Villingendorf: Drei Tote und ein Bewaffneter auf der Flucht

Ausnahmezustand in Villingendorf: Die Polizei sucht einen Mann, der drei Menschen erschossen haben soll – darunter seinen Sohn.

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Ein Polizei-Hubschrauber kreist über der ansonsten ruhigen Wohnsiedlung in Villingendorf (Kreis Rottweil), dann dreht er lautstark in Richtung des nahegelegenen Waldes ab. Seit Stunden suchen die Beamten einen 40-jährigen Mann, der in Villingendorf drei Menschen getötet haben soll.

Am Donnerstagabend, um 21.36 Uhr, war ein Notruf bei der Polizei eingegangen: Eine Anwohnerin hatte Schüsse gehört. In dem Wohngebiet fanden die Polizisten daraufhin in einer Einliegerwohnung einen 34-Jährigen und einen sechsjährigen Jungen tot auf. Eine 29-jährige Frau lebte zu diesem Zeitpunkt noch. Sie war jedoch schwer verletzt und starb noch in der Nacht im Krankenhaus an den Schussverletzungen. Da nicht klar war, ob der Täter noch vor Ort war, durchsuchten speziell ausgerüstete und geschützte Beamte die Wohnung. Der Täter war bereits geflüchtet. Die Mutter des getöteten Jungen hatte sich nach draußen retten können, auch ein kleines Mädchen überlebte.

Tatverdächtiger polizeilich bekannt

Der Täter sei über den Garten und die Terrasse zum Haus gelangt. Dann habe er wahrscheinlich unvermittelt das Feuer eröffnet. „Die Personen dürften keine Chance gehabt haben, zu entkommen“, sagte Rolf Straub, Leiter der Sonderkommission bei einer Pressekonferenz am Freitagnachmittag. Der Täter soll mit einer Langwaffe geschossen haben, die vermutlich aus dem Armee-Bestand des früheren Jugoslawien stammt. Wie viele Schüsse fielen, sei noch nicht klar. Wenige Minuten später hätten Anwohner aus dem nahegelegenen Wald erneut Schüsse gehört. Ob diese mit der Tat zusammenhingen, sei unklar.

„Wir müssen davon ausgehen, dass der Tatverdächtige die Waffe mit sich führt“, sagte Straub und versicherte, die Polizei werde alles tun, um die Bevölkerung zu schützen. Der 40-jährige Verdächtige sei polizeilich bekannt wegen Körperverletzungs- und Bedrohungsdelikten. Er ist der Vater des getöteten Kindes und früherer Ehemann der 39-jährigen Mutter. Der getötete 34-jährige Mann war der neue Lebensgefährte der Frau, das 24-jährige Opfer war dessen Cousine. Sie hatten zusammen die Einschulung des Jungen gefeiert. Die Polizei geht von einer Beziehungstat aus. Die Mutter sei in fachärztlicher Behandlung und gesundheitlich stabil. Auch das dreijährige Mädchen, das sich während der Tat in der Wohnung versteckt hatte, sei wohlauf.

Verkehrskontrollen

Die Polizei habe in Rottweil eine Sonderkommission „Hochwald“ eingerichtet, mögliche Aufenthaltsorte des Verdächtigen überprüft und „unzählige Objekte“ untersucht, wie Straub sagte. Zunächst erfolglos: Bis zum Abend war der Verdächtige weiterhin auf freiem Fuß. „Wir sind schon sehr weit, aber zaubern können wir auch nicht“, sagte Straub. In Villingendorf und Umgebung war die Polizei mit 250 Kräften unterwegs.

„Aufgrund der Dimension der Tat“ sei der Fall sei zu einem Großeinsatz geworden. Es seien Spezialeinheiten im Einsatz. Außerdem seien die Nachbarbundesländer, insbesondere Bayern, mit eingebunden und die Kollegen in Österreich, Frankreich, der Schweiz sowie in Slowenien, der Slowakei und in Kroatien verständigt, um die Grenzen verstärkt zu überprüfen. Bereits in der Nacht auf Freitag hatte die Polizei Verkehrskontrollen durchgeführt, um den Täter auf seinem möglichen Weg Richtung Kroatien abzufangen. Das mutmaßliche Fluchtfahrzeug, ein grüner Seat Ibiza mit Konstanzer Kennzeichen, fanden die Beamten im Nachbarort Herrenzimmern.

Schule fiel aus

In der Grund- und Werkrealschule in Villingendorf ist der Unterricht aus. Es ist Freitagmittag. Auffallend viele Eltern warten auf dem Schulhof auf ihre Kinder. „Meine beiden Töchter gehen normalerweise allein nach Hause“, sagt eine Mutter, „aber heute wollte ich sie lieber abholen. Ansonsten kann man im Moment nur beten, dass nicht noch etwas passiert.“ Am Morgen, als die Kinder das Haus verließen, habe sie noch nichts von der Tat gewusst. „Die Leute sind verunsichert“, sagt die Verkäuferin in einem kleinen Geschäft an der Hauptstraße. Morgens habe ihr eine Kollegin berichtet, dass viele Polizisten oben in der Straße seien. Sie habe die Familie gekannt. Wie wohl alle Menschen in dem 3300-Einwohner-Ort ist auch sie erschüttert: „Dass ein Mensch auf sein eigenes Kind schießt, das kann man doch nicht verstehen, oder?“


Hinweise Die Polizei sucht nach dem dringend tatverdächtigen 40-jährigen Kroaten. Er hat dunkle, kurze Haare, braune Augen und dünne Lippen. Der Mann ist 1,77 Meter groß und wurde zuletzt mit einer schwarzen, längeren Jacke bekleidet gesehen. Die Beamten bitten um Hinweise, „mögen sie auch noch so banal erscheinen“, sagt der Leiter der Sonderkommission Rolf Straub. Das Hinweistelefon der Kriminalpolizei Tuttlingen ist unter der Telefonnummer (0741) 477-107 eingerichtet.

Bürgertelefon Das Polizeipräsidium Tuttlingen hat außerdem für Rückfragen ein Bürgertelefon unter der Nummer (07461) 941-117 eingerichtet.

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