Sündenbock Eidechse - Wann ist Artenschutz zu teuer?

Gelbbauchunke, Juchtenkäfer, Große Hufeisennase - je schräger der Name, desto heftiger schütteln Bauherren die Köpfe über den Artenschutz. Dabei seien Konflikte leicht zu vermeiden, behaupten Naturschützer.

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Gelbbauchunke, Hufeisennase, Zauneidechsen und andere schützenswerte Tiere kosten viel Geld beim Umsetzen in neue Gebiete.  Foto: 

Die Unke kommt quasi über Nacht. Ratzfatz hat sie ihren Laich in die mit Regenwasser gefüllte Reifenspur eines schweren Radladers gelegt. Die Folge: Dieser Teil des Steinbruchs steht nun erst mal still. Das Gesetz will es so. Genauso wie es entlang des Milliardenprojekts Stuttgart 21 will, dass die Bahn nur dort baut, wo sie sich gebührend um gut 10.000 Mauer- und Zauneidechsen gekümmert hat, die dort leben. Und das, obwohl die Bahn doch schon so viel Ärger mit dem Juchtenkäfer hatte.

Im teuersten Fall habe die Umsiedlung einer Eidechse 8599 Euro gekostet, rechnet die Bahn vor. 15 Millionen Euro müsse man allein für Eidechsen ausgeben. Letztlich könne die Fürsorge für die Schuppenkriechtiere die Fertigstellung des Gesamtprojekts verzögern.

"Vorgeschoben", wettern Naturschützer wie Gerhard Pfeifer vom BUND Stuttgart. Die Bahn wolle von anderen Verzögerungen ablenken.

Sündenbock Eidechse. Auch der Feldhamster hat schon Bauvorhaben gestoppt, darunter die SAP-Arena bei Mannheim. Die Kleine Hufeisennase verursachte einen Baustopp der Waldschlösschenbrücke in Dresden, der Wachtelkönig den eines Baugebiets in Hamburg.

Dabei ließen sich Konflikte zwischen Artenschutz und Infrastruktur verhindern, wenn der Bauherr zeitig daran denke, sagt Andre Baumann, Landeschef des Naturschutzbundes Nabu. Sich über Artenschutz lustig und Tiere zu Sündenböcken zu machen, funktioniere nicht mehr. Die Gesetze seien scharfe Schwerter.

Umfragen zeigten, dass Artenerhalt den Deutschen wichtig sei. "Ein Brief, und ich habe einen Baustopp." Zauneidechsen stünden nun mal auf der Roten Liste, heißt es beim BUND, und somit auf Augenhöhe mit Braunbär und Steinadler. "Ein Sowohl-als-auch ist oft möglich", sagt Baumann. Der Schutz des Rotmilans sei ebenso möglich wie der Ausbau der Windkraft. Die Vorgaben in der Naturschutz-Richtlinie FFH der EU sind aus Sicht des Nabu so flexibel, dass es keine Konflikte zwischen Artenschutz, Bauherr und Industrie geben muss. HeidelbergCement etwa nutze den Schutz der Gelbbauchunke inzwischen für die Imagepflege. "Viele Steinbrüche sind wahre HotSpots der biologischen Vielfalt", sagt Baumann. Laut Nabu ist es kein Problem, etwa dem ebenfalls streng geschützten Wanderfalken neue Nistplätze anzubieten, bevor ein neuer Steinbruch gesprengt wird.

Ganz so einfach sei es aber nicht, meint die Bahn. Ihr Problem mit Eidechsen habe man durch frühzeitiges Kümmern eben nicht verhindern können, sagt S21-Sprecher Jörg Hamann. Dass die Eidechsen-Population am Alpvorlandtunnel auf 500 Tiere gewachsen sei, habe niemand ahnen können. Jetzt müsse der Planfeststellungsbeschluss geändert werden.

"Wenn man nach einem mehrjährigen Genehmigungsverfahren einen Planfeststellungsbeschluss und Baurecht erhält, dann aber erneut in ein Genehmigungsverfahren gehen muss, dann zeigt das, dass die Genehmigungsverfahren bei weitem zu lang sind und eine Endlosschleife droht", sagt Hamann. Drei, vier Monate habe man jetzt schon verloren.

Auch bei der geplanten Wiederbelebung der Hermann-Hesse-Bahn zwischen Calw und der Region Stuttgart droht ein Konflikt mit dem Artenschutz: Ein seit 30 Jahren nicht mehr genutzter Bahntunnel bei Hirsau, durch den Ende 2018 wieder Züge rollen sollen, ist Heimat von 7000 Fledermäusen. Vorschläge zur Lösung des Konflikts zwischen dem Artenschutz und dem "tollen Nahverkehrsprojekt" seien vom Landratsamt Calw abgelehnt worden, berichtet Baumann. Dort heißt es, Tempo 30 im Tunnel mache das Projekt unwirtschaftlich, da ein drittes Fahrzeug angeschafft werden müsste, rechnet der Projektbeauftragte Michael Stierle in Calw vor. Man baue darauf, alte Bunker-Stollen zu öffnen und die Fledermäuse zu vergrämen, damit sie sich andere Winterquartiere um Calw suchen. "Wir haben ja noch zwei Winter Zeit."

Was im Konsens möglich sei, zeige die Zusammenarbeit der Artenschützer mit dem Industrieverband Steine und Erden (ISTE), sagt Baumann. "Ohne Rohstoffe geht es nicht, ohne Naturschutz aber auch nicht", sagt Landesgeschäftsführer und Biologe Thomas Beißwenger. In jedem der 500 Steinbrüche gebe es geschützte Arten. Da Planungen für ein Abbaugebiet mehr als zwölf Jahre dauerten, bleibe genug Zeit, um Tiere umzusiedeln. Vieles gehe im Konsens. Doch wer das Thema überbewerte, tue letztlich dem Artenschutz auch keinen Gefallen, weil das Verständnis verlorengehe. "Da rate ich zu mehr Gelassenheit."

Bevor die Bagger anrollen

Verfahren Bevor bei einem großen Bauvorhaben - Bundesstraßen, Bahntrassen, Flugplätze, Stromtrassen - Bagger anrollen, muss der Bauträger das Raumordnungs- und das Planfeststellungsverfahren abwarten. Erst prüft die zuständige Behörde die grobe Planung, Alternativen und Umweltverträglichkeit; dann Einzelfragen sowie Lärm- und Umweltschutz.

Beschluss Dieses mehrstufige Verfahren endet mit einem Planfeststellungsbeschluss, einer Art Baugenehmigung. Gegner können dagegen vor Gericht ziehen.

 

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