Stress durch langes Warten - Prozessbegleiter helfen Zeugen und Gericht

Dass bei Prozessen die Opfer die Täter nicht anschauen, ist keine Seltenheit, sagt Sozialpädagoge Veith. Als einer von drei Stuttgarter Prozessbegleitern hilft er Zeugen, die belastenden Tage durchzustehen.

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Die junge Frau würdigt den Mann auf der Anklagebank keines Blickes. Sie schaut zum Richter, zum Staatsanwalt - aber nie nach links, wo der Angeklagte sitzt. Fast vergewaltigt habe er sie, steht in der Anklage. Fesseln und Folterinstrumente hatte er bei sich. Nur mit Kraft und ganz viel Glück habe sich die junge Frau losreißen und fliehen können. Dem Mann vor Gericht wieder zu begegnen, verlangt ihr viel ab.

Die direkte Konfrontation mit dem Angeklagten mache vielen Opfern Angst. Doch hier im Gerichtssaal hätten sie das Heft in der Hand, sagt Prozessbegleiter Christian Veith. Sie können und dürfen ihre Blicke steuern. Er sage den Zeugen: "Wenn du die Kraft hast, irgendwann, dann kannst du ihm gezielt in die Augen schauen."

Die psychosoziale Prozessbegleitung läuft als Pilotprojekt in Stuttgart, Ellwangen und Karlsruhe und wird zunächst bis Ende 2016 vom Land gefördert. Zielgruppen sind Kinder, Jugendliche und junge und behinderte Erwachsene, die Opfer von Gewalt- und Sexualdelikten geworden sind. Die drei fachlich ausgebildeten und zusätzlich strafrechtlich geschulten Mitarbeiter sitzen in Stuttgart und reisen bei Bedarf auch in die anderen Orte, um Zeugen vor Gericht beizustehen.

Neben den beiden Landeszentren in Baden und Württemberg wurde mit Ellwangen bewusst ein etwas ländlicherer Ort gewählt, um in der Probephase möglichst viele unterschiedliche Erfahrungen zu sammeln, sagt Diplompädagogin Tina Neubauer, Leiterin der Zeugen- und Prozessbegleitung. Dass Stuttgarts "Prävent Sozial" dabei die Federführung hat, ist kein Zufall. Die gemeinnützige Gesellschaft, die soziale Dienste rund um die Justiz anbietet, hat mehr als zehn Jahre Erfahrung mit ehrenamtlicher Zeugenbegleitung gesammelt. 25 Helfer begleiten dabei aktuell rund 200 Menschen im Jahr.

Bei der psychosozialen Prozessbegleitung sind es die schwereren Fälle - Anklagen, die unter die Haut gehen. Rund 50 Menschen seien bisher unterstützt worden, sagt Neubauer, die meisten davon in Stuttgart. In Karlsruhe und Ellwangen müsse sich das Angebot erst noch weiter herumsprechen.

Ihre Arbeit beginnt oft lange vor dem eigentlichen Prozess, in Zusammenarbeit mit der Polizei, dem Staatsanwalt, den Gerichten, dem Jugendamt. Wichtig ist, den Zeugen die Angst vor dem für sie fremden Umfeld zu nehmen. Die Begleiter erklären bei Bedarf anhand eines Modells, wie der Gerichtssaal aufgebaut ist und wie ein Verfahren abläuft.

Dabei geht es zum Teil um ganz praktische Fragen, etwa: Darf der Zeuge während der Befragung auf die Toilette gehen? Aber auch die psychische Belastung spiele eine große Rolle. Oft fragten die Opfer: "Warum muss der Angeklagte dabei sein?" und: "Wieso dürfen Zuschauer im Saal sitzen?" Durch möglichst große Offenheit wollen die Zeugenbegleiter Verständnis erzeugen und Ängste abbauen.

Allerdings könnten sie manchmal selbst aus der Haut fahren, sagt Neubauer: "Wenn Leute hinten im Saal hörbar tuscheln: ,Na, heult sie schon?', dann ist das unmöglich und erschwert die Aussage der Zeugin unnötig." Ihr sei es schon ein paarmal passiert, dass die Zeugin aus dem Gerichtssaal gerannt ist.

Wichtig sei auch, ihre Klienten während der Prozesspausen zu begleiten. "Durch langes Warten steigt der Stresspegel", sagt Neubauer.

Der Inhalt der Anklage spiele dabei nie eine Rolle. Es sei wichtig, dass Zeugenbegleiter keinen Einfluss auf den Inhalt der Aussage und des Verfahrens nehmen. Im Saal sei ihre Rolle daher passiv. Und dennoch zeige sich: "Wenn die Zeugen wissen, was auf sie zukommt, sind sie stabiler und ihre Aussagemotivation ist höher."

Geht der Prozess verloren und der Angeklagte kommt frei, dann leisten die Prozessbegleiter Aufbauarbeit. "Freispruch heißt nur, dass die Beweise nicht ausreichen", sagt Veith. Neubauer ergänzt: "Und Bewährung heißt nicht: ein Mal ist kein Mal." Sie setzen sich hinterher mit dem Zeugen zusammen und überlegen, was dieser sich vom Prozess versprochen hat. "Oft stellen wir dann fest, dass die Zeugen trotzdem vieles davon erreicht haben."

Richter Matthias Merz, der Vorsitzende der Trägergesellschaft, lobt die Arbeit der ehrenamtlichen und professionellen Prozessbegleiter: "Begleitete Zeugen sind gute Zeugen, weil sie nicht so sehr durch Ängste belastet sind. Sie können sich besser konzentrieren auf das, was sie erlebt haben."

Belastende Aussagen

Zeugenbegleitung Wer als Zeuge in einem Straf-, Zivil- oder Familienverfahren aussagen muss und etwa wegen vorausgegangenen Gewalt- oder Sexualstraftaten besonders belastet ist, kann sich an die Zeugenbegleitung wenden. Diese ist unter der Telefonnummer 0711/58533950 erreichbar.

Das Team Besonders richtet sich das Angebot an verletzte Zeugen nach schweren Taten, an Kinder und Jugendliche mit ihren Bezugspersonen, Senioren, Menschen mit Migrationshintergrund oder mit Beeinträchtigungen.

Fachkräfte Bei besonders hilfsbedürftigen oder jungen Zeugen und schweren Fällen springt die Psychosoziale Prozessbegleitung ein. Das Team der Zeugenbegleitung besteht aus sozialpädagogisch und strafrechtlich erfahrenen Fachkräften und rund 25 geschulten ehrenamtlichen Begleitpersonen. Das Angebot ist für die Betroffenen kostenlos. epd

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