Sommerserie Widerstand: Das Wunder von der Waldheide

US-Atomraketen am Heilbronner Stadtrand waren geheim, bis ein tödlicher Unfall die Wahrheit ans Licht brachte. Der Abzug ging dann schneller als erwartet.

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  • Massenprotest gegen die Atomraketen in der Heilbronner Nachbarschaft. 1996 räumte die US-Armee das Gelände.  1/4
    Massenprotest gegen die Atomraketen in der Heilbronner Nachbarschaft. 1996 räumte die US-Armee das Gelände. Foto: 
  • Das Army-Gelände am Heilbronner Stadtrand: Bis 1985 war geheim, dass hier Atom-Raketen auf den Einsatz warteten. 2/4
    Das Army-Gelände am Heilbronner Stadtrand: Bis 1985 war geheim, dass hier Atom-Raketen auf den Einsatz warteten. Foto: 
  • Susanne und Alfred Huber mit Plakat. 3/4
    Susanne und Alfred Huber mit Plakat. Foto: 
  • Karte Waldheide 4/4
    Karte Waldheide Foto: 
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Susanne Huber bleibt immer wieder stehen, blickt nach allen Seiten, schaut im doppelten Wortsinn zurück. „Das hier ist das Wunder von der Waldheide“,  sagt die Rentnerin (70), die als Gymnastiklehrerin gearbeitet hat. Ihre Passion galt dem Frieden, dem Kampf gegen die Aufrüstung, dem Widerstand gegen die Abschreckung mit immer mehr Massenvernichtungszeug. Susanne Huber und ihr Mann Alfred (73), beide in Ulm geboren, gehörten zum harten Kern der Heilbronner Friedensbewegung, der sich Friedensrat nennt – und bis heute existiert.

Das Militärgelände am Rand der Großstadt Heilbronn war die Heimat von US-Einheiten, die sich wappneten für einen Angriff auf und vom Warschauer Pakt, dem Gegenpart der Nato. Offiziell durfte die Bevölkerung nichts wissen von der Existenz der Atomraketen des Typs „Pershing II“.

Wenige Meter vom Army-Areal entfernt, im Waldheim der Arbeiterwohlfahrt, erfuhren Susanne und Alfred Huber bei einer „Friedenswoche“, dass die Waffen nebenan stationiert sein sollen. „Das war mir unheimlich“, erinnert sich Susanne Huber. Erst ihr Mann, Betriebswirt an der örtlichen Hochschule,  verschaffte sich durch hartnäckige Recherche jene Gewissheit, die 1982 für einen aufrüttelnden Vortrag bei der Volkshochschule reichte: „Hier lagern hochgefährliche Raketen.“ Im Jahr darauf war das pazifistische Paar bei der Gründung des Friedensrates dabei, einer Gruppe von etwa 30 Gleichgesinnten.

Das Echo ihrer Appelle war zunächst bescheiden. Als 1983 Schriftsteller wie Günter Grass zur „Heilbronner Begegnung“ anreisten, empfahl der damalige Oberbürgermeister Manfred Weinmann (CDU) den besorgten Literaten, sich lieber „einen Trollinger hinter die Binde zu gießen“. Im Rathaus waren die Raketen auf der Waldheide tabu. Richter zwangen die Stadtverwaltung, die Bedrohung durch den vielfachen Overkill auf die Tagesordnung zu setzen.

Sonderzug nach Bonn

Am 11. Januar 1985 beendete ein Brandunglück die Geheimniskrämerei auf tragische Weise. Drei Soldaten, die neben der Pershing II gestanden hatten, waren tot, etliche schwer verletzt. Nun musste die Existenz der Waffen offiziell zugegeben werden. Die Friedensbewegung erfuhr jene Unterstützung bürgerlicher Kreisen, auf die sie lange gewartet hatte.

Hubers waren immer dabei, wenn blockiert und protestiert wurde gegen „die immer maßloser werdende Rüstung, die in der Lage ist, Millionen zu töten, ganze Landstriche zu verheeren und unbewohnbar zu machen“. Sie schickten ungezählte Briefe an Politiker, einzeln getippt auf der Schreibmaschine, ordentlich frankiert. Sie wollten den „organisierten Wahnsinn der Hochrüstung“ auch im Interesse ihrer beiden Kinder beenden.

Deshalb organisierten sie einen Sonderzug mit 1069 Friedensbewegten nach Bonn, damals Deutschlands Hauptstadt, sowie eine „zweite Heilbronner Begegnung“ und die größte Demonstration in  der Geschichte der Stadt.

