Urteil im Heidenheimer-Rockerprozess: Totschlag, kein Mord

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Für eine Verurteilung wegen Mordes reichten die Beweise nicht: Der Angeklagte muss wegen Totschlags ins Gefängnis.  Foto: 

Er verbitte sich Kommentare zum Urteil, schob der Vorsitzende Richter Gerhard Ilg voran, bevor er „im Namen des Volkes“ den Richterspruch verkündete. Dies war dem Milieu der rockerähnlichen Gruppierungen und den vollen Zuschauerreihen im Gerichtsaal in Ellwangen, vor allem auf Seiten der Black Jackets, geschuldet. Am Mittwoch ging am elften Verhandlungstag der Prozess nach einer Schießerei in Heidenheim  zu Ende, bei dem im April 2016 ein 29-Jähriger getötet und dessen 25 Jahre alter Bruder schwer verletzt worden waren. Das Urteil des Landgerichts, eine Haftstrafe von 13 Jahren wegen Totschlags und versuchten Totschlags in Tateinheit mit schwerer Körperverletzung, weicht von der ursprünglichen Anklage ab. Die hatte auf Mord gelautet.

Oberstaatsanwalt Oliver Knopp hatte eine lebenslange Haftstrafe wegen Mordes und versuchten Mordes gefordert, Verteidigerin Anke Stiefel-Bechdolf hingegen sprach von Puta­tivnotwehr und verlangte einen Freispruch.

„Gegen den Ehrenkodex“

Knopp berief sich darauf, dass die beiden Opfer mit einem Kampf „Mann gegen Mann” gerechnet hätten, nicht damit, dass der Angeklagte eine Schusswaffe habe. Deshalb seien sie arglos gewesen und das Merkmal des Mordes erfüllt. Er verwies auf eine Schlägerei im November 2015 in Heidenheim. Die beiden Opfer erwarteten erneut, „dass man sich mit Fäusten auseinandersetzen würde”, so Knopp. Gegen diesen „Ehrenkodex“ habe der Angeklagte verstoßen, weil er eine Waffe zog.

Notwehr durch den Angeklagten schied für ihn aus, weil es auf Seiten der Opfer keine Waffe gegeben habe, das sei eine reine Schutzbehauptung des Angeklagten. „Warum hätten die United Tribuns denn warten müssen, bis sie zu viert sind, wenn sie eine Waffe gehabt hätten?”, so der Oberstaatsanwalt. Dass eines der beiden anderen United-Tribuns-Mitglieder nach der Tat Waffen verschwinden ließ, hielt er für nicht nachvollziehbar.

Aus einer ganz anderen Perspektive betrachtete die Verteidigerin Anke Stiefel-Bechdolf das Tatgeschehen. „Mit Rocker und Ehre hat das überhaupt nichts zu tun, was da ablief.” Ihrer Meinung nach habe der Prozess einiges aufgedeckt, was sich vor der Schießerei zugetragen habe. So sei es beispielsweise möglich gewesen, den United-Tribuns-Präsidenten Cihan O. als Schützen beim Vorfall auf dem Giengener Realschulparkplatz zu identifizieren.

„Mein Mandant hatte überhaupt nichts gegen die beiden Brüder, sondern nur etwas gegen das arrogante und manipulative Auftreten von Cihan O.”, so Stiefel-Bechdolf. Ihr Mandant habe die Auseinandersetzung in dem Friseursalon nicht gesucht, sondern sie sei ihm aufgezwungen worden. „Es ging nicht um eine Klärung, sondern um einen Überfall”, meinte sie. Der Bruder von Cihan O. hatte im Prozess ausgesagt, dass jeder von der scharfen Waffe des Angeklagten wusste, weshalb keiner der Beteiligten arg- und wehrlos gewesen sei.

Gericht sieht keine Notwehr

Von Putativnotwehr spricht man, wenn der Täter irrtümlich davon ausgeht, dass sein Leben bedroht wird. Dies sah die Anwältin dadurch gegeben, dass ihr Mandant glaubte, dass auch der 29-jährige Vizepräsident der United Tribuns eine Waffe hatte und sein Bruder gesagt haben soll: „Schieß doch, schieß.” Eine solche Waffe wurde nicht gefunden.

Dieser Argumentation trat der Vorsitzende Richter Gerhard Ilg entschlossen entgegen: Dass vier Schüsse gegen zwei Personen fielen, der Täter dann in aller Ruhe einen geordneten Rückzug antrat, dass er nicht versuchte, den angeschossenen Opfern zu helfen und die Tatwaffe verschwinden ließ – all das entwerte jede Einlassung, dass es um Notwehr gegangen sei.

Auf der anderen Seite war es auch für das Gericht deutlich, dass der Angeklagte nur zum Friseur gehen wollte, die beiden Opfer hingegen die Situation absichtlich herbeigeführt hätten. Sie hätten zwar nicht mit einer Schusswaffe, aber doch mit einem erheblichen Angriff auf ihr Leben rechnen müssen, weshalb das Mordmerkmal der Heimtücke nicht gegeben sei, so Ilg.

Abschließend appellierte Ilg an die anwesenden Mitglieder der beteiligten Gruppierungen, ihre Haltung zum „Ehrenkodex“ zu überdenken: „Fragen Sie sich, ob Ihre Regeln tatsächlich zu Ihrem Vorteil sind.“

Baden-Württemberg weist nach Angaben des Landeskriminalamts mit 56 Clubs die größte Dichte an Rockern in Deutschland auf. Rund 1900 Personen gehören den unter verstärkter polizeilicher Beobachtung stehenden eta­blierten Gruppen und ihrer Unterstützergruppen an. Schwerpunkte gibt es etwa in Stuttgart, Ulm, Heidenheim, Villingen-Schwenningen und am Bodensee.

Die meisten Rocker zählen sich zu den vier großen Gruppen
Bandidos, Gremium, Hells Angels und Outlaws. Hinzu kommen 30 Ortsgruppen sogenannter rockerähnlichen Gruppierungen – „Lederkutte ohne Motorrad“ – mit rund 450 Mitgliedern. dpa

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Rocker im Kreis Heidenheim

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