Warten auf den Wahlkampf

Fernduell ja, Wahlkampf nein: Beim Politischen Aschermittwoch klopften die Grünen und die CDU genüsslich aufeinander ein. Die Kontrahenten Kretschmann und Wolf hielten sich aber auffallend zurück.

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  • Der kantige Landeschef Winfried Kretschmann (Grüne, links) und sein vor Zuversicht strotzender Herausforderer Guido Wolf (CDU): Am gestrigen Politischen Aschermittwoch gaben beide ihre Linie vor, ohne sich aber dabei gegenseitig persönlich zu beharken. Fotos: dpa 1/2
    Der kantige Landeschef Winfried Kretschmann (Grüne, links) und sein vor Zuversicht strotzender Herausforderer Guido Wolf (CDU): Am gestrigen Politischen Aschermittwoch gaben beide ihre Linie vor, ohne sich aber dabei gegenseitig persönlich zu beharken. Fotos: dpa
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Am Ende der Fasnet wird in Biberach gebürstet: Die Jecken kehren die närrische Zeit, die Grünen die Politik im Land aus - letztere seit nun schon 20 Jahren. Damit der Bürsten und Besen nicht genug: Zeitgleich steigt der ebenso traditionelle Fastenmarkt in der Stadt. Die Grünen mussten also nach der Ankunft am Bahnhof auf dem Weg zur Stadthalle etliche Bürstenbinder-Buden passieren.

Als hätten sie's gewusst, war die Moosbacher Delegation mit einer Winfried-Kretschmann-Fahne unterwegs - gehisst, na klar, auf einem Schrubber, da auch passend zur Frisur des Ministerpräsidenten. Ihren "Bürstenkönig" hatten sie standesgemäß gekrönt - in Erwartung eines gehörigen "Kehraus" bei der Opposition. Sie sollten irrten.

Schmähreden auf die Schwarzen besorgen die Vorredner - die FDP dient als Randnotiz, der Koalitionspartner SPD als Fußnote. Landeschefin Thekla Walker ist für den Begrüßungsreigen, die Bundestagsabgeordnete Agnieszka Brugger für den Blick nach Berlin zuständig - das typische Aschermittwoch-Gepolter liegt beiden weniger.

So besorgt Alexander Bonde das Fernduell mit der in Fellbach tagenden Union: Aschermittwoch sei "der einzige Tag, an dem man der CDU mal auf gleichem Niveau begegnen darf", erklärt der Landwirtschaftsminister, der einst kräftig mit Schwarz-Grün liebäugelte, doch nach Nationalpark- und Jagdgesetz-Zoff nun keinen Seitenhieb auf die Union mehr auslässt.

Bonde zieht vom Leder, bejubelt von rund 800 Zuhörern. Der für die Jagd zuständige Minister stellt der Opposition nach - wie praktisch, dass der Nachname von CDU-Spitzenkandidat Guido Wolf Raum für Wortspiele bietet. "Was ist der Unterschied zwischen den Gebrüdern Grimm und der Südwest-CDU? Bei den Gebrüdern Grimm kommt der Wolf im Märchen vor. Bei der CDU erzählt er sie gleich selber."

So arbeitet Bonde Wolfs Kritik an Grün-Rot ab - etwa Defizite beim Breitbandausbau oder nicht abgerufene Straßenbau-Mitteln. Er hält "Pannen-Guido" vor, bei der Suche seines Nachfolgers für den Job des Landtagspräsidenten die Frauen vergrault zu haben. "Die Jungs haben's im Hinterzimmer ausgekaspert". Und: Bonde lobt ausführlich das Erreichte von Grün-Rot.

Hübsche Idee Bondes: Er liest vor aus dem "Handlungsleitfaden Wolf" des Landes. Kapitel 7 erläutert, wie mit auffälligen Wölfen umzugehen ist. Der Witz ergibt sich von ganz allein. Wolfserwartungsland Baden-Württemberg? "Die Landesregierung ist vorbereitet."

Der Saal tobt, als Bonde Kretschmann nach vorne bittet. Aber dieser schwäbelt: "Jetzt haben wir's ja sehr luschtig g'habt. Aber jetzt wird's ernscht." Gewalt in der Ukraine, in Palästina, in Paris: "In solch schwierigen Zeiten ist Konsens wichtiger als sonst." Es spricht der Ethiklehrer Kretschmann - ein Appell für Europa, eine Replik auf Pegida, eine Laudatio auf die Religionsfreiheit.

Kein Wort zu Wolf. Der Landes-CDU gesteht er zu, in 58 Jahren Regierung "auch viel erreicht" zu haben. "Aber wenn man glaubt, man weiß schon alles und man macht schon alles richtig, dann macht man halt die ersten Fehler. Sonst würden wir jetzt nicht regieren."

Abzuarbeiten hat sich Kretschmann an den drei Oberbürgermeistern aus Ulm, Mannheim "und leider auch Freiburg" - zwei von der SPD, letzterer, Dieter Salomon, aus eigenen Reihen. Das Trio hatte die Pläne des Landes kritisiert, das Quorum für Bürgerentscheide auf kommunaler Ebene zu senken. "Es ist einfach schön, dass man Parteifreunde hat", ätzt Kretschmann. Er wirft den Schultes vor, sie wollten sich bloß nicht in die Suppe spucken ("neischlotzen") lassen.

