Skurrile Gestalten in Alraunes Museum in Haigerloch

Fäden ziehen und Wunden lecken: In Alraunes Haigerlocher Museum begegnet man Gestalten aus Stoff und Watte. Zu Gast im „wundersamen Sanatorium“.

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  • Ein Suchbild: Hier hat sich die Künstlerin Alraune in der von ihr selbst erschaffenen Jodler-Schar versteckt. 1/4
    Ein Suchbild: Hier hat sich die Künstlerin Alraune in der von ihr selbst erschaffenen Jodler-Schar versteckt. Foto: 
  • Künstlerin Alraune mit ihrem genähten Ebenbild, also ein „Alraune-Doppel“. 2/4
    Künstlerin Alraune mit ihrem genähten Ebenbild, also ein „Alraune-Doppel“. Foto: 
  • Eine Schar genähter Jodler – diese quietschfidele, instrumentierte und bewaffnete Truppe bevölkert Alraunes Wohnzimmer. 3/4
    Eine Schar genähter Jodler – diese quietschfidele, instrumentierte und bewaffnete Truppe bevölkert Alraunes Wohnzimmer. Foto: 
  • Einen skurrilen Blick in die Küche eröffnet die Künstlerin Alraune in dieser Installation. 4/4
    Einen skurrilen Blick in die Küche eröffnet die Künstlerin Alraune in dieser Installation. Foto: 
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„Wie viel Kreativität passt in einen Menschen? Der Knaller waren die Arztkittel! Sehr große Kunst!“ Diese Worte hat eine Besucherin aus München ins Gästebuch von Alraunes Privatmuseum in Haigerloch (Zollernalbkreis) geschrieben. Wer das ehemalige Gasthaus Schwanen in Haigerloch betritt,  landet alsbald in der Gesellschaft vom Alten Fritz und  von einem kopflosen Geist Salvador Dalís, der an einer Blutkonserve hängt. Bei Spargel-Schinken-Röllchen und einem Gläschen Margaux Jahrgang 1959 warten die weichen Gestalten auf die Behandlung im wundersamen Sanatorium. Die Besucher derweil können in einen Arztkittel und damit wahlweise in die Rolle von Prof. Dr. Nachtwisch, Schwester Anuschka oder Dr. Muckensturm schlüpfen.

Und dann kann er losgehen, der Besuch in der wundersam weichen Welt von Alraunes Privatmuseum. Alraune, das ist Stefanie Siebert. Sie hat das Haus in Haigerloch zusammen mit ihrem Mann gekauft und betreibt darin seit Frühjahr 2014 ein Museum. Seitdem bevölkern Alraunes genähte Figuren das ehemalige Hotel. Auf drei Etagen verbirgt sich hinter jeder Zimmertür eine andere Szenerie – in dieser Saison steht alles unter dem Motto „Mein wundersames Sanatorium“.

Doch Alraunes Figuren wie der  Internist Prof. Dr. Bausch haben recht eigenwillige therapeutische Ansätze – eine Dackelhaartransplantation ersetzt zum Beispiel fehlendes Haupthaar und die Katzentherapie soll rheumatische Körper wieder gelenkig und geschmeidig machen. „Es ist nicht starr“, sagt Alraune auch über ihre Arbeiten. Die Figuren und Szenen bleiben im Wandel. Widmete sie sich in der Ausstellung vergangenes Jahr ganz dem Thema  Wurst, so will sie den ehemaligen Gasthof in der kommenden Saison 2017 in ein Seniorenstift verwandeln. „Ich mag Abwechslung, immer das Gleiche zeigen, wäre mir selbst zu langweilig“, sagt Alraune.  Ob  Blutwurst-Leuchter bei der Botox-Party oder das Wurst-Klavier zur Jodel-Therapie – ein paar Spuren  bleiben und manche Elemente tauchen auch dieses Mal wiederauf.

