Diskussionen um Solarparks auf Äckern und Weiden

Grün-Schwarz unterstützt den Bau von Photovoltaik-Anlagen auf Äckern und Grünlandflächen. Landwirte toben, Umweltschützer sehen Chancen.

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Wird das grüne Baden-Württemberg bald schwarz? Sanfte Hügel, Hochebenen, Wald und Wiesen, überzogen mit Photovoltaik-Anlagen, die im sonnenreichsten Bundesland  Deutschlands um die Wette glänzen? Bisher wird die Energie der Sonne vor allem auf Dächern geerntet, zudem auf Photovoltaikfeldern entlang von Zugschienen und Autobahnen oder auf Konversionsflächen; ehemaligem Militärgelände etwa.

Im März nun hat die Landesregierung laut Freiflächen-Öffnungs-Verordnung beschlossen: Auch auf sogenannten benachteiligten Flächen – Grünland und Äcker – sollen künftig Photovoltaikanlagen errichtet werden dürfen. Auf Flächen, die nicht optimal für den Nahrungsmittelanbau sind. Das Land Baden-Württemberg soll endlich bei Photovoltaik-Ausschreibungen mit anderen Bundesländern konkurrieren können. Denn von Flächen an Autobahnen, Gleisen oder alten Militärgebieten gibt es zu wenig. Die Bundesnetzagentur hat bei ihren Auktionen, im Rahmen derer sie Zuschläge an den günstigst Bietenden erteilt, fast immer andere Bundesländer gewählt.

Viele benachteiligte Flächen

Doch Umweltminister Franz Untersteller (Grüne) geht es noch um etwas anderes. „Da wir den Ausbau der Photovoltaik-Energie den anderen alleine weder überlassen wollen noch können, wenn wir die Themen Versorgungssicherheit mit Strom und Klimaschutz ernst nehmen, benötigen wir die Flächen.“ Strom müsse möglichst erzeugt werden, wo er verbraucht wird. Dann muss er seltener auf Stromtrassen quer durch die Republik transportiert werden.

Benachteiligte Flächen gibt es genug. Rund 900.000 Hektar, hat das Umweltministerium in Stuttgart berechnet: Äcker, die künftig je nach Größe zwischen 0,75 und 10 Megawatt Leistung liefern könnten. Wenn die Bauern wollen. Gebhard Aierstock, Vorsitzender des Bauernverbands Reutlingen, ist gar nicht erfreut darüber: „Es rumort bei den Landwirten. Die, die Flächen gepachtet haben, haben Angst, dass ein Energieunternehmen dem Verpächter mehr bietet, als er bisher einnimmt, und sie deshalb ihren Acker hergeben müssen. Vielleicht einen existenzgefährdenden.“

Die Unternehmen seien gerade „massiv unterwegs“ auf der Suche nach Flächen und annoncierten in Fachblättern. Manche wendeten sich direkt an die jeweilige Kommune, die baurechtliche Genehmigungen erteilt und Flächennutzungspläne anpasst.

Hohe Lage, späte Ernte

Vor allem die Schwäbische Alb ist hierfür interessant. Viele Gebiete sind als benachteiligt ausgewiesen. Biophysikalische Kriterien, wie zum Beispiel  Bodenbeschaffenheit und Höhenlage, werden bei der Kartierung zu Grunde gelegt. Aierstock: „Aber das heißt nicht unbedingt, dass da nichts mehr wächst, dass man das Gebiet nicht landwirtschaftlich nutzen kann. Es wird halt in höheren Lagen später geerntet.“ Landwirte erhalten von der EU Zuschüsse, wenn sie benachteiligte Flächen bewirtschaften.

Anfang des Jahres hat sich der Landesbauernverband Baden-Württemberg in einem Grundsatzpapier mehrheitlich gegen die Solarflächen-Neuregelung positioniert, wie Gebhard Aierstock berichtet. Es dürfe nicht von der Allgemeinheit Flächenverlust beklagt und gleichzeitig landwirtschaftliche Fläche reduziert werden. Auch der Natur- und Landschaftsschutz wurde angeführt. Es seien noch genügend Kiesgruben, Deponien, Gewerbegebiete mit Leerständen – und Hausdächer vorhanden.

Gute Planung ist wichtig

Die Bebauung von Dächern mit Solaranlagen hält zwar auch der Landesvorsitzende des Naturschutzbundes (Nabu), Johannes Enssle, für vorrangig. Dem Land seien da aber durch Bundesre­gelungen zum Teil die Hände gebunden. Daher sei in diesem Punkt eher die Bundesregierung zu kritisieren. „Grundsätzlich sehen wir aber die Freiflächen-Solaranlagen positiv“, sagt er. Solche Anlagen produzierten einen höheren Ertrag  pro Hektar Fläche als Biogas.

Wichtig sei nur, dass sie gut geplant werden. „Da sollte es immer ein ökologisches Begleitkonzept geben, dann kann man viele Konflikte entschärfen.“ Der Nabu und andere Organisationen haben dazu bereits Planungshinweise im Internet veröffentlicht, etwa dass es mehr Ausschlussgebiete als nur Nationalparks und Naturschutzgebiete geben sollte.

