Wahlkampf in der fünften Jahreszeit: Warum sich Politiker gern auf die Anklagebank setzen

Büttenreden, Umzüge, Prunksitzungen, Ordensverleihungen, Anklagen: In diesen Tagen müssen Politiker beweisen, dass sie nah am Narren sind - und damit auch an den Wählern, die unter der Verkleidung stecken.

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"Für Dich ist es aus - komm freiwillig raus!" Mittwoch, 12.01 Uhr, eine Abordnung der schwäbisch-alemannischen Narrenzünfte steht vor dem Neuen Schloss in Stuttgart. Ministerpräsident Winfried Kretschmann soll den Schlüssel zur Macht übergeben. Der Grünen-Politiker hat den blauen Bauernkittel übergestreift, den er seit Jahrzehnten trägt, wenn's närrisch wird. In einer Hand hält er einen überdimensionalen Schlüssel, in der anderen sein Reime-Manuskript. "Machst mit Leidenschaft Du Politik - passiert auch mal ein Ungeschick. Rutscht die Hos' den Arsch hinunter - wird's im Landtag ganz schön munter!", gibt er eine Parlaments-Episode auf seine Kosten zum Besten.

Bis Aschermittwoch haben die Narren das Sagen im Land - und die Politiker das Nachsehen. So will es der Brauch, so suggerieren es die Zünfte und Vereinigungen mit symbolischen Akten wie dem Einzug in Rathäuser und Repräsentationsräume von Regierungen. Die Politik macht mit, weil sie kein Spielverderber sein will. Vor allem aber, weil sie erkannt hat, dass ihr der bunte Ausbruch aus dem grauen Alltag von Nutzen ist. Dass, wer Humor beweist, sich nicht nur nah am Narren zeigt, sondern auch am Wähler, der sich unterm Häs versteckt.

Dornstetten, Landkreis Freudenstadt, Sonntagnachmittag. Zum Großen Umzug sind 90 Zünfte aus dem ganzen Land angereist. Trotz Dauerregens säumen unzählige Besucher die Straßen, um 3000 Hästräger zu bestaunen - und den Mann, der auf dem historischen Marktplatz vom "Narrengericht" angeklagt wird: CDU-Spitzenkandidat Guido Wolf im Mittelalterkostüm.

Die Verlesung der Anklage muss der "Delinquent" kniend über sich ergehen lassen, eine besondere Art der Verneigung vor dem Volk. Er reise für seine politische Karriere sogar in das Land der Mitte, um mit China anzubändeln, ist einer der Punkte, die ihm auf der Bühne vorgehalten werden. "Was wollt' Ihr denn, Ihr Roten Roben, den Wolf gilt's allenfalls zu loben", zeigt sich der Angeklagte so reim- wie schlagfertig. Den Antrag eines Schöffen, das Urteil auf den 13. März - den Tag der Landtagswahl - zu vertagen, weist der Vorsitzende des Narrengerichts aber ab: Da sei er bereits auf einer CDU-Wahlsiegerparty in Stuttgart eingeladen.

Selten lag so wenig Zeit zwischen den Urteilen von Narrengerichten und dem Wählervotum, zwischen Umzügen und Urnengang. Faschingsveranstaltungen sind daher Bestandteil des Wahlkampfs. Nur, dass das Werben an den tollen Tagen nicht mit offenem Visier geführt wird.

Am Abend, beim nächsten Termin im von Dornstetten 130 Kilometer entfernten Donzdorf, Landkreis Göppingen, muss sich Wolf die Aufmerksamkeit mit zwei Dutzend Politikern teilen, darunter SPD-Spitzenkandidat Nils Schmid, der als Lucky Luke verkleidet ist, und FDP-Frontmann Hans-Ulrich Rülke, der einen Blues Brother mimt. Es sei Landtagswahl, sagt der Sitzungspräsident in der im Fernsehen übertragenen "Schwäbischen Fasnet" des SWR, daher sei eine "ganze Schwemme" von Politikern im Saal. In der Politik sei einer "träger" als der andere, macht gleich die erste Rednerin Witze auf Kosten der anwesenden Prominenz. Die lächelt, auch wenn es mitunter wehtun muss.

Es ist ein Geschäft auf Gegenseitigkeit: Die Politiker bekommen Aufmerksamkeit und irgendwelche Orden, die Narren den Glanz ihrer Ordensträger und obendrein eine Zielscheibe für ihren Spott frei Haus.

Den nehmen die Spitzenkandidaten gern in Kauf, wenn sie sich den Wählern in buntem Kostüm und fröhlich schunkelnd ganz volksnah in Erinnerung rufen können. Rund 640 000 Baden-Württemberger schauen sich die Donzdorfer Sitzung an diesem Abend im Fernsehen an. Das TV-Duell von Kretschmann und Wolf zweieinhalb Wochen zuvor hatte 500 000 Zuschauer. Das galt als Erfolg - an die Zugkraft des Festivals der guten Fasnetslaunen aber kommt ein knallhartes Politik-Format nicht heran.

So hat sich Nils Schmid für die populäre Prunksitzung "Mainz bleibt Mainz", die das ZDF am Freitag überträgt, einen Platz gesichert. So werden sich Wolf und Kretschmann am Montag beim Rottweiler Narrensprung und am Dienstag beim Riedlinger Froschkuttelnessen begegnen, für das sich auch zahlreiche Kamerateams angemeldet haben.

Bei der Narrenzunft Gole in Riedlingen haben die beiden 2014 erstmals gemeinsam die traditionelle Froschkuttel-Suppe ausgelöffelt. Dabei trug Kretschmann Wolf das "Du" an. "Bevor wir uns die Köpfe einschlagen: Ich bin der Winfried." Den Wahlkampf hatten sie da offenbar schon fest im Blick.

Rathaussturm und Narrensprung

Umzüge Narri Narro: Mit dem "Schmotzigen Dunschtig" beginnt am Donnerstag die heiße Phase der schwäbisch-alemannischen Fastnacht. Rathäuser werden gestürmt und Hemedglonker-Umzüge starten, die Narren übernehmen das Zepter. Für Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt (CSU) wird es am Abend ernst: Er muss sich in Stockach (Kreis Konstanz) vor dem traditionellen Narrengericht verantworten. Eine Fastnachts-Institution, das Gericht ist schon über 600 Jahre alt.

Tradition Ein weiterer Höhepunkt lockt am Rosenmontag in Rottweil: Zum Narrensprung machen sich pünktlich früh um acht tausende Hästräger auf den Weg. Das Spektakel wird noch weitgehend so gefeiert wie im 18. Jahrhundert. Landauf, landab laden die Narrenzünfte bis zum nächsten Dienstag zu ihren Fasnetsumzügen ein. 

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