Verdorrte Erinnerungen

Dass sich Stuttgart in dem Tal zwischen Frauenkopf und Kräherwald ausdehnen konnte, verdankt es dem Nesenbach. Dieser hat den Kessel ausgewaschen. Und ist gleichwohl weitgehend vergessen.

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  • Nennt sich Nesenbach, ist es aber nicht: Renaturiertes Bächle zwischen Kaltental und Heslach. Fotos: Wolfgang Risch 1/4
    Nennt sich Nesenbach, ist es aber nicht: Renaturiertes Bächle zwischen Kaltental und Heslach. Fotos: Wolfgang Risch
  • Oberlauf des Nesenbachs: Ausgetrocknetes Bachbett in den Honigwiesen in Stuttgart-Vaihingen. 2/4
    Oberlauf des Nesenbachs: Ausgetrocknetes Bachbett in den Honigwiesen in Stuttgart-Vaihingen.
  • Schon auf halber Strecke zwischen Kaltental und Heslach wird das Bächle wieder in eine Rinne gezwängt. 3/4
    Schon auf halber Strecke zwischen Kaltental und Heslach wird das Bächle wieder in eine Rinne gezwängt.
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Die Ursprünge der Landeshauptstadt und Großstadt Stuttgart liegen nicht zwischen Wald und Reben, sondern in den Honigwiesen im heutigen Stadtteil Vaihingen, auf den Fildern also. Dort entspringt der Nesenbach, der den Talkessel gegraben hat, auf dessen vormals sumpfigem Gelände der Herzog Liudolf von Schwaben ums Jahr 950 ein Gestüt angelegt haben und dieses "Stuotgarten" genannt haben soll, Stutengarten also, aus dem sich der Name "Stuttgart" herausgebildet hat. Doch der Reihe nach.

Von den Honigwiesen in Vaihingen ist heute nicht mehr viel geblieben, zunächst bezogen die Amerikaner dort ihre "Patch Baracks", die ehemalige Kurmärker Kaserne, später folgten ein Neubaugebiet und ein Sportgelände. Die Honigwiesenstraße freilich zeugt von dem einstigen Feuchtgebiet, und mit diesem verdorrte auch die Erinnerung an das Bächle. "Nesenbach?" Ein Bewohner der Honigwiesenstraße in den 60ern erinnert sich, dass dieser in seiner Kindheit noch floss. "Ich glaube, das war da hinten, dort bei der Kaserne, ich weiß nicht, ob es den noch gibt. Ich war schon lange nicht mehr dort." Und wenn, dann ströme der nur noch ein paar Meter oberirdisch.

"Da hinten" bezeichnet die Gegend hinter der vielspurigen Stadtautobahn, zu welcher die Bundesstraße 14 geworden ist, die einst durch den Stadtteil Vaihingen verlief und diesen in zwei Teile schnitt. "Da hinten" wird der Suchende schließlich tatsächlich fündig, die Honigwiesen freilich sind an heißen Julitagen völlig trocken und mithin auch der Nesenbach auf seinem kurzen Lauf hinter der Quelle, ehe er in einem Kanal verschwindet. Und diesen bis zur Mündung - ursprünglich in den Neckar, heute in die Kläranlage in Mühlhausen - nicht mehr verlässt.

Nicht mehr verlässt? Stuttgart hat zwar jede Menge Grün zu bieten, ist in seiner Kessellage aber nicht eben reich an Gewässern. Sicher, es gibt den Feuersee, der aber eher nicht wegen seiner Größe bekannt ist, sondern wegen der gleichnamigen S-Bahn-Haltestelle. Dann ist da der Eckensee vor dem Theater, von vergleichbarer Winzigkeit und ebenso künstlich angelegt wie die Bächle und Teichle im Mittleren und Unteren Schlossgarten.

Um die Lücke zu schließen, wurde zwischen Kaltental und Heslach ein Stück Bach renaturiert, aber auch nur auf wenigen hundert Metern - und es ist nicht der Nesenbach, obwohl so genannt. Denn der fließt auch an dieser Stelle unterirdisch, das Bächle oben speist sich aus örtlichen Quellen des an dieser Stelle engen Taleinschnitts.

Dieses Tal wurde erst spät besiedelt, die ersten Zuwanderer kamen wahrscheinlich über die Höhenzüge, den Pragsattel etwa, und ließen sich am Neckar nieder, dort also, wo heute Cannstatt liegt. Schon die Römer sollen dort ein Kastell gebaut haben. Die Stuttgarter Stadtgründung datiert aufs Jahr 1219, und schon bald nutzten die Bewohner den Nesenbach nicht nur als Frischwasserquelle, sondern auch als Abwasserkanal. Es dauerte nicht lange, bis dieser den Bewohnern des Alten Schlosses dermaßen stank, dass sie begannen, den Nesenbach zu überdeckeln. Dabei hatten sie dessen Wasser durchaus zu schätzen gewusst, es diente zur Versorgung des württembergischen Hofes mit frischem Nass. Auch viele Müller nutzten den Nesenbach für ihre Mühlen. Nach und nach überwogen freilich die Nachteile, der Nesenbach verschwand Stück für Stück unter die Erde. Heute ist er auf der gesamten Länge von knapp 13 Kilometern von den Honigwiesen in Vaihingen bis zur Kläranlage in Mühlhausen überdeckelt.

Zwar gibt es Nostalgiker, die sich den Nesenbach zurückwünschen, offen durch die Stadt fließend. Was aber höchstwahrscheinlich schon am Geld scheitern wird. Und der Imagegewinn?. Frankfurt liegt am Main, Köln am Rhein, Hamburg an der Elbe und Berlin immerhin an der Spree. Stuttgart am Nesenbach? Eher nicht, zumal dieser eh weitgehend vergessen ist. Eine Bewohnerin des Neubaugebietes auf den Honigwiesen auf die Frage nach dem Nesenbach: "Nesenbach? Nie gehört." Aber vielleicht meine der Suchende eventuell das Gräbele hinter der Sportanlage, kaum 50 Meter entfernt?

Genau dieses war gemeint.

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