Frank Lorho, Sprecher des Umweltministeriums, weist den Vorwurf der Landwirte zurück, dass zu viele landwirtschaftliche Flächen „für die Energieproduktion draufgehen“ würden. Es dürften ja höchstens 200 Hektar im Jahr für Photovoltaik-Äcker hinzukommen, was rund 100 Megawatt ermöglichen könnte. „Es würde 4500 Jahre dauern, bis die maximal möglichen 900.000 Hektar verbraucht wären“, sagt er.

Solarmodule auf sechs Meter Höhe

Zudem seien die Module stets aufgeständert. Gräser könnten darunter wachsen. Und wer weiß, vielleicht setzt sich ja bald das Agrophotovoltaik-Modell durch, das gerade in Heggelbach unweit des Bodensees erprobt wird: Die Module sind in sechs Metern Höhe. Darunter kann ein Mähdrescher die Ernte einfahren.

Lorho findet zwar auch, dass die Hausdächer noch einiges an Potenzial böten, doch „man kann doch das eine tun und muss das andere nicht lassen“. Außerdem entschieden die Gemeinden ­anhand ihrer Bebauungspläne selbst, wo eine Anlage aufgebaut werden darf. „In der Nähe von Engstingen steht eine im Wald, die sieht man gar nicht. Man muss sie ja nicht auf einen Berg bauen, wo sie von weitem blitzt. Warum sollen Landwirte so ein zusätzliches Standbein nicht nutzen?“

Mit Bauern abgestimmte Planung ist bei Solarparks wichtig

Bauernverbandsvertreter wettern gegen die Bauförderung von Solarparks auf „benachteiligten Gebieten“ – was etwa auf 600 Metern Höhe gelegene Felder mit starker Steillage sind.  Die Bauern kritisieren den Verbrauch kostbaren Bodens, auf dem dann Energie statt Nahrung produziert wird. Sie warnen vor Kleinbauern, deren Existenz durch die Förderung bedroht sei, weil sie nicht im Pachtpreiskampf gegen Energiefirmen mithalten können.

Das sind wichtige Argumente, schon allein weil Boden zu den nicht erneuerbaren Ressourcen zählt und Baden-Württemberg in puncto Flächenverbrauch weit davon entfernt ist, sein für 2020 ausgegebenes Ziel zu erreichen, dann nur drei Hektar pro Tag zu beanspruchen. Derzeit sind es deutlich mehr als fünf.

So wenig Fläche wie möglich verbauen

Dennoch sind die Argumente der Bauern in diesem Fall nicht die ausschlaggebenden, vor allem wenn die örtliche Planung und der Bau der Solaranlagen vernünftig ablaufen.

Explizit dürfen die Solarparks laut Gesetz  in Naturparks und Naturschutzgebieten nicht gebaut werden. Vor Ort muss aber auch darauf geachtet werden, dass sie nicht in anderen schützenswerten Flächen wie etwa  Kern- und Pflegezonen von Biosphärengebieten  entstehen.

Ebenso ist bei den Solarparks darauf zu achten, so wenig Fläche wie möglich zu verbauen. Wenn das geschieht, wird die Versiegelung nur wenige Prozente des Bodens betragen. Zudem sollten vorrangig benachteiligte Gebiete in Regionen ausgewählt werden, in denen es keinen Kampf um landwirtschaftliche Fläche gibt. Bauern aus entsprechenden Regionen könnten die Förderung sogar als Chance ergreifen und in die Photovoltaik als weiteres Standbein investieren.

Ein Kommentar von Andreas Clasen.

Kriterien: Die benachteiligten Gebiete wurden Mitte der 70er und in den 80ern in Baden-Württemberg abgegrenzt. Kriterien waren Höhenlage (Gemarkungsdurchschnitt höher als 800 Meter über Meeresspiegel oder ab 600  Meter bei 18 Prozent Steilheit), Steilheit und die durchschnittliche landwirtschaftliche Vergleichszahl (LVZ). Sie zeigt die Standortqualität an und berücksichtigt Klimadaten, Boden- und Ertragswerte sowie das wirtschaftliche Umfeld.

Vereinheitlichung: Innerhalb Europas gibt es historisch bedingt unterschiedliche Indikatoren für die Ausweisung dieser Gebiete. Anbau, Produktionsverfahren und wirtschaftliche Entwicklung haben sich aber zum Teil stark verändert. So hat der Europäische Rechnungshof vor einigen Jahren  die Gebietsabgrenzungen hinterfragt und objektive Kriterien gefordert. Alle Länder der EU-Mitgliedstaaten erstellen nun bis 2018 Gebietsanpassungen. Da die baden-württembergische Landesregierung Photovoltaikanlagen fördern will, sollen als Basis dafür weiterhin die bisherigen benachteiligten landwirtschaftlichen Flächen dienen. isa

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