Mehr Gardinenpredigt als Aschermittwoch-Gepolter. Und doch erntet Kretschmann Begeisterungsstürme. Der Ministerpräsident hat getan, was er am besten kann: gegen den Strich bürsten.

Mit einem Landeschef wie die Grünen kann die CDU nun schon zum vierten Mal in Fellbach nicht aufwarten. Aber die Durststrecke beginne für sie absehbar zu werden: Für "den zukünftigen Ministerpräsidenten" räumt CDU-Landeschef Thomas Strobl nach einer knappen halben Stunde das Rednerpult in der krachend vollen Alten Kelter. Zuvor hat er die rund 2000 Anhänger eingeschworen, für das große Wahlkampfziel "zu kämpfen und zu ackern". Dreimal kommt Strobls Frage "seid Ihr bereit?" Die Antwort steigert sich zum donnernden "Ja". "Das hatten wir schon mal", erinnert ein alter Fahrensmann lapidar an unselige Zeiten und findet es deshalb "gut, dass Guido Wolf unser Spitzenkandidat ist."

Der begrüßt um Punkt zwölf Uhr das "liebe große Wolfsrudel", das der örtliche Bundestagsabgeordnete Joachim Pfeiffer zum Auftakt schon mal zu Geheul hat anstimmen lassen. Man ist "beim größten politischen Stammtisch des Landes", beim Aschermittwoch der baden-württembergischen CDU.

Dass hier und heute nicht etwa der Wahlkampf beginnt, war Wolf zuvor im Pressegespräch wichtig. Wann der eigentliche Wahlkampf starten soll, wollen Amtsinhaber und Herausforderer in Kürze besprechen. Beim Riedlinger Froschkuttelessen am Faschingsdienstag habe man das nochmals vereinbart.

Aber natürlich will ein gut aufgelegter Guido Wolf in Fellbach "nicht eine besondere Eignung für den diplomatischen Dienst" unter Beweis stellen. Vielmehr wird so schwungvoll wie pauschal abgerechnet mit dem "Chaos in der Bildungspolitik", der "Verriegelung in der Wirtschaftspolitik", der nicht vorhandenen Mobilitätspolitik, der überall gängelnden "Verbotspolitik".

Und immer zielt alle Kritik, wie schon bei Strobl ("war früher die preußische Pickelhaube Symbol des Obrigkeitsstaates, ist es heute die Sonnenblume der Grünen"), allein auf die Grünen. Zu deren Koalitionspartner fällt Wolf nur ein frecher Satz ein: "Sommer ist, wenn die Temperaturen wieder höher als die Umfragewerte der SPD sind." Der für die CDU so lästig populäre Landeschef Kretschmann wird namentlich nie erwähnt. Umso mehr jauchzt man an den Biertischen, wenn dessen Verkehrsminister Winfried Hermann, "die personifizierte Feststellbremse", ins Visier gerät.

Die Grundmelodie ist unüberhörbar: Hier die grünen "Zukunftsverweigerer", dort mit "glasklarem Siegeswillen" die Christdemokraten. Über Details lässt Wolf sich nicht aus. Die CDU wolle, "dass wieder Hoffnungsträger das Sagen haben und nicht mehr die Bedenkenträger". Er verspricht, einerseits "eine Koalition mit der Zukunft" eingehen wollen, andererseits "mit unseren eigentlichen Verbündeten, den Menschen im Land." Einen Reim gibt's obendrein: "An dieser Partei kommt keiner vorbei, und die es probieren, werden verlieren."

Wolf weiß, um Grün-Rot 2016 zu schlagen, muss "die einzige Volkspartei" viele einbinden: "Ich will den Menschen wieder mehr Verantwortung zurückgeben, der Staat kann nicht alles", wirft der er den Köder in Richtung liberale Wähler aus. Und wer mit der AfD liebäugelt, wird von Wolf auf den rechten Ja-aber-Weg geführt. Dem Bekenntnis zu Europa folgt der Satz: "Wir versaufen nicht für Griechenland unser Oma ihr klein Häuschen. In das Fass Griechenland muss endlich ein Boden."

Das geneigte Volk dankt mit tosendem Beifall. In der Kelter geht die Rechnung auf. Wolf merkt, dass er den Spagat stehen kann. Applaudiert wird dem Nein zu jeglicher Hetze gegen Fremde, aber auch dem Satz: "Nicht jeder, der sich mit Fragen der Zuwanderung kritisch auseinandersetzt, ist ein Rechtsextremer." Nach 45 Minuten verabschiedet sich Wolf mit dem Satz: "Lieber ein Haus im Grünen, als die Grünen im Haus!" Den Jubel kann man überbordend nennen.

Liberale Kampfansage

Positionierung Mit einer Kampfansage an die Grünen haben sich die Liberalen in Stellung gebracht. Die FDP setze "der Verbots- und Verzichtsideologie der Grünen" das Konzept einer Partei entgegen, die dem Markt mehr vertraue als dem Staat, sagte FDP-Landeschef Michael Theurer vor rund 150 Anhängern in Karlsruhe. Fraktionschef Hans-Ulrich Rülke spottete über Kretschmann: Dieser wirke auf viele "wie ein älterer Hund, der tut nichts, wenn man ihm im Wald begegnet".

 

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