Trügerische Tüte

Biologisch abbaubare Biomüll-Beutel machen den meisten Kommunen im Land zu schaffen: Sie verrotten nicht schnell genug, verunreinigen den Kompost, müssen aussortiert und teuer separat entsorgt werden.

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Reißfest ist er, umweltfreundlich und "ideal für die Biotonne" - damit zumindest werben Hersteller von biologisch abbaubaren Müllbeuteln. Doch im Alltag sieht das anders aus, vielen Kommunen in Baden-Württemberg bereiten die speziellen Bio-Beutel bei der Verrottung Probleme. So rief der Landkreis Reutlingen beispielsweise erneut dazu auf, besser Beutel aus Papier statt aus biologisch abbaubarem Kunststoff zu benutzten.

Das Problem: Im Laufe der dreieinhalb Monate, die der Biomüll in der Reutlinger Kompostieranlage verrottet, werden die Biomüllbeutel nicht vollständig abgebaut. "Die Tüten zerfallen zwar relativ schnell, aber die übrigbleibenden Schnipsel können wir nicht vollständig aussieben", sagt Kurt Dimmler vom Reutlinger Landratsamt.

Da die Biobeutel-Schnipsel nicht von herkömmlichem Plastik zu unterscheiden sind, gilt der entstandene Kompost als verunreinigt und kann nicht weiter verwertet werden, beispielsweise von Privathaushalten oder Landschaftsgärtnereien.

Hinzu kommt: Seit der Änderung des Gebührensystems im vergangenen Jahr hat sich im Reutlinger Landkreis der getrennt anfallende Biomüll auf 25.000 Biotonnen jährlich mehr als verdoppelt. Seit Januar 2015 schreibt das Kreislaufwirtschaftsgesetz bundesweit vor, dass Bioabfall separat gesammelt und entsorgt werden müsse - die Biotonne ist also Pflicht.

Sechs Landkreise in Baden-Württemberg setzen das noch nicht um. Sie berufen sich auf eine Ausnahmeregelung im Gesetz, in der es heißt, "wenn wirtschaftlich zumutbar und technisch möglich". Das Stuttgarter Umweltministerium will die Biotonnenpflicht flächendeckend umsetzen. Ziel ist es, den Biomüll, der pro Kopf jährlich entsorgt wird, von derzeit 45 Kilogramm auf 60 Kilogramm zu erhöhen. "Wenn alle Landkreise mitmachen, übertreffen wir dieses Ziel sogar", sagt Referatsleiter Martin Kneisel.

Bereits in den 1990er-Jahren hat der Schwarzwald-Baar-Kreis die Biotonne eingeführt. Die Menge an Biomüll hat sich deshalb in dem Landkreis seitdem kaum verändert. Doch auch der dortige Amtsleiter Martin Fetscher kennt das Biobeutel-Problem nur zu gut. "Das Hauptproblem sind die sogenannten Störstoffe", sagt er.

Immer wieder gelangen auch herkömmliche Plastiktüten in die Bio-Abfälle. Das macht die abbaubaren Biomüllbeutel sinnlos, selbst in Anlagen, in denen der Müll mehr Zeit zum Verrotten hat. Denn die vollautomatischen Anlagen können auch beim vorherigen Aussortieren von Störstoffen nicht zwischen Bio-Kunststoff und Plastik unterscheiden. Es müssen also alle plastikartigen Materialien aussortiert und entsorgt werden. "Das kostet richtig viel Geld", erklärt Fetscher. "Und je mehr Störstoffe drin sind, umso teurer ist es."

Zumindest einen Vorteil schreiben Experten den Tüten zu: Bleibt doch einmal solches Material im Müll, verrottet es nachträglich auf dem Feld oder im Garten. Auch hat sich bei der Entwicklung des Materials bereits einiges getan. "Früher gab es da größere Unterschiede", sagt Dimmler vom Reutlinger Landratsamt. Doch: Die abbaubaren Beutel bestehen nicht nur aus pflanzlichen Stoffen wie Stärke und Zucker. Sie enthalten auch Stoffe auf Rohöl-Basis. "Es könnten Reste davon übrig bleiben", sagt Kneisel vom Umweltministerium. Er geht davon aus, dass das Material zügig weiter verbessert werden wird. Mit Empfehlungen zur Nutzung oder zum Verbot solcher Tüten hält Kneisel sich jedoch zurück. Das sei Sache der jeweiligen Kommunen.

Alternativen

Papier Einige Kommunen im Land verbieten biologisch abbaubare Beutel in der braunen Tonne. Sie raten stattdessen dazu, den Bioeimer mit Papier auszulegen und Biomüll in Papiertüten, Zeitungspapier oder Küchenkrepp einzuwickeln, um Flüssigkeiten und Gerüche zu binden.

 

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