Ulm verspricht stärkere Beschäftigung mit dem Erbe Albert Einsteins

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Die Geburtsstadt von Albert Einstein will nach eigenem Bekunden ihr teils zwiespältiges Verhältnis zu dem jüdischen Physik-Genie verbessern. Der „bekannteste Ulmer der Welt“ solle künftig stärker und besser durchdacht gewürdigt werden, kündigte Bürgermeisterin Iris Mann am Montag an. Anlass war die Präsentation eines kürzlich von der Stadt erworbenen Privatbriefs Einsteins, in dem er sich 1946 zur Umbenennung der Ulmer Einsteinstraße durch die Nazis sowie zur Rückbenennung nach dem Ende der NS-Herrschaft geäußert hatte.

Das Schreiben wird vom 7. bis 9. Februar im Haus der Stadtgeschichte ausgestellt, gab der Historiker und Stadtarchivar Michael Wettengel bekannt. In dem Brief an einen ebenfalls in den USA lebenden Ulmer Verwandten bezeichnete der Nobelpreisträger die Umbenennung der Einstein- in Fichtestraße im Jahr 1933 und die Rückbenennung 1945 als „drollige Geschichte“. Sie habe ihn „nicht wenig amüsiert“. Einstein war angesichts der Machtergreifung der Nationalsozialisten nach Amerika ausgewandert und später auch US-Staatsbürger geworden.

Der aus Privatbesitz stammende Einstein-Brief wurde bei einer New Yorker Autographenhandlung für 7500 Dollar (derzeit 7014 Euro) erworben. Das Stadtarchiv erweitert damit seine Sammlung von Originalschriftstücken des Wissenschaftlers, die einen Bezug zu seiner Geburtsstadt haben. Einstein hat zwar nur die ersten 15 Monate seines Lebens in Ulm verbracht, dann nahmen ihn die Eltern mit nach München. Jedoch hatte die Familie in Ulm zahlreiche Wurzeln. In der Nazizeit kamen sieben Ulmer Verwandte Einsteins in Konzentrationslagern ums Leben.

Im Zusammenhang mit der Briefpräsentation sagte Stadtarchivar Wettengel, für eine oft zitierte angebliche Äußerung Einsteins, wonach man die Straße in Anlehnung an das politische Wesen der Deutschen doch lieber „Windfahnenstraße“ nennen solle, gebe es keinen Beweis. Auch in dem jetzt angekauften Brief steht davon nichts. „Ich würde das der Gerüchtekiste zuordnen.“

Ulm wolle den Briefkauf zum Anstoß dafür nehmen, „dass man wieder mal darüber nachdenkt, was uns eigentlich mit diesem berühmtesten Sohn der Stadt verbindet und sich fragt: Was heißt es, Geburtsstadt eines global bekannten Wissenschaftlers zu sein, der auch in Politik und Gesellschaft viel bewegt hat“. Bislang sei es „eher zufällig, was man in Ulm zum Thema Einstein entdecken kann“. Unter anderem will die Stadt nun auch eine mögliche Verwendung für die Grundmauern des Geburtshauses von Einstein in der Bahnhofstraße 20 prüfen. Es war im Zweiten Weltkrieg bei einem Luftangriff zerstört worden. Auf dem Gelände sind derzeit Bauarbeiten für ein neues Stadtquartier mit Wohnungen und Geschäften im Gange.

Mehr zum Thema
Webseite der Stadt Ulm zu Einstein
Informationen zum Stadtarchiv Ulm

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Kommentare

30.01.2017 16:59 Uhr

Notwendiger Verzicht ermöglicht angemessenes Gedenken an Albert Einstein

Übten sich Ulms Bürger notwendig in dem Verzicht, sämtliche Praktiken weder materiell noch ideell zu fördern, die beliebig geistige Arbeitsleistungen unmöglich machen, gedenken sie bereits angemessen dem individuellen Genius ihres größten Sohnes. Politisch besitzt demnach jeder Einwohner der Stadt unveräußerlich und unabhängig von Raum und Zeit die Wahl, sich zumindest von solch einer Praxis zu distanzieren, wenn der dortigen Kommune eine prosperierende Zukunft beschieden sein soll. Die Bevölkerung kann aber auch den gesellschaftlichen Grundlagen spotten, auf denen ihr Reichtum fußt, indem keine Gelegenheit ungenutzt bleibt, nach Kräften sich dieser Aussichten dadurch selbst zu berauben. Momentan sieht es jedenfalls eher danach aus, als ob eine im Zuge nicht erhobener Einsprüche auf demokratische Weise getroffene Entscheidung zugunsten des Wohlergehens aller unerwünscht ist und ein würdiges Erinnern an Albert Einstein infolge dessen in unerreichbare Ferne rückt..

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