Treffen der Wikipedianer in Kornwestheim

Rund 6000 Autoren schreiben in deutscher Sprache für das Internet-Lexikon Wikipedia. Es dürften gerne mehr sein, sagen engagierte Wikipedianer.

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Rudolf Simon hat die Wikicon organisiert.  Foto: 

„An einem grauen Wintertag habe ich meinen Namen eingegeben und den ersten eigenen Artikel geschrieben“, erinnert sich Rudolf Simon, 66, studierter Maschinenbauingenieur, an seine Wikipedia-Anfänge. „Ich war schon lange von der Qualität der Einträge begeistert und habe mich dann irgendwann überwunden, selbst mitzumachen.“  Der überzeugte Wikipedianer ist der Organisator der Jahreskonferenz Wikicon mit mehr als 500 Teilnehmern, die am Wochenende in Kornwestheim stattfand. Sie ist laut eigenen Angaben die größte „Konferenz für Freies Wissen im deutschsprachigen Raum“.

Die kostenfreie Internet-Enzyklopädie Wikipedia kennt und nutzt jeder. „Jeder kann schreiben, jeder Inhalte löschen. Wie kann so was funktionieren und warum endet das nicht im totalen Chaos? Diese Mechanismen, die es nur bei Wikipedia gibt, haben mich von Anfang an fasziniert“, sagt Simon. Es gibt keine Hierarchien, keinen Chefredakteur, aber trotzdem entsteht eine qualitativ hochwertige aktuelle Wissenssammlung. „Wenn man googelt, ist es Werbung, bei Wikipedia sind es sachlich-korrekte Informationen.“

Ein neu geschriebener Beitrag ist zwar sofort sichtbar, wird aber erst nach der Prüfung und Freigabe durch einen erfahrenen Wikipedia-Autor, einen sogenannten Sichter, dauerhaft aufgenommen. Auch speziell programmierte Softwareroboter, die Bots, überprüfen laufend Inhalte und sortieren Beiträge nach definierten Stichworten, Kriterien und ihrer Relevanz aus.

Wie definiert die Wikipedia, was relevante Beiträge sind? Die Internet-Enzyklopädie ist kein allgemeines Personen-, Vereins- oder Firmenverzeichnis. Nicht jeder Sachverhalt und jeder Gegenstand sind für eine Berücksichtigung relevant genug. Ein Koch wird zum Beispiel nur dann einen Eintrag bekommen, wenn er sich einen Stern erkocht hat, ein neues Telefonmodell nur dann, wenn es bei seiner Einführung mit relevanten technischen Neuerungen aufwarten konnte. Das Besondere an Wikipedia ist, dass durch Belege und Querverweise nachgewiesen werden muss, woher die Informationen stammen, erklärt Simon.

Die Autoren, die sich normalerweise zurückgezogen am PC in einer virtuellen Welt bewegen, haben durchaus das Bedürfnis nach realem, persönlichen Austausch und dem Treffen mit anderen Autoren. „Die Mitarbeit kann äußerst befriedigend, aber auch frustrierend sein“, sagt Simon. „Wir wollen uns mit der Wikicon bei den Autoren bedanken und unsere Wertschätzung für ihre Arbeit zeigen.“ Die Diskussion darüber, welche Themen und Beiträge relevant sind, nahm bei dem Jahrestreffen in Stuttgart dann auch den erwartet großen Raum ein.

Der zweite wichtige Aspekt der Tagung war das Motto „Offenheit“. Stärker als bisher soll sich die Wikipedia, die zu einer Art eingeschworener Gemeinschaft geworden ist, öffnen und Anregungen und Impulse von außen aufnehmen und verarbeiten. Das Wissen wächst explosionsartig und das in allen Disziplinen. Deshalb war die Gewinnung von neuen Autoren – und vor allem Frauen als Autorinnen, die bisher erst 15 Prozent ausmachen – ein weiteres Anliegen. Zu jeder Stunde fand für die Neuteilnehmer ein Einführungskurs statt. Wie kann ich mitarbeiten? Wie melde ich mich an? Wie finde ich einen Benutzernamen? Denn, fordert Simon, man soll „nicht meckern, sondern machen“. Man müsse zwar erst eine Hürde nehmen, „aber man kann nichts falsch machen, sondern als Wissensbefreier nur positiv beitragen“.  Mit der Wikicon in Kornwestheim sei ein guter Anfang gemacht worden. 50 Prozent der Besucherinnen waren weiblich, die Einstiegskurse gut gefüllt.

Kostenloses Wissen

Organisation Wikipedia wird von der  Wikimedia Organisation unterhalten. Mehr als 40 unabhängige Länderorganisationen unterstützen  Wikimedia vor Ort. Wikimedia Deutschland ist die größte Organisation mit 26 000 Mitgliedern und 6000 ehrenamtlichen Autoren. Bei der jährlichen Sammlung zu Weihnachten wurden in Deutschland über achteinhalb Millionen Euro gespendet. Das Lexikon ist 15 Jahre alt.  bw

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