Warum musste Lena auf dem Pragfriedhof sterben? Angeklagter schweigt

Im September 2015 soll er Lena W. auf dem Stuttgarter Pragfriedhof umgebracht haben, seit Montag wird Stephane V. der Prozess gemacht. Er hält das Gericht für befangen, bestreitet die Tat.

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Mitarbeiter der Spurensicherung der Polizei untersuchten im vergangenen September den Tatort auf dem Friedhof.  Foto: 

Irgendwann zwischen dem 9. und 10. September 2015 lässt Lena W. auf dem Stuttgarter Pragfriedhof ihr Leben. Das Mädchen, das gern Erzieherin werden wollte, wird nur 21 Jahre alt. Ein Friedhofsgärtner findet ihre Leiche am Morgen. In Parzelle 62, auf dem Bauch liegend, mit dem Kopf in einem Busch. Der 1,59 Meter große, zierliche Körper ist malträtiert. Mehrere Knochen sind gebrochen, viel Blut ist geflossen.

Jetzt, ein knappes halbes Jahr später, sitzt ein Freund von Lena, der 30-jährige Stephane V., auf der Anklagebank. Ein blasser junger Mann. Blaues Hemd, khakifarbener Anzug, Kinnbart. Seit gestern wird dem Beikoch und Hobby-Pianist am Landgericht in Stuttgart der Prozess gemacht. Kurze Zeit nach der Tat war er von der Polizei als Verdächtiger ausgemacht worden - an seiner Kleidung hatte man Lenas Blut gefunden, am Tatort Knöpfe seines Hemdes.

Zwischen 22.40 und 23.53 Uhr soll Stephane V. Lena in jener Nacht auf dem Friedhof ein Tongefäß übergezogen und sie mit Schlägen und Tritten gegen Kopf, Hals und Brustkorb bearbeitet haben, bis die zierliche junge Frau erstickte beziehungsweise verblutete. Die Anklage lautet auf Totschlag. Viel mehr hatte der Staatsanwalt bei der Verlesung der Anklageschrift gestern nicht zu sagen. Denn vieles liegt in diesem Indizienprozess noch im Dunkeln. Die genauen Tatumstände und das Motiv sind unklar. V. hat die Tat im Vorfeld zudem mehrfach bestritten. Im Gerichtssaal gestern schwieg er.

Stattdessen stellte sein Verteidiger einen Befangenheitsantrag gegen die Richter der Kammer. Diese seien voreingenommen, hätten andere mögliche Täter nicht in Betracht gezogen. Der Anwalt monierte zudem, dass das Gericht vor der Verhandlung bereits darauf hingewiesen habe, dass im Falle einer Verurteilung eine solche auch wegen heimtückisch begangenen Mordes erfolgen könnte. Dabei sei dafür "nicht die Spur eines Ansatzes zu erkennen".

Die Ermittlungsarbeit der Polizei sei obendrein "einseitig und schlampig" gewesen. So passe etwa die geringe Menge des Blutes, die auf V.s Kleidung gefunden worden war, nicht zur Tat, bei der ja viel Blut geflossen sei. Vielmehr stamme es von einem Partyabend zwei Tage zuvor, bei dem Lena W. Nasenbluten gehabt habe, davon habe V. etwas abbekommen, sagte der Verteidiger. Doch die Vorgeschichte seines Mandanten mache ihn offenbar zum perfekten Verdächtigen.

Das Gros seines Lebens verbrachte Stephane V. demnach in psychiatrischen Einrichtungen oder im Gefängnis. In der Vergangenheit wurden ihm unter anderem Brandstiftungen und Betrugsdelikte zur Last gelegt. Dabei häufte er Schulden von rund 100 000 Euro an. Die Ursache dürfte in seinen zerrütteten familiären Verhältnissen liegen. Mit der Mutter war er als Kleinkind von Belgien nach Deutschland gekommen, nachdem diese den Vater verlassen hatte. Sie soll es nie geschafft haben, zu ihrem Sohn eine emotionale Bindung aufzubauen, wie ein Psychiater im Gerichtssaal berichtete. Der Vater wurde derweil wegen Sexualdelikten inhaftiert, er soll sich unter anderem an der älteren Schwester des Angeklagten vergangen haben. Mit sieben Jahren kam V. ins Heim, dort zündelte er das erste Mal.

Dinge, die für ihn jedoch in der Vergangenheit liegen. Er selbst betrachte sich nicht als verrückt, hatte er dem Psychiater mitgeteilt. Und er sehe derzeit keinen Anlass für eine Therapie. Gleichwohl sagte er dem Forensiker, er werde sich im Falle einer Verurteilung umbringen, denn dann sei sein Leben vorbei. Noch aber hofft Stephane V. auf einen Freispruch. Außerdem wünschte er, Lena sei noch am Leben, wie er dem Psychiater ebenfalls sagte.

Seine Version der Tatnacht ist daher auch eine andere: Er habe sich mit Lena getroffen, weil sie gemeinsam eine Wohnung anschauen wollten - schon einmal hatten sie für einige Monate zusammengelebt. Das Verhältnis sei rein freundschaftlich gewesen, beim Feiern in der Disco hätten sie hin und wieder geknutscht - ohne mehr zu wollen.

Auf dem Weg habe Lena einen Anruf erhalten, sie müsse sich mit jemandem auf dem Pragfriedhof treffen. Er habe sie begleitet, einige Zeit mit ihr gewartet. Dort seien drei Kiffer gewesen, mit denen er in Streit geraten sei, weil er Drogenkonsum verabscheue. Bei einem kleinen Handgemenge seien ihm die Knöpfe vom Hemd gerissen worden. Der Konflikt sei aber schnell beigelegt worden. Er habe den Friedhof dann verlassen - Lena sei zurückgeblieben. Das sei das letzte Mal gewesen, dass er sie gesehen habe. Auf SMS habe sie nicht mehr reagiert. Ob diese Version wirklich stimmen kann, soll sich spätestens Ende März entscheiden - dann soll das Urteil fallen.

Scharfes Schwert für die Verteidigung

Prozesstaktik Befangenheitsanträge gegen Richter sind in größeren Strafverfahren ein scharfes Schwert der Verteidigung. Oft werden sie als Mittel der Prozesstaktik genutzt - etwa um Verfahren hinauszuzögern oder einen Ansatz für eine spätere Revision zu haben. Laut Strafprozessordnung kann ein Richter "wegen Besorgnis der Befangenheit" abgelehnt werden, wenn "ein Grund vorliegt, der geeignet ist, Misstrauen gegen die Unparteilichkeit eines Richters zu rechtfertigen". Grund kann das Verhalten des Richters vor und während eines Verfahrens sein - etwa, wenn Zweifel an der Objektivität aufkommen. Dabei kommt es rechtlich nicht darauf an, ob der Richter wirklich parteiisch ist. Es reicht schon aus, wenn es begründete Zweifel an der Unvoreingenommenheit gibt.

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