Sichtung am Bodensee löst Wolfs-Fieber im Südwesten aus

Der Wolf, der in der Bodenseeregion unterwegs ist, hat eine Schwemme neuer Sichtungen im Land ausgelöst. Die Experten sind vorsichtig: Viele davon könnten „Fakes“ sein.

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    Tagaktiv und erstaunlich fotogen: Der Wolf, hier fotografiert bei Stockach. Foto: 
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    Ein Wolf? Gesichtet bei Reutlingendorf. Foto: 
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Er ist vermutlich auf der Suche nach einer Partnerin. Dabei dürfte der Wolf, der seit gut einer Woche in der Bodenseeregion unterwegs ist, wenig Erfolg haben. Bisher gibt es keine Hinweise auf weibliche Artgenossen. So wird der Jährling vorerst ein einsamer Wolf bleiben. Das löst bei Schafzüchtern zumindest etwas Erleichterung aus. Sie fürchten den Wolf aus Sorge um ihre Herden. Noch sei kein ausreichender Herdenschutz gefunden, sagt Alfons Gimber, Vorsitzender des Landesschafzuchtverbands. Trotzdem sieht er dem Auftauchen des Wolfs gelassen entgegen. „Es ist klar, dass er kommt“, sagt Gimber. 

Die Experten der Forstlichen Versuchs- und Forschungsanstalt (FVA) in Freiburg beobachten die Wanderung des Rüden sehr genau. Sie betonen, dass von dem Wolf für den Menschen keine Gefahr ausgeht – auch wenn das Tier sich auffallend oft fotografieren ließ. Das etwa ein Jahr alte Wildtier war erstmals am Mittwoch vor einer Woche in einer Apfelplantage bei Überlingen gesichtet worden. Eine Privatperson hat ihn fotografiert. Wildtier-Experte Micha Herdtfelder und andere FVA-Experten haben das Tier auf dem Foto eindeutig als Wolf identifiziert. Nur wenige Tage später ließ sich das Tier bei Stockach blicken – und lief auch dort einem Privatmann vor die Kamera.  Beide Male wurde es aus dem Auto fotografiert. „Der Wolf ist noch jung und hat offenbar noch keine schlechten Erfahrungen mit Menschen gemacht“, sagt eine Sprecherin der FVA. Außerdem bringe er Autos nicht mit Menschen in Verbindung. Das würde erklären, warum der Wolf sich ruhig fotografieren lässt und nicht sofort im Dickicht verschwindet.

Das hat aber auch noch einen anderen Grund: „Wir sprechen niemals davon, dass der Wolf scheu ist“, sagt Micha Herdtfelder. „Wir können sicher sagen: Wölfe sind an Menschen nicht interessiert.“ Das heißt: Weder suchen sie seine Nähe, noch rennen sie weg. Auch dass sich das Tier oft am Tag zeige, sei nichts Ungewöhnliches, sagt der Experte.  Die meisten Wölfe seien zwar eher nachts unterwegs, dieses Exemplar wandere aber wohl lieber am Tag. Deshalb werde er auch immer wieder gesehen. Zuletzt am Dienstagvormittag östlich von Bad Dürrheim im Schwarzwald-Baar-Kreis. „Das ist unser aktueller Stand“, sagt Herdtfelder. Die Experten der FVA gehen davon aus, dass es sich immer um dasselbe Tier handelt. „Wölfe können pro Tag bis zu 40 Kilometer wandern“, sagt eine Sprecherin.