Gut 10 000 Menschen versammelten sich am 2. Februar 1985 hinter Parolen wie „Wir wollen nicht zu Tode geschützt werden“. Beim Ostermarsch bekräftigten sogar 30 000 Demonstranten ihre Ablehnung der US-Präsenz: „Wir trauen euch nicht mehr, haut ab.“

Nach dem Unfall auf der Waldheide kam zügig Bewegung in die Abrüstungsverhandlungen zwischen den USA und der Sowjetunion. Vor Ort setzten sich die „Frieden-schaffen-ohne-Waffen“-Sympathisanten noch vor die Eingänge des Standortes, auf höchster Ebene waren sich Ronald Reagan und Michael Gorbatschow schon einig geworden, bis 31. Mai 1991 die Vernichtungssysteme zu verschrotten. Schon am 1. September 1988, ausgerechnet am Antikriegstag, schafften die Amerikaner die erste Pershing-Batterie weg. Hubers und Co. feierten mit spanischem Sekt.

Mit Freibier und Jazzmusik zogen die Amerikaner 1996 ganz ab. Die Waldheide war die erste Anlage, die im Zuge der Abrüstung komplett geräumt wurde. Martha Kuder, eine der fleißigsten Mitstreiterinnen, erklärte dem US-General: „Ohne den Druck der weltweiten Friedensbewegung hätte sich in der Politik nichts bewegt.“ Seit 20 Jahren ist die Waldheide militärfrei, sind Wald und Heide beliebtes Naherholungsgebiet. Nur Insider wie Susanne und Alfred Huber wissen, dass sich unter einer Anhöhe die gesprengten Reste der Raketenbunker befinden, zugedeckt von 50 000 Kubikmeter Bauschutt. Sichtbare Erinnerung an die militärische Vergangenheit ist ein Gebäude mit der aufgemalten Nummer 901, mit Hinweisen wie „Exit“ und „No smoking“. Der letzte Rest der Army-Immobilien dient als Schafstall.

Abrüstung noch auf der Agenda

Vom Erfolg ihrer Mission waren Susanne und Alfred Huber nicht wirklich überzeugt: „Aber wir hatten eine gewisse Hoffnung, sonst würde man ja nicht kämpfen.“ So erholsam ein Spaziergang über die Waldheide heute ist, zufrieden ist das Paar nicht: „Das Gelände könnte man ganz entspannt genießen, wenn es nicht so viele Kriege auf der Welt gäbe.“  Wenn sich der auf ein Dutzend Mitglieder geschrumpfte Friedensrat im Nebenzimmer der Gaststätte „Kernerhöhe“ trifft, wird über eine neue Aktion geredet. Ziel soll der Fliegerhorst Büchel in der Eifel sein, wo Atomsprengköpfe für die „nukleare Teilhabe“ der Bundeswehr lagern. „Dort sieht es so aus wie früher bei uns“, sagt Alfred Huber, der schon als Junger den Dienst mit der Waffe verweigerte. „Deshalb habe ich ihn ge­heiratet“, verrät seine Frau, „ich war von Kind auf gegen das ­Militär.“

Die Waldheide wurde schon am Ende des 19. Jahrhunderts militärisch genutzt. 1883 wurde auf 16 Hektar Fläche ein Exerziergelände angelegt. Ab 1935 beanspruchte die Wehrmacht für ihre Übungen insgesamt 416 Hektar, auch ein Flugplatz wurde auf dem Gelände angelegt. 1945, nach dem Zweiten Weltkrieg, requirierte die US-Armee das Gelände, das immer stärker ausbaut wurde.

Ab 1977 werden Atomraketen stationiert. Trotz Verhandlungen über die Abrüstung nuklearer Mittelstreckenraketen investierten die USA bis 1990 noch über 25 Millionen Euro in die Befestigung von „Camp Redleg“, wie der Brennpunkt der Weltpolitik in Jargon der Army heißt.

Heilbronn kaufte 1992 das geräumte Gelände, das einmal ein atomares Pulverfass war. Neben dem Preis von 430 000 Euro gab die Stadt 1,1 Millionen Euro für die Rekultivierung aus. Entstanden ist ein Landschaftspark mir raren Pflanzen, der einstige Waschplatz für Panzer ist eine Spielwiese geworden, statt der Feuerstellung für Tötungsmaschinen gibt es eine Feuerstelle zum Grillen. Alljährlich tragen Heilbronner Schulklassen dort ihre Umwelt-Olympiade aus. hgf

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