Vögel machen sich auf Feldern rar

Naturschützer schlagen Alarm: Die Zahl der Vögel auf den Feldern hat sich in den vergangenen 20 Jahren halbiert. Schuld sei der Pestizideinsatz. Bauern wehren sich: Pflanzenschutz sei nötig und nicht übertrieben.

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  • Bedroht: Haubenlerche (links), Kuckuck, Kiebitz (unten, von links) Rebhuhn,Wiesenpieper (ganz unten) und Braunkehlchen. Fotos: Jasmin Jergon/Fotolia/iStockphoto/Deutscher Jagdverband 2/4
    Bedroht: Haubenlerche (links), Kuckuck, Kiebitz (unten, von links) Rebhuhn,Wiesenpieper (ganz unten) und Braunkehlchen. Fotos: Jasmin Jergon/Fotolia/iStockphoto/Deutscher Jagdverband
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Kuckuck, Braunkehlchen, Kiebitz, Wiesenpieper, Haubenlerche oder Rebhuhn - alles Vögel der Feldflur, sie leben in der Agrarlandschaft, die mehr als 50 Prozent der Fläche ausmacht. Und sie werden immer weniger: Seit den 90er Jahren liegt der Schwund allein beim Rebhuhn bei 90 Prozent. Nimmt man alle sechs Arten zusammen, ist die Zahl der Brutpaare in Baden-Württemberg in 20 Jahren um 78 Prozent zurückgegangen. 66 Prozent der Feldvogelarten stehen auf der Roten Liste, sind vom Aussterben bedroht. Bei Brutvögeln anderer Lebensräume sind es "nur" 39 Prozent. Diese Zahlen nannte gestern der Bund für Umwelt und Naturschutz (BUND).

Eine der Ursachen für den alarmierenden Rückgang sei der Pestizideinsatz in der Landwirtschaft, sagt der BUND. Seit 1994 sei der Inlandsabsatz von Pflanzenschutzmitteln um 10 000 auf 41 000 Tonnen gestiegen. Besonders kritisch: der Einsatz der Neonikotinoide. "Sie weisen eine außergewöhnlich hohe Toxizität auf", sagt Berthold Frieß vom BUND. Das Insektenvernichtungsmittel wird als Beizmittel zur Ummantelung des Saatguts benutzt. Es ist relativ langlebig, reichert sich im Boden an und kann von Pflanzen und Tieren aufgenommen werden. "Schaden in der gesamten Nahrungskette" sei so möglich. Wenn Bienen, Schmetterlinge und andere Insekten, Nahrung der Vögel, von behandelten Pflanzen fressen, werden sie vergiftet. 2008 waren die Insektizide Thema: Da lösten sie am Oberrhein ein großes Bienensterben aus. Der BUND fordert ein Verbot solcher Pestizide, einen wirksamen Aktionsplan zur Reduzierung des Pestizideinsatzes insgesamt und zehn Prozent ökologische Ausgleichsflächen auf den bewirtschafteten Agrarflächen.

"Sinnvoller Pflanzenschutz ist notwendig", sagt Heiner Krehl vom Landesbauernverband in Stuttgart, ohne Mindesteinsatz der Spritzmittel sinke der Ertrag. "Kein Landwirt verspritzt wie wild und unkontrolliert Pflanzenschutzmittel", jeder Bauer wolle so naturschonend wie möglich wirtschaften. "Außerdem kostet jedes Gramm Pflanzenschutzmittel Geld." Um die Menge des Spritzmittels zu verringern, sei aber mehr Forschung nötig.

Zehn Prozent ökologische Ausgleichsfläche, wie vom BUND gefordert, seien nicht machbar, meint Krehl: Das passe nicht in die Zeit - "angesichts der Welternährungsproblematik, des Flächenverbrauchs und der Knappheit an Agrarflächen." Auch die EU plane, Zahlungen vom freigehaltenen Grünflächenanteil abhängig zu machen. Statt bürokratischer Vorgaben sei modernes "Greening" besser: gezielte Düngung, gezielter Pflanzenschutz, kontrolliert und auch naturschonend.

Natürlich setzten sich auch die Landwirte für die Feldvögel ein, versichert Krehl: Konkret, wenn Ackerränder nicht gemäht werden, damit Wildpflanzen wachsen können. "Das machen viele Bauern freiwillig." Bei der "Aktion Lerchenfenster" verzichten Bauern auf Ertrag, indem sie beim Säen Lücken lassen - so bleiben etwa im Weizenfeld Inseln für Wildwuchs, Platz zum Nisten. Die "Aktion Lerchenfenster" laufe erfolgreich, sagt Andre Baumann vom Naturschutzbund Deutschland: "Da haben viele Bauern mitgemacht und tolle Arbeit geleistet." Einsatz für die Vogelarten sei dringend nötig, Die Bestände von Arten wie Feldlerche oder Kiebitz seien "im freien Fall". Nicht nur wegen des Pestizideinsatzes, sagt Baumann, veränderte Kulturfolgen und größere Bodenbelastung in der intensiveren Landwirtschaft seien mitschuldig. Wenn etwa nachwachsender Rohstoff bereits zwei, drei Wochen vor der Reife abgeerntet wird. Die Ernte sei besser verwertbar in Biogasanlagen, frühes Abernten sei aber auch Gift für Insekten und Vögel, die daran nicht angepasst seien, sagt Baumann.

Akuten Handlungsbedarf sieht auch Agrarminister Alexander Bonde (Grüne). Gegen den Schädling Maiswurzelbohrer setze man nicht auf Pestizide, sondern auf umweltfreundliche Fruchtfolge, mit dem Verbot von Grünlandumbruch erhalte man Wiesen, das Land setze sich zudem für Öko-Vorrangflächen als Bestandteil der EU-Agrarpolitik ein.

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