibt es überhaupt keine Panikstimmung“ - Michael Smetz, Geschäftsführer von RUD México 3/4
    „Viele haben weitere Projekte in Planung, da gibt es überhaupt keine Panikstimmung“ - Michael Smetz, Geschäftsführer von RUD México Foto: 
  • „Auf Zollschranken hat die Welt nicht gewartet“ - Bernd Janner, Vertriebsleiter der Erwin Halder AG
4/4
    „Auf Zollschranken hat die Welt nicht gewartet“ - Bernd Janner, Vertriebsleiter der Erwin Halder AG Foto: 
Nächste Inhalte

Donald Trump? Bei dem Namen will Stephane Castet gleich loslegen, man sieht es ihm an, doch dann hält er inne, bremst seine Wortwahl.  „Business ist business“, sagt er nun kühl. „Donald Trump kann nicht einfach die Regeln ändern.“

Das Geschäft von Castet sind Fachmessen für Automobilzulieferer, er tourt damit um den Globus. Europa, Asien, USA. Gleich eröffnet der Geschäftsführer die Fachmesse in der mexikanischen Stadt Querétaro im gleichnamigen Bundesstaat, in einem futuristischen Kongresszentrum, oberhalb der zum Weltkulturerbe erklärten Altstadt mit ihrer kolonialen Architektur. Der Markt sei nirgendwo mehr in Bewegung als in Mexiko, sagt der Franzose. Die Flächen für die Aussteller musste er verkleinern, so groß war die Nachfrage. Anders als in der dahinsiechenden US-Autostadt De­troit, ebenfalls Station seiner Messe.

In einem kleinen Verschlag in der Messehalle baut Bernd Janner seinen Stand auf. Auf den Tisch stellt der Vertriebsleiter der Erwin Halder KG aus dem Kreis Biberach, 36 Millionen Euro Umsatz, 200 Mitarbeiter, eine kleine Auswahl seiner Angebote für die Hersteller von Autokomponenten auf – Spanneisen, Rastbolzen, Schnappverschlüsse. Er halte Mexiko für einen hochinteressanten Markt, sagt Janner, deshalb suche er einen Repräsentanten. Trumps Attacken auf Mexiko und seine Industrie hätten ihn „nicht euphorisiert“. Aber was der Präsident vorhabe, glaubt der Prokurist, könne nicht funktionieren. „Auf Zollschranken hat die Welt nicht gewartet.“

VW produziert seit 1964 in Mexiko, Audi seit Ende 2016. Mercedes, das bereits Lkw und Busse vor Ort herstellt, und BMW bauen neue Werke, die Stuttgarter wollen ab 2018 in Aguascalientes die A-Klasse vom Band laufen lassen, die Münchner ab 2019 in San Luis Potosí die 3er Limousine. Auch Japaner, Südkoreaner und US-Autobauer setzen auf den Standort – sehr zum Ärger von Trump. Der US-Präsident hat die Konzerne via Twitter aufgefordert, Pläne für Werke im Nachbarland aufzugeben: „Produziert in den USA – oder zahlt hohe Einfuhrzölle!“ Ford hat ein Werk für 1,6 Milliarden Dollar in Mexiko aufgegeben. Sollten andere Konzerne nachziehen, wäre das für das Billiglohnland, das sich als Werkbank für die globale Autoindustrie empfiehlt, eine riesige Katastrophe – und für die vielen baden-württembergischen Zulieferer, die sich um die Großkonzerne herum angesiedelt haben, ein Schock.

Singende Gouverneure

Michael Smetz trägt einen Sticker mit der deutschen und der mexikanischen Flagge am Revers, auffälliger aber sind die pinkfarbenen Ketten, die er an seinem Stand ausgebreitet hat. Smetz führt seit Januar 2016 am Standort Mexiko die Geschäfte des Aalener Lastenketten-Spezialisten RUD, 1500 Mitarbeiter weltweit, rund 190 Millionen Euro Umsatz. Nach der Wahl Trumps hat Smetz einige Kunden besucht. Nur bei VW in Puebla, wo 90 Prozent der Produktion für den US-Markt bestimmt sind, sei die Stimmung zurückhaltend gewesen. „Viele andere Kunden haben weitere Projekte in Planung, da gibt es überhaupt keine Panikstimmung.“ Mexiko, ist Smetz überzeugt, sei ein „absolut wachsender Markt“.

Eine Etage über den Ausstellern sitzt Gouverneur Francisco Domínguez Servién mit Baden-Württembergs Umweltminister Franz Untersteller zusammen. Es geht um Umweltschutz, vor allem aber um Trump. Untersteller führt eine Delegation heimischer Mittelständler an, potenzielle Investoren wie Janner, die sich sechs Tage in Mexiko umschauen und sich auch fragen, ob ihnen der US-Präsident das Geschäft vermasseln könnte.