Stefanie Siebert ist gebürtige Tübingerin, ihre Ausbildung hat sie in Reutlingen am Technikum für Textilindustrie gemacht. Es folgten Stationen in London, Paris und Kopenhagen, unter anderem eine Sonderausstellung für die Messe Frankfurt und mehrere Jahre in Barth an der Ostsee. „Ich bin froh, dass meine Wanderjahre vorbei sind jetzt“, sagt Alraune.  Die vergangenen Jahre haben sie und ihr Mann in Tübingen gelebt, nun beziehen sie ein Wohnhaus nahe des Museums in Haigerloch, auf der gegenüberliegenden Seite der Eyach.

„Die ganzen Menüs – es ist nicht zu fassen!“ Zwei Besucherinnen bestaunen die ehemalige Hotel-Küche, in der unter silbernen Warmhalte-Glocken Überraschungen lauern, sowie zahllose Speisen detailgenau genäht, Salatköpfe, Schnecken, ein haariger Wildschweinkopf, Maultaschen, Küchenpersonal und blutige Messer zu sehen sind. Alles aus Stoff. „Schau mal da, der Koch mit dem Nudelsieb!“, sagt eine der Besucherinnen und kichert. Eine Traube von roséfarbenen Ballettschuhen hängt über der „John-Cranko-Gedächtnissuppe“ – die sei „natürlich aus regionalem Anbau“, erklärt Alraune schmunzelnd.

„Viele Leute kommen, weil sie einen Mordsspaß haben wollen“, sagt sie. Mordsspaß trifft es gut. Messer tauchen immer wieder auf – bei Alraune sind sie weich und glitzernd. So kann einem gelegentlich das Lachen im Hals stecken bleiben. Ein Stockwerk weiter oben gibt es schließlich die Alraune-Therapie –  die heilsame bis giftige Wurzel hat ein Paar bereits ins selige Jenseits befördert. Neben ihrem Bett hockt eine samtig-kratzige Kreuzspinne, die soeben ihren dritten Ehegatten verspeist hat. Weiter den Flur entlang gibt es da auch noch den Vampir Elemér, der an Tomaten saugt und dem Grammophon lauscht, und einen träumenden Froschmann mit Koffern voller Wasser. Beide sind nicht grundlos in Behandlung bei Psychoanalytiker Prof. Dr. Mandelbogen.

Mit jedem Blick in ein neues Zimmer tritt der Besucher zugleich an einen Abgrund aus Samt und Spitze und Perlen. „Eigentlich sind es alle meine eigenen Geschichten“, sagt Alraune. Sie selbst sitzt mittendrin in einer dieser Geschichten – mit weißem Kittel und Haube assistiert sie bei der Botox-Party. Die Figur, die heute ihr Abbild ist, trug früher die Gesichtszüge Angela Merkels. Alraune hat sie vor einer Weile umgenäht. Das ist eine Eigenart: Sie kleidet ihre Figuren immer wieder in neue Geschichten.

Die ausgebildete Textildesignerin führt durch ihr Lager im oberen Geschoss des Hauses. In den 36 Jahren ihrer Arbeit hat sich ein Arsenal an Figuren, Materialien und Requisiten angesammelt. Allein mehr als 1000 genähte Stücke Wurst und Käse lagern hier. „Ich könnte aus dem Stegreif eine Oper mit Zuschauern machen“, sagt Alraune alias Stefanie Siebert. Auch das ist es. Große Oper. Nur die Grenzen zwischen Betrachter und Betrachteten verschwimmen. Wo geguckt wird, wird zurück geglotzt – aus glänzenden Knopf- und Perlen-Augen.

Besuch im Sanatorium

Sammlung Alraunes wundersames Sanatorium kann noch bis zum 31. Oktober besucht und bestaunt werden. Geöffnet hat das Privatmuseum am Haigerlocher Marktplatz donnerstags bis sonntags sowie feiertags von 14 bis 17 Uhr. Letzter Einlass ist um 16.30 Uhr. Gruppen ab 18 Personen werden um eine Anmeldung gebeten: Telefonisch unter 07474-9580758 oder per Mail an hanssiebert@t-online.de. del

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