Villinger Granaten-Anschlag: Security-Streit als Motiv

Der Konkurrenzkampf zweier Sicherheitsfirmen im Raum Villingen-Schwenningen ist offenbar der Grund, warum Ende Januar eine Handgranate in ein Asylheim geworfen wurde. Drei Männer wurden verhaftet.

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Zehn Tage nach dem Anschlag mit einer scharfen Handgranate auf eine Flüchtlingsunterkunft in Villingen sind drei Tatverdächtige verhaftet worden. Die Polizei geht davon aus, dass ein Streit zwischen Sicherheitsunternehmen das Motiv ist.  Foto: 

Wenn Menschen im Sicherheitsbereich arbeiten und für das Wohl anderer, meist schutzbedürftiger Menschen verantwortlich sind, dürfen sie nicht zimperlich sein. Sind sie in der Regel auch nicht. Es ist allgemein bekannt, dass Wachleute zulangen können, wenn es nötig ist. Aber dass sie im Konkurrenzkampf untereinander gewalttätig werden, scheint eher die Ausnahme zu sein. So zumindest ist es aus der Branche zu hören. Bei dem Handgranaten-Anschlag auf eine Flüchtlingsunterkunft in Stadtbezirk Villingen Ende Januar handelt es sich offenbar um solch eine Ausnahme. Die Polizei sieht keine Anhaltspunkte für eine fremdenfeindliche Tat. Stattdessen sollen Konflikte, „die zwischen den im Schwarzwald-Baar-Kreis tätigen Sicherheitsunternehmen bestehen, die Ursache sein“, heißt es in einer Pressemitteilung der Polizei und der Staatsanwaltschaft.

Wer in der Nacht zum 29. Januar die mit Sprengstoff gefüllte Handgranate auf das Gelände einer Flüchtlingsunterkunft in Villingen geworfen hat, ist bislang nicht bekannt. Die Granate blieb vor dem Container des Wachpersonals liegen, explodierte aber nicht. Niemand wurde verletzt.

Am Montag und Dienstag wurden vier Männer aus den Kreisen Rottweil und Schwarzwald-Baar festgenommen, drei von ihnen im Alter von 23, 27 und 37 Jahren kamen in Haft. Für den vierten habe es keinen Haftgrund gegeben, sagt Andreas Mathy, Sprecher der Staatsanwaltschaft Konstanz. Die Männer, bei denen es sich um Russland-Deutsche handeln soll, seien an dem Handgranaten-Anschlag „beteiligt gewesen“, informiert die Polizei. Was das bedeutet, wird aus „ermittlungstaktischen Gründen“ nicht erklärt.

Nach dpa-Informationen vermutet die Polizei, dass die Verdächtigen der regionalen Rockerszene angehören. Mit kriminellen Rockern gibt es schon seit Jahren Probleme. Rockerähnliche Gruppierungen wie die United Tribuns oder die Black Jackets haben im Südwesten den Angaben zufolge knapp 500 Mitglieder. Die Clubs sind fast über den ganzen Südwesten verteilt. Schwerpunkte gibt es um Stuttgart, Ulm, Karlsruhe, Mannheim, Heidenheim, Villingen-Schwenningen und am Bodensee. Dass die Spur der Tatverdächtigen in die Rockerszene führt, wird von seiten der Staatsanwaltschaft nicht bestätigt. „Es gibt keine Hinweise, dass es einen Bezug zum Rockermilieu gibt“, sagt Andreas Mathy.