Servién, eng geschnittener Anzug, gegeltes Haar, hat als Antwort eine hübsche Geschichte parat. Am Vortag habe er sich mit dem stellvertretenden Gouverneur von Michigan getroffen, einem „Trump-Staat“, wie Servién  betont. Der Milliardär hatte in der Region um Detroit, Wiege der einst stolzen und nun um ihre Zukunft ringenden US-Autoindustrie, Hillary Clinton knapp besiegt. Der Gast habe ihm versichert, fährt Servién fort, dass ihm weiter an einer engen Zusammenarbeit liege, daher werde Michigan im Juni eigens ein Büro in Querétaro eröffnen. „Das war eine Überraschung für mich“, sagt Servién und lächelt maliziös. Man habe die Übereinkunft dann mit einem schönen Abendessen besiegelt. Michigans Vize-Gouverneur habe sogar noch gesungen, „Let it be“ von den Bea­tles. Lass es gut sein – so wie der Politiker die Geschichte erzählt, klingt der Pop-Titel wie ein Abgesang auf Trump.

Anderseits können dessen Tweets – die auf 140 Zeichen beschränkten Nachrichten, die Trump über die Online-Plattform Twitter in die Welt hinausposaunt – die Börsenkurse von Großkonzernen und damit deren Chefs ins Wanken bringen. Gegen kein Land richtet sich sein Furor so stark wie gegen Mexiko. Die Wut gilt auch den Firmen, die dort investieren. Dem Land droht er mit dem Bau einer Mauer und der Rückführung illegaler Migranten, den Autokonzernen, namentlich auch deutschen, mit Einfuhrzöllen von bis zu 35 Prozent. Was Trump twittert, klingt wie der Aufruf zu einem Handelskrieg, zu dessen Verlierern auch die 1900 in Mexiko engagierten deutschen Firmen zählen würden. Dazu kommen Probleme im Land: Drogenkartelle, Korruption, ein Präsident mit unterirdischen Zustimmungswerten.

Auf ihrer Reise durch das 120-Millionen-Einwohner-Land machen die baden-württembergischen Mittelständler auch Station bei Zulieferern, die schon vor Ort aktiv sind. Das Esslinger Familienunternehmen Festo gehört dazu, 17 800 Mitarbeiter weltweit, 2,6 Milliarden Euro Umsatz, das in Mexiko nicht nur auf Automatisierungstechnik, sondern auch auf  Fortbildungskurse für Techniker und Ingenieure setzt. Geschäftsführer Bernd Schreiber begrüßt die Reisegruppe mit klaren Ansagen: „Es geht uns sehr gut! Investitionen in Mexiko lohnen sich!“ Natürlich gebe es auch Risiken, Hochs und Tiefs seien normal. „Sie müssen mittelfristig planen!“

Für skeptische Gemüter hat Schreiber Folien mit Zahlen vorbereitet, die der Projektor an die Wand wirft. Mehr als  sechs Millionen Jobs in den USA hängen danach direkt am Handel mit Mexiko. Bis   Komponenten fest ins Auto eingebaut werden, haben sie schon bis zu acht Mal die Grenzen überquert. So eng sind die benachbarten Volkswirtschaften verwoben. Schließlich: Sollte Trump das nordamerikanische Handelsabkommen NAFTA kündigen, das Mexiko die zoll­freie Einfuhr von Waren in die USA garantiert, würde das Welthandelsabkommen zum Tragen kommen, das Schwellenländer potenziell bevorzugt. Danach könnten die USA mexikanische Importe nicht wie angedroht mit Zöllen von 35 Prozent, sondern von im Schnitt 2,8 Prozent belegen – die Mexikaner könnten es dem Nachbarn aber mit Importzöllen von durchschnittlich 4,9 Prozent heimzahlen. Die Botschaft hinter den Zahlen: Trump kann es sich nicht leisten, seine Drohungen in die Tat umzusetzen.

Blitzeblanker Industriepark

Es ist ein sehr rationaler Versuch, das Vorgehen eines Präsidenten in die Planungen einzupreisen, der bislang nicht durch Berechenbarkeit aufgefallen ist.

