Stadtfüchse breiten sich in Baden-Württemberg aus

Immer öfter sind in Städten Füchse zu sehen, die etwa über Gartenbeete schleichen.  Das stört viele, Tierschützer aber nicht.

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Ein Fuchs sucht Nahrung in einer Abfalltonne. Immer öfter sind die Tiere in Städten zu sehen. Wo viele Menschen leben, bleibt eben oft was zu essen übrig.   Foto: 

Tiefe Löcher und  herausgerissene Pflanzen in frischen Gräbern: In Steinheim  am Albuch (Kreis Heidenheim) sorgten Füchse so für Ärger, dass der  Bürgermeister die begehrte  Ausnahmegenehmigung bekam, um die Tiere abzuschießen. Füchse kennen immer weniger Scheu, sie sitzen in Vorgärten und schauen bei der Gartenarbeit zu.

Der Rotfuchs,  so Landwirtschaftsminister Peter Hauk (CDU), hat sich seit der Tollwutimmunisierung in den 80er-Jahren flächendeckend stark vermehrt. Nach deren Ausschaltung  gab es Indizien, die Viruserkrankung Staupe könne als Regulativ wirken, doch sicher sei das nicht. Möglicherweise  sind die Grenzen des Wachstums dennoch erreicht, antwortete Hauk auf eine Anfrage des FDP-Abgeordneten Friedrich Bullinger, denn die Zahl der auf der Jagd erlegten Tiere geht zurück. Sieben Prozent der Jagdstrecke sind im Übrigen Füchse, die von einem Auto überfahren wurden.

Das Phänomen der siedlungsnahen „Stadtfüchse“ existiert seit gut drei Jahrzehnten. Wo Menschen leben, gibt es eher viel zu essen und weniger Feinde. Bisweilen sogar dicke Freunde wie die Tierschutzorganisation Peta.  Die hatte ihrerseits an den Bürgermeister appelliert, den oder die Friedhofsfüchse in Ruhe zu lassen. Ethisch sei schon gar nicht tragbar, „Tiere einzig und allein wegen des Grabens von Löchern und ihrer Beanspruchung von Lebensraum zu töten.“ Peta drohte mit strafrechtlichen Konsequenzen, denn ein Abschuss verstoße gegen Jagd- und Tierschutzgesetze.  In der Tat: Das Wohnviertel einer Gemeinde ist jagdlich befriedetes Gebiet, in dem nicht einfach geschossen werden darf. Es sei denn, man hat  wie in Steinheim eine Ausnahmegenehmigung.

André Baumann, Staatssekretär im Umweltministerium, kennt solche Kritik: Als er noch in seinem Job als Vorsitzender des Naturschutzbundes Nabu riet, aus Füchsen wieder schöne Pelze zu machen,  traf ihn der geballte  Zorn der Tierversteher. Dabei hatte er bloß gesagt, die Fuchsjagd mache nur Sinn, wenn die toten Tiere nicht in der Tierkörperbeseitigungsanstalt landen, sondern als Pelze weiterverwendet werden.

Wo Jagen dennoch so wenig Akzeptanz findet, raten Fachleute zur Vergrämung, beispielsweise mit Ultraschall. Und wer sein Gartenbeet gießt, sollte den Brausekopf verwenden. Sonst entstehen durch den harten Wasserstrahl kleine Löcher im Boden, die Jungfüchse fälschlich für Mauselöcher halten, um nach ihrer Vorzugsbeute zu graben. In Schorndorf  hatte die Gemeinde ein ähnliches Problem: Sie ließ erst Fallen aufstellen und tötete die gefangenen Tiere später. In die entstandene  Lücke aber rückte eine neue Fuchspopulation vor, weswegen die nachfolgende Vergrämung wohl die wirksamere Maßnahme war.

Der Fuchs im Garten gilt als harmlos, ökonomische Schäden, so Hauk, seien zu vernachlässigen. Im Südwesten aber ist  jeder Fuchs potentieller Träger des Fuchsbandwurms, wenngleich Stadtfüchse weniger infiziert sind, weil sie mehr Abfälle fressen als Mäuse. Experten raten allerdings, den Kot im Garten vorsichtig zu beseitigen: Vor dem Aufsammeln befeuchten, damit er keinen Staub freisetzt und schon gar nicht mit dem Rasenmäher drüber, weil das die belasteten Hinterlassenschaften erst recht in der Luft verwirbelt. Fallobst im Garten sollte besser ausgekocht werden.

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Kommentare

19.09.2016 15:39 Uhr

das Problem ist die Jagd

Hier ein Auszug aus "Jagd reguliert nicht" Prof. Reichholf

Die ständige Bedrohung durch Jäger verändert das ursprüngliche Verhalten der Wildtiere nachhaltig. Sie entwickeln eine unnatürlich große Scheu und erhöhte Fluchtdistanzen.Normalerweise tagaktive Tiere verlagern deshalb ihre Aktivitäten in die Dämmerungs- und Nachtstunden und statt tagsüber auf Wiesen, in Lichtungen und an Waldrändern nach Nahrung zu suchen, verstecken sie sich im Dickicht der Wälder, wo sie notgedrungen junge Bäume anknabbern. Häufige Fluchten erhöhen den Energiebedarf, was die Verbissschäden im Wald und Schäden in der Landwirtschaft noch in die Höhe treibt.
Ein weiterer negativer Effekt ist das erhöhte Unfallrisiko für Autofahrer durch nachtaktives und/oder flüchtendes Wild. (Die meisten Wildunfälle passieren nachts und bei bei Bewegungsjagden in der Nähe von Straßen und Autobahnen).
Stark bejagte anpassungsfähige Tierarten wie Wildschweine oder Füchse besiedeln deshalb in zunehmendem Maße besonders (Groß)städte, wo sie genügend Nahrung finden und, weitgehend vor Verfolgung geschützt, ihre unnatürliche Scheu wieder ablegen. In "befriedeten" menschlichen Siedlungen sind Wildtiere wesentlich häufger zu beobachten als in freier Natur.
Die Jagd treibt somit nicht nur die Verbissschäden und die Unfallgefahr in die Höhe, sondern verhindert auch in großem Maßstab, Tiere in ihrem ursprünglichen Lebensraum hautnah zu erfahren - ein Umstand, der sich auch auf das Naturverständnis kommender Generationen äußerst negativ auswirken dürfte.

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19.09.2016 12:40 Uhr

Wirklich traurig

So ein Quatsch. Die Tollwut hat nie eine große Rolle gespielt im Vergleich zu den 500.000 Füchsen die jedes Jahr überwiegend zum Spaß von den Jägern abgeschossen werden. Und ein starker Anstieg der Fuchspopulation ist von Jägeseite und ihren eigenen Statistiken nicht beweisbar. Was bleibt sind intolerante Bürger und ihre Meister die zwar gerne durch Bebauung die Naturfläche veringern aber wenn die Natur in den eigenen Garten möchte gleich rot sehen. Ein bisschen umgegrabene Erde stört wohl nur die Estethik aber bestimmt nicht die Totenruhe. Übrigens sind Füchse sehr nützlich, fangen sie doch Mäuse und Ratten wie kein anderer. Ist es bequemer Gift auszubringen zum Schaden von unseren Haustieren und der Greifvögel? Schade für Steinheim, dass mit dieser traurigen Meldung auf den Ort aufmerksam gemacht wird.

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