Stuttgart 21: Bahnvorstand Kefer verabschiedet sich vom Lenkungskreis

Probleme mit Kosten und Zeitplan von Stuttgart 21 beschäftigen die Projektpartner. Der scheidende Bahnvorstand Kefer wird den Streit nicht vermissen.

|
Bahnvorstand Volker Kefer verlässt die Baustelle Stuttgart 21. Nicht der Dauerstreit um das Milliardenvorhaben sei schuld, sagt er.  Foto: 

Wenn da nicht allweil dieses knitze Lächeln wäre: Man würde Volker Kefer ja unbesehen jede gebrauchte Lokomotive abkaufen. So freundlich der Ingenieur zweifellos ist und so optimistisch er dreinblickt – das  Lächeln nährt immer leichte Zweifel. Jetzt aber lacht er lauthals bei der Frage, was ihm fehlen werde, wenn er bald nicht mehr Infrastrukturvorstand der Bahn ist: „Der Lenkungskreis natürlich und die Pressekonferenzen und die kritische Berichterstattung.“

Der Lenkungskreis: Fünfzehnmal hat er sich getroffen. Land, Stadt, Region und Bahn, die Stuttgart 21 mitfinanzieren, tagen im großen  Turnus. Fast alle. Der Bund als Eigentümer der Bahn fehlt. Nur manchmal  beschließt der Lenkungskreis auch etwas, meistens nicht. Auch am Donnerstagabend. Man trifft sich am Flughafen, dann reisen die Herrschaften weiter nach Berlin. Diesmal erläutert der Bahnvorstand die nach drei Jahren komplett neu erhobenen Kosten- und Terminpläne, die Landesverkehrsminister Winfried Hermann längst kennt: „Ich habe mich sehr darüber geärgert, dass die Partner alles aus der Zeitung lesen mussten.“

So ist das mit bahninternen Papieren: Erst werden sie bei der DB debattiert, dann kriegt sie der Aufsichtsrat, Wochen später der Lenkungskreis. Nichts wird so schnell von so vielen Seiten an Journalisten durchgestochen wie ein Bahnpapier.

Der Kostenrahmen von sechseinhalb Milliarden für den Bahnknoten ist fast ausgeschöpft, liegt aber einschließlich Risiken im 6,5 Milliarden Euro umfassenden Rahmen.  „Zehn Milliarden reichen“, sagt Kefer, und als die Medien zusammenzucken, lacht er wieder: „Zehn  Milliarden für das Gesamtprojekt bis nach Ulm.“ Zwar gibt es getrennte Rechnungen für den Bahnknoten in der Landeshauptstadt und die Neubaustrecke über die Alb, aber die ist billiger als gedacht. Mit den dort eingesparten Millionen ließe sich so manche Kostensteigerung bei S 21 noch ausgleichen – wenn man eins und eins zusammenzählen würde.

Der Zeitplan indes wird enger. Allein zwei Jahre im Verzug ist die architektonisch höchst ambitionierte Bahnhofshalle. 2021 soll eigentlich Eröffnung sein. Woran liegt’s? An extern induzierten Kosten, sagt Kefer, am Arten- wie am verbesserten Brandschutz und an toten Bäumen voller Käfer, die man zum Schutz unterfahren müsse statt sie abzuholzen. Und an geschützten Eidechsen, die teuer umgesiedelt werden müssen. „Naturschutz ist Teil des Projektes“, entgegnet Minister Hermann, kein externes Risiko. Wie aber gemeinsam weitermachen, um Zeit einzuholen? „Mit der Stadt kann man Tag und Nacht darüber reden, wie die Pläne einzuhalten sind“, sagt Stuttgarts OB Fritz Kuhn. „Die Rollen sind einfach: Die Bahn baut S 21. Allein.“

Stuttgart stellt jetzt einen Juristen ein, nur für S 21. Sechs Jahre nach dem Spatenstich. Tausende Telefonate habe man geführt, sagt Kuhn. „Der Eindruck, wir hätten nichts gemacht, soll sich nicht verfestigen.“  Warum beteuern dann alle Projektpartner nach jeder Sitzung, man müsse mehr miteinander reden?  Bahningenieure sind keine Kommunikationsprofis. Aber umgekehrt fehlt Politikern oft Verständnis dafür, dass man Großprojekte immer wieder nachrechnen und nachplanen muss. Als Kefer nach der Konferenz beteuert, er  verlasse den Bahnvorstand aus Privatgründen und nicht wegen des Dauerstreits  um  S 21, lächelt er wieder so milde: „Wir haben ein Stück weit zusammengefunden.“  Ein Stück weit? Nach so viel Jahren Planen und Bauen? Jede Wette: Nichts wird Kefer fehlen vom Lenkungskreis. Gar nichts.