Rupert Kubon, Oberbürgermeister von Villingen-Schwenningen, forderte Konsequenzen. In der Sicherheitsbranche habe es zuletzt großen Zuwachs gegeben. „Da gibt es offensichtlich auch mehr als nur schwarze Schafe“, sagte er. „Man muss bei der Auswahl der Sicherheitskräfte sehr genau schauen, wen engagiert man da. Aus der Eile und aus der Not heraus hat man offensichtlich nicht die richtigen Leute gefunden.“ Es sei nun für alle beteiligten Behörden wichtig, künftig noch genauer hinzuschauen und die Kräfte zu durchleuchten. Für die Sicherheitskräfte in der Flüchtlingsunterkunft in Villingen ist das Regierungspräsidium Freiburg zuständig. Das hat die Aufträge an Sicherheitsfirmen bislang wegen der hohen Dringlichkeit „freihändig“ vergeben. Das heißt, sie wurden nicht ausgeschrieben, sondern kamen über Kontakte zu Firmen zustande. „Damit hatten wir bislang Glück“, sagt ein Sprecher. Künftig sollen die Leistungen europaweit ausgeschrieben werden.

Dass Mitarbeiter von Sicherheitsfirmen mit Gewalt aufeinander losgehen, ist für Barny Sancakli neu. Er betreibt in Ulm seit 25 Jahren ein Sicherheitsunternehmen, das bundesweit bei großen Veranstaltungen im Einsatz ist. „Das habe ich noch nie gehört, dass sich Sicherheitsleute bekriegen“, sagt er. Immer wieder gebe es verbale Auseinandersetzungen um Preisgestaltungen. Gewalt habe es dabei bislang nicht gegeben. Im Übrigen ist seiner Ansicht nach der Konkurrenzkampf nicht so groß, dass er gewalttätig ausgetragen werden müsste.

Ausgewählte Unternehmen

Rund um die Uhr im Dienst Etwa 1250 Sicherheitskräfte arbeiten laut Integrationsministerium in den Erstaufnahmeeinrichtungen des Landes. Wenn die Zeit es erlaubt, holen die Regierungspräsidien dafür Angebote ein und schließen Verträge mit ausgewählten Unternehmen wie Siba oder Securitas. Die Arbeit läuft im Schichtdienst, 24 Stunden am Tag, 7 Tage die Woche. Die Polizei erarbeitet für die Erstaufnahmestellen Sicherheitskonzepte, das Land bestellt zudem unabhängige Sicherheitsberater, die standortbezogene Pläne erstellen und die Firmen begleiten und beraten.

Kampf um eine bessere Ausbildung

"Seit Jahrzehnten bemühen wir uns, für das Problem eine Lösung zu finden", sagt Silke Wollmann. Sie ist Sprecherin des Bundesverbandes der Sicherheitswirtschaft in Berlin. Ihr Verband fordert strengere Vorgaben und ein differenzierteres Vorgehen in der Ausbildung von Wachleuten. Die Hürden für die Gründung eines Sicherheitsunternehmens sind nach Ansicht des Verbandes viel zu niedrig.

Bislang reicht es, bei einer Industrie- und Handelskammer (IHK) eine 80-stündige Ausbildung zu machen oder eine Sachkundeprüfung abzulegen. Und schon hat man die Berechtigung, ein Sicherheitsunternehmen zu gründen und anzumelden. Das Ordnungsamt, das die Genemigung erteilt, prüfe die Firma zwar nochmal, aber eher, ob die rechtlichen und gesetzlichen Voraussetzungen erfüllt sind.

Um Mitarbeiter einer solchen Firma zu werden, reicht es aus, bei einer IHK einen 40-Stunden-Kurs zu absolvieren. Darin würden vor allem die rechtlichen Grundlagen des Wachdienstes vermittelt. Dieses Wissen reiche gerade mal aus, um eine Baustelle zu bewachen, sagt Silke Wollmann. Aber nicht, um die Sicherheit in einer Flüchtlingsunterkunft zu gewährleisten.

Oft würden aber gerade solche Mitarbeiter angestellt, weil ihnen pro Stunde "nur" 9,74 Euro bezahlt werden müssen. Wachleute, die eine dreijährige Ausbildung - die gibt es auch - absolviert und fundiertes Wissen haben, kosten 14,72 Euro in der Stunde. Der Verband versucht nach Auskunft von Silke Wollmann, die Politik dazu zu bewegen, die Ausbildungskriterien zu verschärfen. Bislang ohne Erfolg.

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