Turbulentes Jahr für die Bahnhofsmission

Mitarbeiter der Bahnhofsmissionen kümmern sich immer häufiger um Flüchtlinge, Obdachlose, psychisch Kranke. Die Hilfe für und Begleitung von Reisenden rückt dagegen in den Hintergrund.

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Ein warmer Tee, jemand der zuhört und hilft: Die Mitarbeiter der Bahnhofsmissionen werden immer öfter gebraucht. In den großen baden-württembergischen Städten ist die Zahl der Kontakte zu Hilfesuchenden stark gestiegen.

"Das war ein sehr turbulentes Jahr, vor allem wegen der Flüchtlinge", sagte die Leiterin der Bahnhofsmission Karlsruhe, Susanne Daferner. Ihre Dienststelle habe 2015 mehr als 32.500 Kontakte zu Hilfesuchenden gezählt. Das ist mehr als eineinhalb Mal so viel wie im Vorjahr. Der Anstieg ist auf die große Zahl der Flüchtlinge zurückzuführen, die wegen der Landeserstaufnahmestelle nach Karlsruhe reisen.

Die Bahnhofsmissionen im Land werden von katholischer und evangelischer Kirche betrieben. Die Vorsitzende des katholischen Trägervereins "In Via", Ilona Rauschopf, bestätigt, dass der Kontakt zu Flüchtlingen an den Verkehrsknotenpunkten Stuttgart und Karlsruhe eine besondere Belastung für die Bahnhofsmissionen darstellt. Auch in Ulm und Aalen - nahe an der Erstaufnahmestelle in Ellwangen - steige die Zahl der Kontakte. "Im Oberschwäbischen merkt man hingegen wenig davon", sagte Rauschopf.

Die Bahnhofsmission Karlsruhe hat auf die vielen Flüchtlinge reagiert und die Arbeitszeit um drei Stunden verlängert. Die Bahnhofsmission ist dünn besetzt mit nur zwei Haupt- und 28 Ehrenamtlichen. Freiwillige von der Flüchtlingshilfe beteiligen sich an den längeren Schichten.

Karlsruhe ist auch wegen der Bundesgerichte - Bundesverfassungsgericht und Bundesgerichtshof - eine besondere Anlaufstelle. "Es kommen verstärkt psychisch kranke Menschen zu uns, so etwa einer täglich", sagte Daferner. Sie hätten vor, in Karlsruhe zu klagen, weil sie sich verfolgt fühlten. Die Bahnhofsmission schicke die Personen weiter zu psychischen Beratungsstellen. Es kämen auch immer mehr Obdachlose, sagte Deferner. "Sie wollen essen, trinken, sich aufhalten."

Die Bahnsteigarbeit, etwa Begleitung reisender Kinder oder Umsteigehilfe von Menschen mit Behinderung, rücke in den Hintergrund. Die Bahnhofsmission sei immer mehr zur sozialen Anlaufstelle geworden. Allerdings sind die Ehrenamtlichen der "Bahnhofsmission Mobil" nach wie vor gefragt. 2015 haben sie im Südwesten fast 800 Personen auf Bahnreisen begleitet. Weil die Nachfrage nach dem Angebot besonders bei den sechs- bis 15-jährigen Kindern steigt, wird im Frühjahr eine fünfte Station in Friedrichshafen eröffnet, sagte Sylvia Takacs von der Bahnhofsmission. Bei den Kindern gehe es meist um Fahrten am Wochenende zu Großeltern oder den getrennt lebenden Eltern.

Die Stuttgarter Leiterin Renate Beigert bezeichnet die Bahnhofsmission als Seismograph der Gesellschaft. Eine besondere Gruppe, die immer wieder in Kontakt mit Beigert und ihren Mitarbeitern kommt, seien Südosteuropäer, die im benachbarten Park nächtigen. Wie weit aber geht die Hilfe der Bahnhofsmission und wo hört sie auf? "Wenn diese Leute zu uns kommen, sind sie ja im Bahnhof", sagte Beigert. Sie versuche, auch sie mit Essen und Kleidung zu versorgen und sie an passende Beratungsstellen zu verweisen.

Auch die Freiburger Bahnhofsmission, in evangelischer Trägerschaft, bezeichnet Reisehilfe nicht mehr als Schwerpunkt ihrer Arbeit. Die Bahn selbst sei etwa mit Hebevorrichtungen für Rollstühle besser aufgestellt. "Weggeschickt wird niemand", sagte auch Rauschopf vom katholischen Trägerverein. Dass die hilfesuchenden Flüchtlinge meist Muslime sind, sei kein Problem. "Wir wollen niemanden bekehren. Wir haben den christlichen, menschlichen Anspruch, da zu sein."

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