Störfall im AKW: Risiko Fessenheim

2014 gab es im elsässischen Atomkraftwerk Fessenheim offenbar einen gravierenden Störfall, dessen Ausmaß so nicht bekannt war. Er offenbarte Mängel und wirft bis heute Fragen nach der Sicherheit auf.

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Das elsässische Kernkraftwerk Fessenheim ist fast 40 Jahre alt und störanfällig. Seit Jahren wird Frankreich aufgefordert, die Anlage abzuschalten.  Foto: 

Die Nachricht lief am Freitagmorgen in den Radiosendern: Im April 2014 gab es im elsässischen Atomkraftwerk Fessenheim einen Störfall, der in seinem Ausmaß gravierender gewesen sein soll als bekannt wurde. Die Anlage steht auf der französischen Seite des Rheins. Sollte dort aber Radioaktivität austreten, wären mindestens auch das 30 Kilometer entfernte Freiburg, das Rheintal und der Südschwarzwald davon betroffen.

Atomkraftgegner, Landes- und Bundesregierung fordern seit Jahren die französische Regierung auf, das fast 40 Jahre alte AKW abzuschalten. Die Antworten auf die Forderungen sind unterschiedlich, die Termine reichen von Ende 2016 bis 2020. Seit neuestem ist die Stilllegung an die Fertigstellung des Reaktors in Flamanville gekoppelt. Und die kann dauern.

Der gestern bekannt gewordene Störfall vom 9. April 2014 könnte den Forderungen neuen Nachdruck verleihen. Unabhängig von der Nachricht hat Umweltminister Franz Untersteller (Grüne) gestern erneut einen Brief an die französische Umweltministerin Ségolène Royal geschickt und sie aufgefordert, das Aus für Fessenheim nicht nochmals weiter zu verschieben.

Bei dem Störfall am 9. April 2014 hatte es im nicht nuklearen Bereich des Atomkraftwerks eine Überschwemmung gegeben. Beim routinemäßigen Befüllen eines Behälters war Wasser übergelaufen. Weil die Rohrleitung, über die das Wasser hätte ablaufen sollen, durch Rost und Schmutz verstopft war, verteilten sich drei Kubikmeter Wasser über Räume, Flure, Stockwerke und gelangten über Lüftungsrohre zu den Schaltkästen, in denen die Elektronik für die Sicherheitssysteme untergebracht war. Dadurch fiel eines der zwei Reaktor-Schutzsysteme aus, die Anlage schlug Alarm.

Die Schaltstäbe, mit denen die Anlage regulär heruntergefahren werden kann, reagierten nicht mehr. Deshalb entschied ein Krisenstab, den Reaktor mit der Einleitung von Bor ins Kühlwasser notfallmäßig abzuschalten. "Das ist wie eine Vollbremsung beim Auto und eine harte Belastung für die Anlage", sagt Nuklearexperte Prof. Manfred Mertins. Er schätzt den Störfall nicht als sehr bedrohlich ein. Der Reaktor habe heruntergefahren werden können, das sei das Entscheidende. Für ihn ist es aber nicht nachvollziehbar, dass Wasser in sicherheitsrelevante Systeme eindringen kann. "Das ist das Heiligtum der Reaktorsicherheit."

Für ihn hat der Störfall gravierende Mängel in der Anlage offenbart. Das werfe Fragen auf, sagt er, Fragen auch dahingehend, ob der Betreiber des AKW Fessenheim daraus gelernt und die Sicherheit erhöht hat. Unabhängig davon erfüllt der älteste Atommeiler Frankreichs für Mertins die heutigen Sicherheitsanforderungen in keinster Weise. In Fessenheim gebe es nur zwei voneinander unabhängige Sicherheitssysteme. In Deutschland und in jüngeren Anlagen seien es drei oder vier Systeme, die für Sicherheit sorgten.

Mertins hat Ende 2015 für die Bundestagsfraktion der Grünen und die baden-württembergische Landtagsfraktion ein Gutachten über Fessenheim erstellt. Bereits im Dezember 2014 hat die Landtagsfraktion der Grünen zu dem Störfall eine Kleine Anfrage an das Umweltministerium gerichtet. In dessen Antwort wird der Ablauf des Störfalls in etwa so geschildert, wie ihn gestern WDR und "Süddeutsche Zeitung" dargestellt haben. Neu ist der Vorwurf, die französische Atomaufsicht habe den Störfall heruntergespielt und vertuscht.

Die Nachricht hat im Land für Aufregung gesorgt. Freiburgs OB Dieter Salomon (Grüne) forderte das Regierungspräsidium auf, "sofort eine grenzüberschreitende CLIS-Sitzung einzuberufen". CLIS ist eine regionale Kommission für die Information und Überwachung des Kernkraftwerks Fessenheim.

Regierungspräsidentin Bärbel Schäfer (parteilos) sagte zu, den Vorfall in der nächsten Sitzung der Kommission am 15. März zur Sprache zu bringen: "Eine solche Gefahr ist für uns und die südbadische Bevölkerung nicht hinnehmbar."

Älteste Anlage Frankreichs

Störanfällig Das Atomkraftwerk Fessenheim an der Grenze zu Deutschland besteht aus zwei Druckwasserreaktoren mit je 900 Megawatt Leistung. Sie wurden 1977 in Betrieb genommen und sind die ältesten Atomreaktoren in Frankreich. Seit vielen Jahren sorgt die Anlage im Elsass durch regelmäßige Pannen und Störfälle für Schlagzeilen. Das Kraftwerk liegt am Rheinkanal an der deutschen Grenze, nur 30 Kilometer südwestlich von Freiburg. Trotz Protesten gab die französische Atomaufsicht 2011 grünes Licht für eine Laufzeitverlängerung um weitere zehn Jahre. Der landeseigene Stromkonzern ENBW ist mit 17,5 Prozent am Kernkraftwerk Fessenheim beteiligt.

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Kommentare

05.03.2016 11:54 Uhr

So ein Unsinn

Und wieder ein Beitrag der das Klischee der "deutschen Lügenpresse" füttert und einem technisch Sachverständigen die Haare zu Berge stehen lassen.

In der französischen Presse (Le Monde) bekommt man zum Glück besser recherchierte Beiträge.
Kurze Zusammenfassung:
Die nukleare Reaktion in Reaktoren wird über zwei Wege gesteuert - über die Steuerstäbe und über die Einspeisung von Bor. Im vorliegenden Fall konnten die Steuerstäbe zwar noch einfahren, man hatte aber keine Rückmeldung mehr über die tatsächliche Position während des Einfahrens. Aus diesem Grund hat man den Reaktor "nur" über das Zusetzen von Bor heruntergefahren.
Das Reaktorschutzsystem war NIE ausser Betrieb. Man hätte den Reaktor mit einem Knopfdruck innerhalb von 3 s herunterfahren können. Bei einem Stromausfall fallen die Steuerstäbe sowieso einfach ein. Zudem gibt es noch ein zweites Sicherheitsystem, bei dem aus separaten Tanks große Mengen Bor zugesetzt werden. Das hat aber nichts mit der normalen Reaktorsteuerung zu tun und wurde von unbedarften Jornalisten anscheinend damit verwechselt.

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