Vierbeinige Assistenten

Elke Pinno ist blind. Dass sie sich trotzdem sicher durch die Großstadt Stuttgart bewegen kann, hat sie Fresbee zu verdanken. Der Hund, ihr Assistent, hat gelernt, was für blinde Menschen wichtig ist.

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Ein eingespieltes Team: Die blinde Stuttgarterin Elke Pinno und ihr Führhund Frisbee sind seit drei Jahren zusammen unterwegs.  Foto: 

Hund oder Stock? Für Elke Pinno entschied sich die Frage von selbst. Beinahe wäre die blinde Stuttgarterin in einen offenen Gulli gefallen. Passanten warnten sie im letzten Moment. "Mit dem weißen Langstock bemerke ich solche Hindernisse erst sehr spät", sagt die berufstätige Frau. Seit sie mit einem Hund unterwegs ist, fühlt sie sich sicherer. Seit 100 Jahren geleiten Blindenführhunde Menschen durch Städte und Straßen.

Elke Pinno und ihr Führhund Frisbee begehen ihren dritten gemeinsamen Winter. Die im Alter von 18 Jahren erblindete Fachfrau für Bürokommunikation vertraut ihm. Der vierjährige Labrador erkennt Gefahrenstellen wie offene Gulli-Deckel von weitem. Er lotst sie um Motorräder oder Drahtesel herum, die auf dem Gehweg abgestellt sind. Frisbee achtet auf herabhängende Zweige oder Baustellen, die nur durch ein rot-weißes Plastikband gesichert sind. Zielsicher steuert der Rüde im Winter Stellen an, wo Elke Pinno über die Schneehaufen am Straßenrand steigen kann.

Schon in der Antike und im Mittelalter gibt es Hinweise auf Lotsen-Hunde. Systematisch ausgebildet wurden sie zum ersten Mal in Deutschland. Die erste Blindenhundschule wurde während des Ersten Weltkriegs gegründet. Viele Soldaten waren erblindet, oft durch Giftgas. 1916 übergab der "Deutsche Verein für Sanitätshunde" in Oldenburg einem Kriegsversehrten das erste geschulte Tier.

Diese Idee quittierten etliche Zeitgenossen mit Skepsis. "In der Großstadt ist es schon fraglich, ob der Hund den Blinden sicher über belebte Plätze und Verkehrsadern bringen wird", schrieb ein ungenannter Autor 1916 in der Fachzeitschrift "Die Blindenwelt". Doch bald entwickelte sich die Idee zum Erfolgsrezept. Heute gibt es Hundeschulen auf dem ganzen Globus.

Blindenführhunde gibt es auf Rezept. Wie Pinnos Langstock gilt Frisbee als Hilfsmittel. Mit der Verordnung wandte sie sich wie die meisten Sehbehinderten an eine Führhundschule. "Dort kann ich einen Welpen anschauen und checken, ob die Chemie zwischen uns stimmt. Denn ein Hund ist auch ein Familienmitglied", sagt die Mutter einer Tochter und Großmutter zweier Enkel.

"Einen Hund kauft man nicht von der Stange", erklärt Susanne Grünberger. Die Inhaberin der Führhundschule "Guidedogs Grünberger" in Radolfzell verhalf Elke Pinno zu ihrem vierbeinigen Assistenten. In Gesprächen mit der Schule musste Pinno wie alle Interessierten ihre Eignung beweisen. Nicht jeder kann für ein Lebewesen Verantwortung tragen. "Außerdem müssen auch Partner und Familie einverstanden sein", fügt Pinno hinzu.

Frisbee lebte damals wie alle Führhund-Welpen der Schule in einer Patenfamilie. "Im ersten Lebensjahr erlernen dort die Welpen die Basics des Hundebenehmens", erklärt Grünberger. Zudem lernen sie spielerisch die Gefahren der Großstadt kennen. Öffentliche Verkehrsmittel, Baustellen und Menschengedränge sollten ihnen vertraut sein und keine Angst einflößen.

Die daran anschließende, eigentliche Führhundausbildung begann mit der Kostenübernahme durch die Krankenkasse. Ihre Grundelemente sind ähnlich wie vor einem Jahrhundert: Gehorsamsübungen, Anzeigen von Hindernissen, Blindentraining mit Hund am Ausbildungs- und Heimatort sowie die Anleitung Blinder zur eigenständigen Kontrolle des Tieres.

"Durchschnittlich erfordert die eigentliche Führhundausbildung 350 Stunden im Führgeschirr und dauert bei uns sechs bis zehn Monate", erklärt Grünberger. Die ein bis eineinhalb Jahre alten Labradors, Retriever oder Schäferhunde üben, an Bordsteinkanten zu stoppen, den Bäcker anzusteuern oder einen leeren Sitzplatz im Bus zu finden. Zudem werden sie auf rund 30 bis 40 Kommandos trainiert.

Bevor Pinno den Labrador mitnehmen konnte, absolvierte sie mit ihm einen Einweisungslehrgang. Für die häusliche Eingewöhnungsphase hat ihr Arbeitgeber, der Kommunalverband für Jugend und Soziales, übertariflich bezahlte Freistellungstage bewilligt.

Elke Pinno und Frisbee haben im Büro einen eigenen Raum. Während die Halterin in der Fortbildungsabteilung Veranstaltungen organisiert, kann Frisbee mit Stofftieren spielen, ausruhen oder fressen. In der Mittagspause geht's Gassi.

Kein anerkannter Beruf

Jeder kann eine Schule eröffnen Die Führhundausbildung, -vermittlung und -haltung kein anerkannter Beruf. Jeder kann eine Schule eröffnen. Einzige Voraussetzung ist nach Paragraf 11 Tierschutzgesetz eine durch die Bundesländer geregelte Prüfung. Das Niveau schwankt. Deshalb helfen Blindenverbände bei der Suche nach einem Anbieter. Susanne Grünberger, Chefin der Führhundschule "Guidedogs Grünberger" rät, sich an eine Schule zu wenden, die Mitglied bei der International Guide Dog Federation sei, sich deren Standards verpflichte und regelmäßigen Betriebsprüfungen unterziehe. Zudem könnten die meisten seriösen Schulen erst nach längerer Wartezeit ein Tier vermitteln. "Es lohnt, sich darauf einzulassen, wenn man dafür einen passenden Gefährten an seine Seite bekommt." Denn: Ein Hund ist mehr als ein Stock von der Stange.

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