Steinewerfer auf der A7: Wie geht es den Opfern heute?

Noch heute leiden die Opfer des mutmaßlichen Steinewerfers auf der A7 unter der Tat. Doch in der Region hat der Unfall eine Welle der Hilfsbereitschaft ausgelöst. Jetzt beginnt der Prozess.

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Jeden Tag muss Serdal Öztürk an den Unfall denken, der das Leben seiner Familie so dramatisch verändert hat. Wenn er zu seiner Frau ins Krankenhaus fährt. Oder wenn seine Kinder fragen, wann die Mutter endlich wieder nach Hause kommt. „Dann denkt man automatisch darüber nach“, sagt er. Nur bei der Arbeit kann der 33-Jährige manchmal abschalten. Aber auf dem Heimweg sind die schrecklichen Bilder sofort wieder da: „Was wäre, wenn eines meiner Kinder gestorben wäre?“, fragt er. „Wir sind froh, dass wir alle am Leben sind.“

Ein Pflasterstein aus Beton, zwölf Kilogramm schwer, war der Auslöser des schrecklichen Unfalls im vergangenen September. Ein 37-Jähriger soll den Stein in der Nähe des Flugplatzes Giengen auf die Autobahn 7 geworfen haben – zu der Zeit war die vierköpfige Familie aus Laupheim im Kreis Biberach gerade auf dem Heimweg von einer Hochzeit. Als das Auto über den Stein fuhr, verlor Vater Serdal Öztürk am Steuer die Kontrolle: Das Auto überschlug sich mehrfach, die Kinder wurden aus dem Auto geschleudert. Vor allem seine Frau Deniz Öztürk erlitt schwere Verletzungen, sie schwebte einige Tage lang in Lebensgefahr.

Mutter ist noch immer auf Reha

Fragt man Serdal Öztürk, wie es der Familie heute geht, wird er still. „Wie soll es uns gehen – wir schauen nach vorne“, sagt er schließlich. Seine Frau ist immer noch auf Reha. Sie lernt gerade, mit einer Prothese zu gehen. Einige Tage nach dem Unfall musste ihr ein Unterschenkel amputiert werden. „Schritt für Schritt wird es besser“, sagt Öztürk. Die Ärzte bezeichnen das als ein Wunder, wurde die 26-Jährige doch schon auf eine Querschnittslähmung vorbereitet. Sie erlitt bei dem Unfall unter anderem eine Halswirbelfraktur und eine Hirnblutung. Öztürk rechnet damit, dass seine Frau im Mai nach Hause kann. „Aber da ist gar nichts sicher“, sagt er: „Es kann auch sein, dass sie morgen läuft und dann gleich heim kommt.“

Dem 33-jährigen Familienvater selbst geht es körperlich wieder einigermaßen gut. Er hatte einige gebrochene Rippen, auch das Becken und ein Knie waren gebrochen. „Manchmal habe ich schon noch Schmerzen, wenn ich zum Beispiel lange auf den Beinen bin“, sagt er. Seit sechs Wochen wird er wieder in seine Arbeit als Lagerist bei Evobus in Neu-Ulm eingegliedert, ab nächster Woche möchte er dann in Vollzeit arbeiten.

Plötzlich öffnet sich die Wohnzimmertür. Die sechsjährige Nisa kommt herein, unter dem Arm ein gelbes Plüschtier: Pikachu von der Spieleserie Pokémon. „Der war beim Unfall dabei, der hat sich auch verletzt“, sagt Serdal Öztürk. Nisa nickt: Ihr Lieblingsplüschtier musste mit einem Pflaster verarztet werden, erzählt sie. Bei Nisa und ihrem fünfjährigen Bruder Yusuf sind die körperlichen Verletzungen verheilt. Die ganze Familie ist aber noch in psychologischer Behandlung, um den Unfall zu verarbeiten. „Das hilft auch“, sagt Serdal Öztürk.