„Abgespeist mit Sprechblasen“

Aktionsbündnis  Nach dem Treffen der Partner des Bahnhofsprojekts Stuttgart 21 haben die Gegner erneut Land und Stadt kritisiert. Dass die Bahn inzwischen alle Kosten- und Zeitzusagen gebrochen habe, habe die ganze Republik verstanden, nur offenbar die Vertreter von Stadt und Land nicht, sagte Eisenhart von Loeper vom Aktionsbündnis gegen Stuttgart 21. „Sie lassen sich zum wiederholten Male mit Unverbindlichem und Sprechblasen abspeisen.“ Zu den Projektpartnern von Stuttgart 21 gehören Bahn, Land, Stadt und Region Stuttgart und der Landesflughafen. „Ob das Projekt um Milliarden teurer wird und die Stadt bis ultimo in Baustellen und Verkehrschaos versinkt, scheint die Verantwortlichen in Stadt und Land nicht sonderlich zu beunruhigen“, so von Loeper weiter.dpa

Abonnieren Sie das kostenlose Morning-Briefing aus der Chefredaktion
Damit starten Sie top informiert in den Tag. Außerdem im Newsletter: Die Wettervorhersage und die aktuelle Verkehrslage in der Region.
» zur Registrierung
Kommentieren

Kommentare

03.07.2016 18:09 Uhr

„Abgespeist mit Sprechblasen“

Fürwahr, für die Verzögerungen beim Bau von Stuttgart 21 ist allein die Bahn verantwortlich, die aufgrund ihrer schlampigen Planung inzwischen alle Kosten- und Zeitzusagen gebrochen hat. An dem Projekt stimmt absolut nichts. Weder die Planung und Finanzierung, noch die Betriebssicherheit und Betriebsqualität.

Die Politik hat es sich viel zu einfach gemacht und im guten Glauben die Zügel schleifen lassen. Jetzt sitzt man im Dreck und schwurbelt wie der Bahn-Ingenieur Stefan Kielbassa von angeblichen "Kompensationsmöglichkeiten", sowohl in finanzieller Hinsicht als auch den anvisierten Fertigstellungstermin Dezember 2021 doch noch einhalten zu können.

Zum Projekt selbst ist alles gesagt. Es fehlt nur jemand, der am Ende die Verantwortung für die absehbare Katastrophe übernimmt. Die Zeche zahlt schon jetzt der Steuerzahler und der Bürger, der seine Stadt verschandelt sieht und sie kaum noch wiedererkennt.

Volksabstimmungen sind eine feine Sache, natürlich nur wenn die Bürger nicht zuvor maßlos getäuscht und schamlos angelogen werden wie im Falle von S21.

Antworten Kommentar melden

03.07.2016 14:23 Uhr

Wo sind sie geblieben, die Heizer auf der S-21-Lok?

Im Nebel verschwunden

Von Gastautor Edzard Reuter
29.06.2016

"Wo sind sie geblieben, die Heizer auf der S-21-Lok? Im Nebel verschwunden, schreibt unser Autor und erinnert an ihre haltlosen Versprechungen. Mit dabei die SPD, die sich bis heute nicht zu ihrer Mitverantwortung bekennt. Zum Schaden der Demokratie. (...)"

http://www.kontextwochenzeitung.de/politik/274/im-nebel-verschwunden-3735.html
...

Antworten Kommentar melden

03.07.2016 13:31 Uhr

heute schon gelacht?

Aussagen über Kostenerhöhungen bei Stuttgart 21 sind haltlos

(Stuttgart, 18. Juli 2008) Die Deutsche Bahn AG und das Land Baden-Württemberg weisen Aussagen des Ingenieur-Büros Vieregg-Rössler zu angeblichen Kostensteigerungen beim Projekt Stuttgart 21 als rein spekulativ zurück. Tatsache ist vielmehr: Das Bahnprojekt Stuttgart-Ulm ist eines der am besten und umfassendsten geplanten Projekte der Deutschen Bahn AG. Daher ist davon auszugehen, dass der derzeit vorgesehene Kostenrahmen eingehalten wird.

http://presseservice.pressrelations.de/standard/result_main.cfm?aktion=jour_pm&r=332219

Antworten Kommentar melden

Schreiben Sie Ihren eigenen Kommentar

noch 3000 Zeichen
Mit Ihrem Kommentar akzeptieren Sie unsere Netiquette

Für registrierte Nutzer

Melden Sie sich an und schicken Sie Ihren Kommentar ab:

Für noch nicht registrierte Nutzer

Registrieren Sie sich kostenlos, um Ihren Kommentar abzuschicken:

Ich bin damit einverstanden, dass die Neue Pressegesellschaft mbH & Co. KG und ihre Tochterunternehmen mich schriftlich (per E-Mail oder Brief) oder telefonisch über ihre Medienangebote und kostenlose Veranstaltungen informieren dürfen. Meine Daten dürfen zu diesem Zweck gemäß den Bestimmungen des BDSG gespeichert, verarbeitet und genutzt werden. Die Einwilligung kann ich jederzeit widerrufen.
Ich bin mit den Datenschutzbestimmungen einverstanden. *

Bitte beantworten Sie noch die folgende Sicherheitsfrage:

neu laden
Content Management by InterRed GmbH Logo
weiter zur Startseite

52-Jähriger tötet Freundin und springt von Autobahnbrücke

Ein kreisender Hubschrauber hat am Mittwochabend im oberen Filstal für Aufsehen gesorgt. Ein 52-Jähriger hatte sich vom Maustobelviadukt in den Tod gestürzt. Zuvor hatte er im Landkreis Ludwigsburg seine Freundin getötet. weiter lesen