Zwangsräumung: Tödlicher Sturz vom Balkon

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Sie sollten eine angekündigte Räumung vollstrecken. Doch als der Gerichtsvollzieher und Mitarbeiter des Ordnungsamtes am Montagfrüh vor dem Haus in der Biesinger Straße in Tübingen eintrafen, brannte es im Gebäude. Der Mann, der das Haus hätte räumen sollen, stand auf dem Balkon im ersten Stock – und schoss auf den Mitarbeiter des Ordnungsamtes. Dieser blieb unverletzt. Der 69-jährige Hausbewohner jedoch stürzte vom Balkon mehrere Meter tief hinunter und verletzte sich so schwer, dass er trotz Wiederbelebungsversuchen noch am Unglücksort starb.

Das Gebäude stand in Flammen. Die Feuerwehr war mehrere Stunden lang damit beschäftigt, das immer wieder auflodernde Feuer zu löschen. Das Einfamilien-Haus gehört dem Land. In den Büroräumen ist die Tübinger Arbeitsstelle für Sprache in Südwestdeutschland untergebracht. Hier lagerten unter anderem viele einzigartige Sprachaufnahmen und Dokumente aus der Dialekt-Forschung.

Dazu gehört auch das Arno-Ruoff-Archiv mit 2000 Tonbändern aus den 1950er-Jahren. „Die gute Nachricht ist: Diese Aufnahmen wurden vor kurzem alle digitalisiert“, sagte eine Sprecherin der Universität. Ob und wie viel von anderem Archiv-Material durch den Brand endgültig verloren gegangen ist, sei bislang unklar.

In Büroräumen gewohnt

Der 69-jährige Mann hat seit mehreren Jahren unberechtigter Weise in Büroräumen in dem Haus in der Biesinger Straße gewohnt. Im Jahr 2011 hatte die Universität Tübingen die Belegung sämtlicher Räume des Gebäudes – vor allem zur Nutzung für das Ludwig-Uhland-Institut für Empirische Kulturwissenschaft – übernommen. Dabei stellte sich heraus, dass einige Diensträume von dem Mann als Wohnräume genutzt wurden. Dieser war bis August 2011 als Hilfswissenschaftliche Kraft bei der Universität beschäftigt gewesen.

Seit 2012 hatte die Universität mehrere Räumungsklagen erhoben. Auch die Stadt hatte dem Mann mehrfach eine gut ausgestattete Wohnung angeboten, in die er mit Hilfe der Stadtverwaltung übersiedeln sollte. Da er dieses wie auch andere vorgehende Angebote ausschlug, hatte das Gericht die vollstreckbare Zwangsräumung angeordnet. „Wir sind erschüttert vom tragischen Ausgang“, sagte Tübingens Erste Bürgermeisterin Christine Arbogast. „Es ist auch für unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter schwer auszuhalten, wenn die Hilfe nicht angenommen wird.“ Die Mitarbeiter von Sozial- und Ordnungsamt hätten alles versucht, eine gütliche Einigung herbeizuführen, heißt es von Seiten der Stadt.

Polizeilich sei der Mann bislang „völlig unauffällig“ gewesen, sagte ein Sprecher des Reutlinger Polizeipräsidiums. Die Waffe habe der 69-Jährige illegal besessen. Das Projektil streifte den Mitarbeiter des Ordnungsamtes lediglich am Ärmel und beschädigte nur dessen Jacke. „Er hatte wirklich großes Glück“, sagte der Polizeisprecher. Ob der Mann das Feuer tatsächlich selbst im Haus gelegt hat, ist noch nicht geklärt. Kriminaltechniker können das weitgehend zerstörte Gebäude noch nicht betreten – das Haus ist durch den Brand noch zu heiß und zudem einsturzgefährdet.

Auch sei noch nicht klar, ob sich der 69-Jährige vom Balkon stürzte. Wahrscheinlich habe er vor den Flammen fliehen wollen und sei bei dem Versuch, vom Balkon zu klettern, abgestürzt, so der Polizeisprecher: „Das deutet eher auf einen Unglücksfall hin als auf einen Suizid.“

Urteil Voraussetzung für eine Zwangsräumung ist ein Gerichtsurteil. Das Mittel ist die letzte Möglichkeit eines Eigentümers, einen Mieter etwa nach Mietrückständen zum Verlassen seiner Wohnung, seines Hauses oder Grundstücks zu zwingen. Einer Zwangsräumung gehen meist monatelange Versuche voraus, das Problem gütlich zu lösen.

Fristen Die Räumung kann auch erst erfolgen,wenn sich ein Mieter nicht an die gerichtlichen Fristen für den Auszug hält. Die Räumung übernimmt ein Gerichtsvollzieher, der sein Kommen schriftlich ankündigt. Der Gerichtsvollzieher hat auch das Recht, verschlossene Türen aufbrechen zu lassen. dpa

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