Tourismus-Experten: Regionalität muss echt sein

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Mit der Zeit gehen – aber bitte ohne „McDonaldisierung“, fordern Experten: Die Kuckucksuhr im Hotelzimmer darf gerne antik sein. Der Fernseher allerdings nicht.  Foto: 

Nach dem Rekordergebnis des letzten Jahres rechnet der für Tourismus zuständige Minister Guido Wolf (CDU) für 2017 wieder mit einem Superlativ im Urlaubsgewerbe. Der Politiker geht davon aus, dass in Baden-Württembergs Gästebetten mehr als 51 Millionen Mal übernachtet wird. Dafür möchte Wolf verstärkt über die Landesvertretung in Brüssel um ausländische Besucher werben. Diese Schiene solle „neue Möglichkeiten der Vernetzung eröffnen“.

Das Geschäft mit der Entspannung sei „ein unverzichtbarer Wirtschaftsfaktor“, betonte Wolf am Montag beim Tourismustag im Rahmen der Messe CMT in Stuttgart. Mit „326 000 nicht exportierbaren Arbeitsplätzen“ in der Gastronomie und Hotellerie werde die Zahl der Beschäftigten in der Autobranche übertroffen. Deshalb werde die Landesregierung mehr Geld ausgeben. 4,3 Millionen Euro Marketingmittel würden um 200 000 Euro aufgestockt, das Infrastrukturprogramm werde von fünf auf sieben Millionen Euro erhöht.

Attraktive Zauberformel

Um den Stellenwert zu behaupten, will sich Baden-Württemberg noch mehr auf die eigenen Stärken besinnen. „Regionalität trotz Globalität“ lautet die Zauberformel, mit der auch die Tagung überschrieben war. Zwischen Main und Mainau soll der „Rückzug aus dem alltäglichen Getriebensein“ attraktiv werden, betonte Wolf. Identität und Verbundenheit mit der Heimat könnten „zugkräftige Marken“ werden. Zu den Vorteilen gehören auch die rund 30 000 gastronomischen Betriebe, das Sterne-Restaurant ebenso wie der Gasthof, sowie die als „Bodenschatz“ betrachteten 56 Heilbäder und Kurorte.

Regionalität könne durchaus ein  Alleinstellungsmerkmal sein bei der Konkurrenz  mit Bali und Dubai, erklärte Georg Ziegler, aus Konstanz stammender Direktor beim Hotelbewertungsportal Holiday Check. Aber um bei den potenziellen Gästen punkten zu können, hält der Experte ein „Reinheitsgebot für Regionalität“ für unerlässlich. Dazu gehörten drei Elemente: Die Echtheit etwa bei Traditionen, die Ehrlichkeit bei der Auswahl von Zutaten, Zubehör, Ausstattung („kein Frühstück auf Plastikfurnier“) sowie die Pflege von Landschaft, Häusern, Bräuchen, Hotels, Gasthöfen, Ausflugszielen. Dann sei „ein authentisches Erlebnis“ garantiert. Sehr wichtig sei die Gemütlichkeit: „Sie muss als Messmarke berücksichtigt werden.“

Die Auswertung der Einträge bei Holiday Check fasste Ziegler in „drei Sturmwarnungen“ zusammen. Es dürfe keine „Regionalität aus dem Päckle“ geben; Maultaschen müssten hausgemacht sein, Möbel aus echtem Holz, Trachten des Personals nicht aus Polyester. Dann, zweiter Punkt, warnte Ziegler vor „kopierter Regionalität“; ein Oktoberfest nach Münchner Vorbild oder ein Fischmarkt wie in Hamburg beispielsweise verwässerten die eigene Identität. Schließlich warnte der Fachmann vor Formulierungen wie „im ländlichen Stil“, dies sei „abgerockt“.

Wie sehr Urlauber auf solche Aspekte achten, zeigen die viel gelesenen Einträge im Portal. Da wurde ein Vier-Sterne-Hotel im Schwarzwald heftig kritisiert wegen abgewohnter Möbel und altem Bad, Alt- und Neubau seien „zwei getrennte Welten“. In einem anderen Haus wurde zwar der regionale Einschlag in den höchsten Tönen gelobt, doch es gab Abstriche wegen „Dosenfutter, alter Teppich, mickriger Fernseher“.

Wertvolle Bräuche

Volkskundler Werner Mezger pries die Attraktivität von Traditionsfesten und Bräuchen, bei den „der Alltag außer Kraft gesetzt wird“. Je mehr die „McDonaldisierung“ der Welt voranschreite, desto wertvoller würden lokale Besonderheiten als „Reinszenierung“. Die Tourismusmanager müssten auch auf diesen „kulturellen Reichtum“ aufmerksam machen. Wenn die Urlauber nicht überall direkt mitmischen könnten wie beim Narrensprung in Rottweil, sei dies zwar ein Problem, aber man brauche ja auch „qualifizierte Zuschauer“.

Hohes Vermarktungspotenzial besitzt nach Mezgers Meinung die „Muswiese“ in Rot am See bei Crailsheim: „Das ist Deutschlands ältester Krämermarkt.“ Um solche Perlen zu finden, müssten Urlauber auch „ein bisschen investigativ sein“.

Die sieben Naturparks in Baden-Württemberg sind nach Ansicht von Peter Hauk, CDU-Minister für den ländlichen Raum, „Motoren der Regionalentwicklung“. Die Schutzgebiete Neckartal-Odenwald, Schönbuch, Schwäbisch-Fränkischer Wald, Obere Donau, Stromberg-Heuchelberg, Südschwarzwald und Schwarzwald Mitte/Nord decken mit 12 300 Quadratkilometer 35 Prozent der Landesfläche ab. Der älteste Naturpark ist der 1972 ausgewiesene Schönbuch, der jüngste Schwarzwald Mitte/Nord (seit 2000).

Die Arbeit in den sieben Geschäftsstellen habe längst nichts mehr zu tun mit der „Möblierung der Landschaft“, lobte Hauk. Die drei Millionen Euro aus der Landeskasse werden in naturnahen Tourismus investiert. Dazu tragen 235 zertifizierte Naturparkführer bei. In den Infozentren informierten sich rund 150 000 Besucher, 10 000 Gäste von „Brunch auf dem Bauernhof“ praktizierten Landschaftspflege mit Messer und Gabel, sagte Landrätin Marion Dammann, Sprecherin der Arbeitsgemeinschaft.

Die Angebote in den Naturparks sind für alle Generationen gedacht. Auch junge Leute werden angesprochen. „Gaildorf chillt“ heißen drei Aktionstage, bei dem 15- bis 35-Jährige die Natur mit allen Sinnen erleben können etwa mit einer Kopfhörerparty. Schwarzwald Mitte/Nord lockt ab 1. Mai mit Trekking und Übernachtung im Zelt an sechs Plätzen, die nur mit Feuerstelle und Klohäuschen ausgestattet sind. Im Stromberg-Heuchelberg wird am 24. Juni erstmals ein „Wandermarathon“ veranstaltet.

Der Schutz der Landschaft erlaubt eine schonende Nutzung der Parkgebiete, in denen der Waldanteil zwischen 60 und 86 Prozent ausmacht. Dass es keine generellen Zutrittsverbote gibt, zeigt schon die Zahl von 1053 Veranstaltungen im Jahr 2016. hgf

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