Unentdeckte Morde: Bei der Leichenschau passieren Fehler

Eine 76-Jährige stirbt, der Arzt schöpft keinen Verdacht - bis sich ein Mann der Polizei stellt. Warum bleiben viele Morde zunächst unentdeckt? Schlamperei bei der Leichenschau, sagt ein Rechtsmediziner.

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Rechtsmediziner Frank Wehner: Ärzte versagen bei der Leichenschau.  Foto: 

Nahezu eine Woche bleibt die Leiche einer 76-Jährigen in Bad Herrenalb unentdeckt. Als sie am 11. Mai 2014 in ihrer Wohnung gefunden wird, sieht der Arzt keine Anzeichen eines unnatürlichen Todes. Noch am Abend des gleichen Tages stellt sich jedoch ein 52-jähriger Mann der Polizei: Er habe die Frau umgebracht. Seit Anfang Februar muss er sich vor dem Tübinger Landgericht wegen Totschlags verantworten.

Ihm wird vorgeworfen, am 5. Mai die Mutter seiner Vermieter getötet zu haben. Die Rentnerin wohnte im selben Haus, er soll an jenem Frühlingstag morgens zu ihr gekommen sein, um mit ihr über seine rückständige Miete zu sprechen. Aus noch ungeklärten Gründen sei die Frau im Flur gestürzt. Als sie Hilfe rufen wollte, habe ihr der Mann den Mund zugehalten, ihr mit einem stumpfen Gegenstand gegen den Kopf geschlagen und sie gewürgt, bis sie starb.

Doch wie konnte so ein Verbrechen zunächst verborgen bleiben? Experten gehen von 1200 unerkannten Morden jährlich in ganz Deutschland aus. Warum bleiben sie zunächst und manchmal für immer unerkannt? "Schlampige Leichenschau und Versagen der Ärzte", sagt Frank Wehner, Professor für Rechtsmedizin an der Universität Tübingen. Besonders, wenn die Leiche bereits Fäulnis-Erscheinungen zeige - wie es in Bad Herrenalb der Fall war - gingen Ärzte ungern an den Körper. "Wenn ich in Eile bin, habe ich auch keine Lust, an der roten Ampel zu warten, muss es aber trotzdem tun. Es gibt nun mal Gesetze, und an die muss man sich halten", sagt Wehner. Das Bestattungsgesetz des Landes schreibt eine gründliche Untersuchung des entkleideten Leichnams bei guten Lichtverhältnissen vor.

Wehner zählt auf: Zunächst muss der Arzt den leblosen Körper auf sichere Todeszeichen untersuchen, dann überprüfen, ob es sich um einen natürlichen Tod gehandelt hat. Er muss den Leichnam vollständig entkleiden und eventuell auch umdrehen, um ihn gründlich untersuchen zu können. Dazu zähle das Abtasten des Schädels auf mögliche Frakturen, ebenso das Überprüfen der Knochen, der Haut und der Körperöffnungen. Auch die Umgebung müsse aufmerksam inspiziert werden: Liegen Medikamenten-Blister oder Nitro-Spray auf dem Boden, die auf eine Erkrankung hinweisen? Im Zweifelsfall müsste auch der behandelnde Arzt kontaktiert werden. "Eine gescheite Leichenschau ist nicht in fünf Minuten erledigt", sagt deshalb Wehner, "das kann schon eine halbe und bis zu einer Stunde dauern."

Bei ersten Anzeichen auf eine nicht natürliche Todesursache muss der Arzt die Polizei hinzu rufen. An den Augen beispielsweise lassen sich Anzeichen von Erstickungen feststellen. "Bei Einblutungen in den Augen müssen alle Alarmglocken läuten", sagt Wehner. Ähnlich sei es bei Wunden, wie im aktuellen Fall, in dem sich die Rentnerin beim Sturz eine blutende Kopfverletzung zugezogen hatte: "Wenn eine Leiche in der Blutlache liegt, dann spätestens sollte der Arzt den Verdacht auf ein Tötungsdelikt haben", sagt der Gerichtsmediziner. Die Rentnerin in Bad Herrenalb hatte sich nach der Anklageschrift der Staatsanwaltschaft beim Sturz eine blutende Kopfverletzung zugezogen.

Der eindringlichste Fall, an den sich Wehner erinnert, liegt schon zehn Jahre zurück: Eine alte Frau lag leblos am Fuß der Kellertreppe. Herzinfarkt und Sturz als natürliche Todesursache diagnostizierte der Hausarzt - offensichtlich ohne eine Untersuchung. Denn erst die Bestatter fanden beim Abtransport der Leiche eine Waffe unter dem Körper. Auch fielen ihnen Einschusslöcher im Schädel der Toten auf.

Da es oft der Hausarzt ist, der im Todesfall gerufen wird, kommen besondere Schwierigkeiten hinzu: Der Arzt kennt seinen Patienten und dessen Krankengeschichte möglicherweise schon seit Jahren. Beim Tod eines alten Menschen mit Herzproblemen sind diese für den Arzt also eine nahe liegende Todesursache. Auch kennt er vielleicht die Familienangehörigen. Im Kreise der versammelten Trauernden wird er die Leiche nur ungern vollständig entkleiden wollen.

Eine Lösung wäre nach Wehners Ansicht ein hauptamtlicher leichenbeschauender Arzt, der unabhängig und unvoreingenommen ist. Doch der Rechtsmediziner fügt sogleich hinzu: Das ist kaum umsetzbar, da zu teuer.

Im aktuellen Fall Bad Herrenalb sagte ein Polizeibeamter bereits vor Gericht aus, der Mann habe die Tat damals gestanden. Der Angeschuldigte selbst hat sich in der Verhandlung noch nicht zum Fall geäußert, kündigte jedoch an, noch Aussagen vor Gericht zu machen. Für die kommende Woche sind drei weitere Verhandlungstage angesetzt. Dem Angeklagten droht eine Freiheitsstrafe von fünf bis 15 Jahren.

Zahl der Obduktionen geht zurück

Großes Gebiet Das rechtsmedizinische Institut Tübingen ist für das Gebiet von Heilbronn bis Sigmaringen und von Freudenstadt bis Münsingen zuständig. Die Gerichtsmediziner obduzieren bei ungeklärten Todesarten, bei Verkehrsunfällen und bei möglichen (Operations-)Fehlern. 2014 haben sie in Tübingen 255 Obduktionen durchgeführt, darunter waren 23 unnatürliche Todesfälle.

Weniger Arbeit Die Zahl der Obduktionen hat sich in den letzten 20 Jahren bei gleichem Einzugsgebiet halbiert. "Meines Erachtens sind es Kostengründe - der Schwabe an sich ist ja nicht zwingend friedlicher geworden", sagt Rechtsmediziner Frank Wehner. Im Südwesten gibt es drei weitere rechtsmedizinische Institute: in Freiburg, Heidelberg und Ulm.

 

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