„Trump hat andere Sorgen als den Mauerbau oder einen Handelskrieg mit Mexiko“, sagt Leopold Grimm am Rande der nächsten Automesse. „Das Tagesgeschäft wird ihn einholen – wie jeden in der Politik.“ Grimm kommt aus Spaichingen, wo der Ex-Ministerpräsident Erwin Teufel wohnt. Von 2011 bis 2014 saß der Unternehmer, Gründer und Geschäftsführer der Firma Zuführtechnik Grimm, 50 Mitarbeiter, 7 Millionen Euro Umsatz, für die FDP im Landtag, dann hat er das Feld vorzeitig geräumt. Als Unternehmer könne er sich Oppositionspolitik schlicht nicht leisten, sagt Grimm. Und ein Engagement in Mexiko? Er sei mit „null Vorstellungen“ hergekommen, nun suche er einen Standort, um in Mexiko mit einer kleinen Gesellschaft Präsenz zu zeigen. „Ich bin überrascht über die wirtschaftliche Dynamik.“ Die Mexiko-Schlagzeilen zu Hause, die sich vorrangig um Drogenkartelle, Waffenlieferungen des nahe Spaichingen beheimateten Herstellers Heckler & Koch und die Mauerpläne drehten, würden der Situation vor Ort nicht gerecht. Trumps Tiraden, glaubt Grimm, hätten vielen Mexikanern die Augen geöffnet. „80 Prozent Abhängigkeit von einem Kunden – das müsste sich auch jede Firma überlegen.“ Tatsächlich will sich Mexiko  nun breiter aufstellen, und seine Geschäfte nicht mehr einseitig auf die USA ausrichten.

Auf dem Weg zum geplanten Daimler-Werk in  Aguascalientes macht die Erkundungsgruppe in Celaya im Bundesstaat Guanajuato Station bei Ablegern des Pforzheimer Autozulieferers Witzenmann und des Stuttgarter Kolbenherstellers Mahle. Beide Firmen residieren in Industrieparks, die so blitzeblank sind, als wollten die Baden-Württemberger nicht nur ihre Produkte, sondern auch die heimische Kehrwoche anpreisen.

Seit 18 Jahren habe es in Guanajuato keinen Streik gegeben, wirbt der Bundesstaat um Investoren; nur einen Streik in 20 Jahren kann die Region Querétero in die Waagschale werfen. Dabei liegt der Mindestlohn bei nur 80 Pesos am Tag, knapp vier Euro. Ein US-Arbeiter verdient in einer Stunde mehr. Facharbeiter, die auch in Mexiko Mangelware sind, bringen es auf 500 bis 600 Euro im Monat. Günstig zu produzieren gehört zum Geschäftsmodell.

Das Mahle-Werk produziert bislang allein für Nissan. Mit Blick auf die Daimler-Pläne richtet Mahle nun aber eine neue Fertigungslinie ein; ein internationales Expertenteam ist zeitgleich mit den baden-württembergischen Mittelständlern vor Ort und stellt schon mal die künftigen Abläufe nach. Die Experten mimen Roboter, es sieht aus wie ein Spiel von Erwachsenen. Es ist eine Ergänzung zur Computersimulation – und zugleich ein Blick in die Zukunft, die für Mahle México weiteres Wachstum bringen soll. Darauf setzen sie auch hier ganz fest.

Ein letzter Versuch, trotz allem: Und was ist mit Trump? Sind seine Twitter-Drohungen auch nur ein Spiel, ein Druckmittel für bessere „Deals“, auf die am Ende keine Taten folgen? Das, erwidert Mahle-Führungskraft Bethany Toldo, sei „ein bisschen wie der Blick in die Kristallkugel“.

Abonnieren Sie das kostenlose Morning-Briefing aus der Chefredaktion
Damit starten Sie top informiert in den Tag. Außerdem im Newsletter: Die Wettervorhersage und die aktuelle Verkehrslage in der Region.
» zur Registrierung

Noch kein Kommentar

Schreiben Sie Ihren eigenen Kommentar

noch 3000 Zeichen
Mit Ihrem Kommentar akzeptieren Sie unsere Netiquette

Für registrierte Nutzer

Melden Sie sich an und schicken Sie Ihren Kommentar ab:

Für noch nicht registrierte Nutzer

Registrieren Sie sich kostenlos, um Ihren Kommentar abzuschicken:

Ich bin damit einverstanden, dass die Neue Pressegesellschaft mbH & Co. KG und ihre Tochterunternehmen mich schriftlich (per E-Mail oder Brief) oder telefonisch über ihre Medienangebote und kostenlose Veranstaltungen informieren dürfen. Meine Daten dürfen zu diesem Zweck gemäß den Bestimmungen des BDSG gespeichert, verarbeitet und genutzt werden. Die Einwilligung kann ich jederzeit widerrufen.
Ich bin mit den Datenschutzbestimmungen einverstanden. *

Bitte beantworten Sie noch die folgende Sicherheitsfrage:

neu laden
Content Management by InterRed GmbH Logo
weiter zur Startseite

Kuhberg: Was den Anwohnern Sorgen macht

30 Ulmer gehen mit dem Oberbürgermeister über den Unteren Kuhberg und sagen, was ihnen Sorgen macht. weiter lesen