Vom Knast in den Job

Für Haftentlassene soll es künftig gezielte Betreuung bei der Arbeitssuche geben. Das forderte die Straffälligenhilfe bei einer Tagung in Bad Boll. Justizminister Rainer Stickelberger will sich darum kümmern.

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"Geregelte Arbeit ist das A und O für eine gelingende Resozialisierung." Das ist für Generalstaatsanwalt Achim Brauneisen eine Binsenweisheit. Aber: In welchem Umfang das gelingt, weiß man nicht. Brauneisen, auch Vorsitzender des Verbandes Bewährungs- und Straffälligenhilfe, kennt dazu keine Zahlen. Auch Astrid Mast von der Agentur für Arbeit, bei der Haftentlassene als Arbeitssuchende landen, kann keine nennen. Für Brauneisen zeigt das: "Die Arbeitsvermittlung von Haftentlassenen ist bisher nicht im Blickfeld", ein nahtloser Übergang von der Haft in Arbeit oder mindestens in tagesstrukturierende Maßnahmen gelinge nur in Ausnahmefällen, klagt das Netzwerk Straffälligenhilfe. Obwohl der Arbeitsmarkt brummt.

Warum klappt es nicht?, fragt Tagungsleiter Wolfgang Mayer-Ernst in der Evangelischen Akademie Bad Boll. Fehle es an der Zusammenarbeit der Akteure? Für Brauneisen ist das keine Frage. Bis zu sieben Stellen mit ihren Bürokratien seien im Spiel, wenn ein Häftling den Schritt in die Freiheit macht. Von der Bewährungs- und Straffälligenhilfe bis zum Land- oder Stadtkreis als Sozialleistungsträger. Aber jeder arbeite seinen Part ab, eine Vernetzung gebe es nicht. Nur lokal, in einzelnen Räumen, gibt es "bedeutsame Projekte", sagt Justizminister Rainer Stickelberger, wo beispielsweise die Resozialisierungsbeauftragten der Agentur für Arbeit eingebunden sind. Eines davon ist INSA, gefördert vom Europäischen Sozialfonds. Wie sieht es in der Fläche aus? Er kenne diese Resozialisierungsbeauftragten gar nicht, die da in die Gefängnisse gehen, um Häftlinge auf ihre Arbeitsperspektiven vorzubereiten, erklärt ein Sprecher der Bewährungshilfe. Man solle sie "aus ihren Verstecken rausholen und zum Leben erwecken". Brauneisen resümiert: "Es gibt ganz viele Nahtstellen, an denen etwas schiefgehen kann." Wichtig sei, dass sich die Zuständigen kennen. Man brauche ferner klare Standards und Vorgaben zur Zusammenarbeit.

Dazu soll nun das Beispiel aus Hessen aufgegriffen werden: eine Arbeits-Integrationsvereinbarung "auf allerhöchster Ebene", so Brauneisen, die bürokratische Hemmnisse abbaue. Stickelberger sichert zu, sich dafür einzusetzen und die Federführung bei den Verhandlungen zu übernehmen. Von den Fraktionen im Landtag erwarte er dazu ein gutes Signal. "Ich glaube, wir kämen dabei auf einen guten Weg."

Eine Studie aus Nordrhein-Westfalen, das eine Kooperationsvereinbarung mit der Bundesagentur für Arbeit geschlossen hat, zeigt: Häftlinge waren vorher schon überwiegend arbeitslos. Bei den Erwachsenen waren dies zwei Drittel, davon 40 Prozent langzeitarbeitslos. Das hat Gründe. 35 Prozent hatten keinen Schulabschluss, 57 Prozent keinen Berufsabschluss. Aber: In der Haft können sie Abschlüsse nachholen, schulische wie berufliche.

Das wird auch genutzt, wie Mast sagt. Von 5300 Häftlingen im Land, die überwiegend weniger als zwei Jahre absitzen (60 Prozent), gingen 284 in den Hauptschulunterricht, 45 in die Realschule. Gut 200 erwarben den Abschluss, acht machten sogar das Abitur. Fast 500 weitere holten eine Berufsausbildung nach, davon waren 208 erfolgreiche Abgänger. Weitere 1000 Gefangene absolvierten eine berufliche Weiterbildung, vom Schweißerlehrgang bis zum EDV-Kurs (448). Und was das "Sitzen" betrifft: In baden-württembergischen Gefängnissen gelte Arbeitspflicht, betont Stickelberger.

Viele Häftlinge müssen erst an ihrem Deutsch arbeiten. 787 besuchten einen Sprachkurs, 74 lernten Lesen und Schreiben.

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