Viele Gerüchte im Internet

Seit den Sichtungen wird die FVA mit immer neuen Hinweisen überschwemmt. Doch bislang ist keiner dabei, von dem sicher gesagt werden kann, dass es sich um einen Wolf handelt und schon gar nicht um den schon bekannten. Ein Landwirt aus Reutlingendorf, einem Ortsteil von Obermarchtal im Alb-Donau-Kreis, hat in den vergangenen Tagen zwei Tiere am Waldrand und im Wald entdeckt, die Wölfe sein könnten. Er hat sie fotografiert. Die Experten der FVA kennen eines der Fotos. „Solange wir mit dem Beobachter nicht gesprochen haben, können wir nichts dazu sagen“, sagt Micha Herdtfelder. Die Tiere könnten überall aufgenommen worden sein. Die FVA ist äußerst vorsichtig mit Bestätigungen für Wölfe: Schon zu oft wurden den Experten Fotos geschickt, von denen sich später herausstellte, dass sie in Gehegen aufgenommen worden sind. Auch in den sozialen Netzwerken und im Internet kursieren immer wieder neue Gerüchte über Wölfe im Land. Dabei wird auch immer wieder ein Ende April aufgefundenes totes Kalb ins Gespräch gebracht. „Wir haben keinen Hinweis, dass ein Wolf dieses Tier gerissen hat“, sagt Herdtfelder.

Wie sich das aktuell durchs Land wandernde Tier ernährt, darüber kann nur  spekuliert werden. Nach Auskunft von Micha Herdtfelder ist von Rissen nichts bekannt.  „Er scheint kein Interesse an Nutztieren zu haben.“ Herdtfelder warnt davor, Wölfe zu füttern. „Das ist ein Wildtier. Es muss unbedingt vermieden werden, dass es positive Erfahrungen mit Menschen macht und dann dessen Nähe sucht“, betont er.  Zur Beute des Wolfes gehören Rehe, Wildschweine und Rotwild. „Er frisst aber auch kleinere Tiere aus dem Wald und vom Feld wie Mäuse, Vögel und Hasen.“

Bisher keine Schafe gerissen

Solange das so bleibt, sind die Nutztierhalter zufrieden. Doch sie befürchten, dass der Wolf, wenn er sich erst mal im  Land niedergelassen hat, sich auch an Schafen und Ziegen vergreift. Wie die geschützt werden können, das ist noch eine offene Frage. In den vergangenen Jahren ist im Schwarzwald in einem Projekt des Landes und des Naturschutzbundes (Nabu) der Einsatz von Herdenschutzhunden getestet worden. Das Land hat das Projekt mit 200 000 Euro finanziert. Im September läuft es aus. „Leider haben wir noch keine Anschluss-Finanzierung“, klagt Alfons Gimber, der Vorsitzende des Landesschafzuchtverbandes.

Aus seiner Sicht ist das Projekt noch nicht abgeschlossen. Er sieht den Einsatz von Hunden kritisch, besonders in  bevölkerungsreichen Regionen. Je nachdem wie aggressiv die Hunde seien, könnten sie auch dem Menschen gefährlich werden. Er sieht eine Lösung des Problems eher im Aufstellen von Elektrozäunen. „Ich denke, wir müssen beides versuchen.“ Am liebsten wäre es ihm aber, „wenn die Wolfs-Weibchen in weiter Ferne bleiben würden“. Damit sich keine Population aufbauen kann.

Ein Landwirt aus Reutlingendorf, einem Ortsteil von Obermarchtal im Alb-Donau-Kreis, hat Anfang der Woche im Wald und am Waldrand ein wolfsähnliches Tier gesichtet und fotografiert. Ob das Wesen tatsächlich ein Wolf ist, ist noch nicht geklärt. Die Forstliche Versuchs- und Forschungsanstalt in Freiburg hält sich bedeckt. Sie will erst mit dem Mann über seine Beobachtungen sprechen. Bis Redaktionsschluss war der Landwirt, der das Tier fotografiert hat, nicht zu erreichen. Georg Baur, der Ortsvorsteher von Reutlingendorf, sieht das mögliche Auftauchen eines Wolfes gelassen. Sollte es tatsächlich ein Wolf gewesen sein, sei er schon lange weitergezogen. Da ist er sich sicher. Willkommen sei ihm der Wolf, wenn der Biber, Zaun-Eidechsen und Gelbbauchunken fresse. Die verhindern derzeit, dass er eine Kiesgrube auffüllen lassen kann. wal

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