Unzuverlässige Amok-Warnsysteme sorgen für Aufruhr

Seit dem Amoklauf von Winnenden im März 2009 sind die Schulen des Landes mit Warn- und Alarmsystemen ausgerüstet. Doch die sind oft nicht zuverlässig, wie Fehlalarme immer wieder zeigen - so zuletzt am Mittwochmorgen an der Ulmer Friedrich-List-Schule.

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Ob Fehlalarm oder Ernstfall: Wenn Amok-Alarm ausgelöst wird, sichert die Polizei das Gelände, wie hier an der Friedrich-List-Schule in Ulm. Dort hatte ein Kurzschluss den Alarm ausgelöst.  Foto: 

Die Nachricht geht durch Mark und Bein: Amok-Alarm an einer Schule! Sie ging am Montag aus Konstanz ein, am Mittwoch aus Ulm. Beide Male waren es - zum Glück - Fehlalarme. Trotzdem löst das Anspringen der Alarmsysteme an den Schulen unter Schülern, Lehrern und Eltern Angst und Schrecken aus. Seit am 11. März 2009 ein 17-Jähriger in der Albertville-Realschule in Winnenden (Rems-Murr-Kreis) ein Blutbad angerichtet, in der Schule und auf seiner Flucht 15 Menschen und sich selbst erschossen hat, wird landesweit daran gearbeitet, die Schulen sicherer zu machen und auf Prävention zu setzen.

So wurden im April 2012 alle öffentlichen Schulen im Land flächendeckend mit "Pagern" ausgestattet. Das ist eine Art Piepser, der vom Schulleiter oder einem Lehrer aktiviert wird, wenn sich in der Schule eine Gefahrenlage ergibt. "Mit Hilfe der Alarmierungsgeräte können bei einer akuten Amoklage - zum Beispiel der Flucht eines Täters - die umliegenden Schulen gewarnt werden", sagt Stephanie Fritsche, Sprecherin des Kultusministeriums.

Weiter waren die Schulen verpflichtet, Krisen- und Rettungspläne aufzustellen und an das zuständige Polizeipräsidium, die Feuerwehr und an den Schulträger zu schicken. Dazu wurde von den Kultus-, Innen- und Umweltministerien eine Verwaltungsvorschrift "über das Verhalten an Schulen bei Gewaltvorfällen und Schadensereignissen" ausgearbeitet. Das ist erst mal alles ziemlich theoretisch. Was ganz praktisch an den Schulen für den Schutz vor Amokläufern getan wurde, kann pauschal nicht gesagt werden. "Das ist Sache der Schulträger", sagt Stephanie Fritsche.

Außerdem ist es nicht im Interesse der Schulen, wenn deren Alarmsysteme öffentlich gemacht werden. "Das könnte Trittbrettfahrer dazu animieren, es auszuprobieren, ob das System funktioniert", sagt Markus Adler, Pressesprecher des Regierungspräsidiums Freiburg. Daher sind die Behörden mit Informationen eher zurückhaltend.

Elke Großkreutz, Schulleiterin der Gebhard-Gemeinschaftsschule in Konstanz, spricht trotzdem darüber: In den Konstanzer Schulen ist es so, dass Klassen- und Lehrerzimmer mit Alarmkästchen ausgestattet sind, ähnlich den Kästchen, die man für den Brandalarm kennt: Besteht eine Gefahrenlage, muss eine Glasscheibe eingedrückt und ein Knopf betätigt werden. Dann ist der Alarm ausgelöst. Anders als beim Brandalarm geht beim Amok-Alarm nicht die Sirene los, sondern es ertönt eine automatische Durchsage, dass in der Schule eine Gefahrensituation besteht. "Dann schließen die Lehrer die Türen der Klassenzimmer von innen", sagt Elke Großkreutz. In der Gebhard-Gemeinschaftsschule hat sich am Montag dieses Szenario abgespielt, ebenso in der Theodor-Heuss-Realschule.

Der Amok-Alarm wurde in der großen Pause ausgelöst. Da zunächst nicht klar war, wie ernst die Lage ist, haben sich alle so verhalten, als wäre es ein Ernstfall. "Die Kollegen wussten, was zu tun ist", lobt Elke Großkreutz. Obwohl bald klar war, dass es ein Fehlalarm war, sei das Ganze eine große Stress-Situation gewesen. Und noch immer sei nicht geklärt, wodurch der Alarm ausgelöst worden ist.

Bei dem Fehlalarm in der Friedrich-List-Schule in der Ulmer Innenstadt am Mittwochmorgen konnte als Ursache ein Kurzschluss analysiert werden. Auch dort liefen die vorgesehenen Notfallpläne ab. Die Polizei rückte schwerbewaffnet an und durchsuchte die Räume. Schüler und Lehrer mussten in den Klassenzimmern ausharren, bis Entwarnung gegeben werden konnte.

Gegen Fehlalarme hilft auch die Prävention nicht, die in vielen Schulen verhindern soll, dass es überhaupt zu einem Amoklauf kommt. In der Gebhard-Gemeinschaftsschule wird großer Wert darauf gelegt, das Selbstbewusstsein der Schüler zu stärken und sie zu schulen, mit schwierigen Situationen umzugehen. Das hilft auch, wenn Fehlalarme für Aufruhr sorgen.

Fortbildungen rüsten für den Ernstfall

Fortbildung In vielen öffentlichen Schulen gibt es interne Krisenteams, die bei einem Amoklauf zum Einsatz kommen. Damit sie stets bereit sind, bieten Schulpsychologische Beratungsstellen und die Polizei Fortbildungen zum Umgang mit Krisenlagen an. Die Polizei kann Schulen auch bei der Simulation eines Amokalarms begleiten.

Töten aus Rache Das Wort "Amok" kommt aus der malaiischen Sprache, es bedeutet wütend, rasend. Bevor es zu einem Amoklauf kommt, haben sich nach Einschätzung von Experten Angst, Demütigung oder Eifersucht oft lange aufgestaut. Häufig handeln die Täter aus Rache. Meist suchen sie dafür Orte aus, die sie mit der Verletzung ihrer Psyche in Verbindung bringen, wie Gerichts- oder Schulgebäude.

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