SPD gegen Helmpflicht im Land

Verkehrsminister Hermann hat helmlose Radler aus allen Broschüren seines Hauses verbannt. Doch der Einsatz des Grünen für eine Helmpflicht ist nicht allen genehm. Die SPD hat erhebliche Bedenken.

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Verkehrsminister Winfried Hermann gestern in Stuttgart: Auf dem Rad immer mit Helm unterwegs.  Foto: 

In der SPD regt sich Unmut gegen die Prüfung einer Helmpflicht für Radler im Südwesten. "Jeder Cent dafür ist ein Cent zu viel", sagt der Verkehrsexperte der SPD im Landtag, Hans-Martin Haller. Ein Gutachten, wie es Verkehrsminister Winfried Hermann (Grüne) noch in diesem Jahr gemeinsam mit Thüringen in Auftrag geben wolle, sei reine Geldverschwendung, sagte der 64-Jährige, der am Wochenende freiwillig behelmt an einem Mountainbike-Marathon teilnahm.

Der Staat müsse nicht alles reglementieren, sagte der SPD-Politiker. "Der mündige Bürger soll das selbst entscheiden. Der Staat kann ihn nicht vor allen Gefahren schützen - sonst müssten irgendwann noch die Wanderer Helme tragen, um sich vor Steinschlag zu schützen." Allerdings gebe es keinen Fraktionsbeschluss zu dem Thema, sagte Haller. Innenminister Reinhold Gall (SPD) ist ebenso wie Haller gegen eine Helmpflicht, appelliert aber an Vernunft und Verantwortungsgefühl der Radler.

Zu den Kosten des geplanten Gutachtens konnte das Verkehrsministerium keine Angaben machen. Minister Hermann will vor allem neue Daten zu den Folgen einer Helmpflicht. Er sei nicht überzeugt, dass eine Pflicht die Lust am Radeln reduziere, sagte er. Die jüngsten Daten dazu stammten aus Australien von Anfang der 1990er Jahre, beklagt der leidenschaftliche Radfahrer, der auch gestern dienstlich auf dem Rad unterwegs war: Bei der Sternfahrt mit mehr als 4000 Radlern, die von Ludwigsburg, Waiblingen, Plochingen und Filderstadt zum Stuttgarter Schlossplatz kamen.

Das Thema Helmpflicht sei in Verkehrsministerkonferenzen bisher nur angeschnitten worden, sagte Hermann. Die Helmpflicht müsste vom Bund eingeführt werden. In Schweden und Österreich müssen Kinder Helme tragen. In Spanien und Finnland gibt es eine allgemeine Helmpflicht, an die sich aber nur wenige halten.

Anders als die SPD im Landtag befürwortet die Grünen-Fraktion das anvisierte Gutachten. "Was nicht passieren darf ist, dass eine Helmpflicht die Akzeptanz des Fahrrads verringert", sagte Verkehrsexperte Andreas Schwarz. Vielleicht greife jemand, der bisher zum Bäcker radelt, bei Helmpflicht eher zum Autoschlüssel als zum Kopfschutz. Zudem seien die Radler meist nicht schneller als mit zehn Kilometer pro Stunde unterwegs. Daher sei dies nicht mit der Gurtpflicht im Auto zu vergleichen. Unbestritten sei aber der Beitrag des Helms zur Verkehrssicherheit.

Der Allgemeine Deutsche Fahrrad Club lehnt eine Helmpflicht ab. "Das wäre schädlich für die Gesundheit insgesamt, denn es würde weniger Rad gefahren", sagte Experte Roland Huhn. Mangelnde Bewegung könne zu Übergewicht und Herz-Kreislauf-Erkrankungen führen. Er fügte hinzu: "Es ist schrecklich, als Radfahrer zu verunglücken. Aber auf dem Sofa vor dem Fernseher zu sterben ist auch kein schöner Tod."

2012 kamen deutschlandweit nach Angaben des Innenministeriums 406 Radler um. In Baden-Württemberg kamen bei 9124 Unfällen 42 Radfahrer ums Leben, davon haben 33 keinen Helm getragen.

Auf ein Gutachten zu den medizinischen Folgen ist Huhn sehr gespannt, denn es gebe zu wenig Helmträger - in Städten nur etwa zehn Prozent der Erwachsenen und 50 Prozent der Kinder - um Vergleiche über die Schädigungen bei Unfällen ziehen zu können. Er verwies auf Erkenntnisse, wonach Helme nur zu einem Drittel schwere Kopfverletzungen verhinderten.

Für Sozialdemokrat Haller sprechen auch ganz profane Gründe gegen eine Helmpflicht. So sei das Schwitzen unter dem Helm "ungeschickt", wenn man mit dem Drahtesel ins Büro fahre: "Man will doch gepflegt aussehen."

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