Theater gegen Radikalisierung: Warnung vor Heilsversprechen

Vorbeugung mit Vorführungen: Das Ludwigsburger Polizeipräsidium möchte junge Leute auch mit einem Theaterstück vor der Radikalisierung bewahren.

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Szene einer Radikalisierung im Präventionsstück „Achtung?!“ der Ludwigsburger Polizei: Die Schauspieler Laura Pletzer und Daniel Neumann verkörpern Jugendliche, die Halt suchen und sich dabei an Extremisten verlieren.  Foto: 

Kriminaldirektor Jürgen Hauber (60) ist sich der Grenzen des von ihm geleiteten Präventionsprojektes bewusst: „Wer schon den Koffer gepackt hat, den halten wir nicht mehr auf.“ In seinem Zuständigkeitsbereich seien bereits zwei, vielleicht auch drei junge Männer in den „Islamischen Staat“ gereist. Aber all die vielen anderen will das Polizeipräsidium Ludwigsburg so informieren, dass sie überhaupt keine Sympathien aufbringen für das Terrornetzwerk.

„Achtung?!“ heißt das Programm, das auch für Respekt vor Andersdenkenden wirbt und zur Vorsicht bei Heilsversprechen mit Hintergedanken rät. Das aus mehreren Modulen bestehende Aufklärungspaket ist der EU-Kommission so wichtig, dass sie 262 500 Euro aus dem Topf „Innere Sicherheit“ spendiert hat. „Das Thema Extremismus ist in Brüssel ganz groß“, erklärt Hauber die 75-prozentige Förderung.

Ein zentrales Element des Pilotprojekts ist ein interaktives Theaterstück, das erstmals vor Achtklässlern der Realschule Remseck (Kreis Ludwigsburg) aufgeführt wurde. In gut einer Stunde erlebten die jungen Zuschauer die Veränderung von zwei ziemlich guten Freunden. Die 13- bis 14-Jährigen waren geradezu gefesselt von der Verwandlung des Duos, bisweilen schockiert über Verhalten und Wortwahl der Protagonisten.

Der Plot: Lina hat sich nach dem Wegzug in eine fremde Stadt nach Ansicht von Tarek in eine „beschissene Nazischlampe“ verwandelt, weil sie auf der Suche nach einer neuen geistigen Heimat an Rechtsradikale geraten ist. Fortan sieht sie in Ausländern nur noch „Schmarotzer“. Der junge Moslem, Sohn eines Türken, geht dagegen islamistischen Rattenfängern ins Netz. Seine deutsche Mutter, „eine Ungläubige“, akzeptiert er ebenso wenig wie legere Kleidung von Mitschülerinnen.

Immer wieder werden die Zuschauer nach ihrer Meinung gefragt. Sie sollen einbezogen werden, sollen ein Gespür bekommen, wie extremistische Organisationen die Sehnsucht junger Menschen nach Geborgenheit und einfachen Erklärungen für komplexe Sachverhalte gezielt ausnutzen. Die Botschaft der Entwicklung zum Kotzbrocken ist klar. „Es ist immer dann eine Grenze überschritten, wenn man sich über die Anderen stellt“, fasst die Schauspielerin Laura Pletzer pädagogisch geschickt die Episoden zusammen, die sie mit Daniel Neumann dargeboten hat.

Nach der Aufführung diskutieren Lehrer mit ihren Klassen über die Inhalte, sprechen auch über Möglichkeiten, Freunde und Mitschüler vom Abdriften in den Extremismus abzuhalten. Die Polizei und die Landeszentrale für politische Bildung schicken ebenfalls Spezialisten für die notwendige Nachbereitung.

Seit gut anderthalb Jahren werden Jürgen Hauber und seine Kollegen zunehmend von Lehrern auf „erste Radikalisierungstendenzen“ angesprochen. „Sie stehen dem Thema hilflos gegenüber und tun sich argumentativ schwer“, hat der Kriminaldirektor bei etlichen Pädagogen beobachtet. Würden religiöse Aspekte als Grund für nicht akzeptables Verhalten genannt, seien Lehrer rasch überfordert. „Sie trauen sich nicht, ziehen sich lieber zurück“.

Nicht mehr ungewöhnlich sind offenbar Vorstöße von jungen Moslems, die von Mädchen ein Kopftuch verlangen. Bei einer Klassenfahrt habe sich eine Schülerin für Propaganda-Videos des „Islamischen Staats“ begeistert. „Mädchen lassen sich davon komischerweise faszinieren“, wunderte sich Hauber.

Mit „Achtung?!“ sollen die Mitschüler sensibilisiert werden, weil sie nach Überzeugung der Organisatoren zuerst mögliche Anzeichen für eine negative Entwicklung feststellen. „Sie merken viel besser als Eltern, dass sich da etwas tut“, erklärte Jürgen Hauber.

Rolf Hahn (65), Rektor der Remsecker Realschule, sieht unter seinen 600 Schülern zwar keine rassistischen Tendenzen oder Zerwürfnisse: „Bei uns gibt man aufeinander Acht.“ Dennoch hält er das Theaterstück der Polizei für sinnvoll, es bringe die Inhalte dramaturgisch schülernah und authentisch auf den Punkt. „Das ist richtig gut“, sagt Hahn.

In 40 Schulen der Kreise Ludwigsburg und Böblingen sollen die Schauspieler des Ludwigsburger Theaters Q-Rage in den nächsten zwei Jahren gastieren. Jürgen Hauber wäre es allerdings lieber, wenn „Achtung?!“ im ganzen Land gezeigt würde. Mehr noch: „Das müsste man bundesweit anbieten.“

Vielfalt und Wertekonsens

Paket „Achtung?!“ besteht aus mehreren Teilen: Neben dem Theaterstück und der Nachbereitung für Schüler gibt es Informationsveranstaltungen für Lehrer und Elternabende, an denen das Landesamt für Verfassungsschutz teilnimmt. Die Polizei stellt Unterrichtsmaterial über Extremismus, Radikalisierung, Vielfalt und Wertekonsens bereit. Die Landeszentrale für politische Bildung bietet Pädagogen eintägige Fortbildungen mit Argumentationstraining an. Von der Stiftung Weltethos gibt es eine Ausstellung über gemeinsame Werte der Religionen und Weltanschauungen.

Clip Die Filmakademie Baden-Württemberg hat für diese Kampagne einen jugendgerechten Beitrag im Stil eines  Youtube-Spots gedreht. „Fünf Arten von Extremisten“ präsentieren sich in dem Video in satirischer Form. Die Internetseite www.radikalisierung.info bietet weitere Infos. hgf

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