Am Donnerstag beginnt nun der Prozess gegen den Mann, der den Pflasterstein im September auf die A7 geworfen haben soll. Der 37-jährige Angeklagte muss sich wegen versuchten Mordes verantworten. Was sich die Familie Öztürk von dem Prozess erhofft? „Eine gerechte Strafe wären für mich mindestens zehn bis 15 Jahre Gefängnis“, sagt Öztürk: „Damit wir das Kapitel abschließen können.“

Zu den Zukunftsplänen der Familie gehört ein Umzug – die steilen Treppen in ihrem Haus in Laupheim wären für Deniz Öztürk nicht mehr zu bewältigen. In Burgrieden hat die Familie nun ein neues Haus mit Garten gefunden, hier sind alle Zimmer ebenerdig erreichbar.

Dass die Familie überhaupt das Eigenkapital für ein neue Haus aufbringen konnte, hat sie der Hilfsbereitschaft in Laupheim und der Region zu verdanken: Über Facebook haben sich Gruppen zusammengeschlossen, die Spenden gesammelt haben – mehr als 35­ 000 Euro kamen insgesamt zusammen. „Dass das so ein Ausmaß angenommen hat, war schon toll“, sagt Conny Hecht, eine der Administratorinnen einer der beiden Facebook-Gruppen. Sie hat mit ihrem Team eine Gutscheinaktion organisiert: Lokale Unternehmen haben Gutscheine gespendet, die dann versteigert wurden. Der Erlös ging an die Familie Öztürk. „Oft haben die Leute mehr geboten, als der Gutschein überhaupt wert war“, sagt sie. Auch große Unternehmen und ganze Gemeinden in der Region haben eine Spende auf ein eigens eingerichtetes Konto überwiesen. Die zweite Gruppe hat Geld für die Soforthilfe nach dem Unfall gesammelt.

Ob die Familie mit dieser Welle der Hilfsbereitschaft gerechnet hat? Öztürk schüttelt den Kopf: „Wer rechnet denn mit so was?“, fragt er. Dann muss er los, seine Frau im Krankenhaus besuchen – wie jeden Nachmittag. Für seine Kinder ist der 33-Jährige momentan Mutter und Vater gleichzeitig. Er spielt mit den Nisa und Yusuf, kontrolliert die Hausaufgaben und schläft im Kinderzimmer. „Die Kinder vermissen ihre Mutter aber schon“, sagt er. Ganz mit dem Unfall abschließen kann die Familie erst, wenn auch Deniz Öztürk wieder zu Hause ist.

Festnahme Ein 37-Jähriger wurde wenige Tage nach dem Unfall auf einem Gartengrundstück bei Herbrechtingen festgenommen. Seine DNA hatte die Ermittler auf die Spur des Angeklagten gebracht.

Anklage Der Mann muss sich ab morgen wegen versuchten Mordes vor dem Landgericht Ellwangen verantworten. Die Anklage ist nicht die erste, die gegen ihn geführt wird. Der Beschuldigte war bereits wegen unterschiedlicher Delikte wie Bedrohung, Körperverletzung und Beleidigung in Erscheinung getreten.

Erkrankung Wegen einer psychischen Erkrankung soll der Angeklagte im Zustand erheblich verminderter Steuerungsfähigkeit gehandelt haben, teilt das Landgericht Ellwangen mit. Momentan sei er in einem psychiatrischen Krankenhaus untergebracht. moh/bf

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Kommentare

15.03.2017 16:55 Uhr

Der Prozess sollte vor allem

zur Folge haben, dass sich der Täter mit seinen Opfern auseinandersetzen muss, Er soll sehen, was für ein Unglück er durch seine sinnlose Tat angerichtet hat . Einen Stein auf ein Auto werfen und dann weglaufen, dass da Menschen drin sitzen in diesem Auto scheint er bei seiner Tat wohl nicht realisiert zu haben. 10 bis 15 Jahre im Gefängnis könnten ihm beim Nachdenken durchaus helfen und den Opfern zumindest die Genugtuung geben, dass solche Taten nicht ungesühnt bleiben.

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