Seit 25 Jahren gibt es Substitutionsprogramme – Experten wollen Öffnung

Innerhalb der vergangenen 25 Jahre ist es in Baden-Württemberg gelungen, die Zahl der Drogentoten um die Hälfte zu senken. Ein Erfolg weniger repressiver Politik. Einige Fachleute wollen nun weiter gehen.

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Lieber vom Staat als vom Dealer: Immer mehr Fachleute fordern eine Ausweitung der Diamorphin-Substitution wie hier in Hamburg – oder plädieren gleich für eine gänzliche Kehrtwende in der Drogenpolitik.  Foto: 

Der junge Mann war stets zuverlässig, ein Musterpatient der Stuttgarter Substitutionspraxis des Suchtmediziners Andreas Zsolnai, wo Drogenberater Uwe Collmar Opiatabhängige psychosozial betreut. Doch an jenem Frühlingstag des vergangenen Jahres erschien er plötzlich nicht mehr, um seinen täglichen Becher Methadon „abzuschlucken“.

Collmar besorgte sich von der Mutter den Wohnungsschlüssel, öffnete die Tür. Da lag sein Klient, tot, die Nadel noch im Arm. Einigen Substituierten reicht die Befriedigung durch den Ersatzstoff nicht aus. Er war einer der 142 Menschen, die 2015 im Südwesten an den Folgen des Konsums illegaler Drogen starben. Wieder fünf mehr als 2014 – aber langfristig ist es gelungen, die Zahl deutlich zu senken. 1991 waren es noch 275 Personen.

„Die Einführung offizieller, koordinierter Substitutionsprogramme nach 1991 war die Voraussetzung für diesen Erfolg“, sagt Eva Weiser, Geschäftsführerin der Landesstelle für Suchtfragen. Es war ein drogenpolitischer Paradigmenwechsel, der seinerzeit durchaus kontrovers debattiert wurde. Der Staat als Dealer? Die Krankenkasse zahlt das Ersatz-Opiat? Doch: Es sei die richtige Entscheidung gewesen, sagt sie. Das hätten die Jahre bewiesen.

Der Substitutions-Stoff ist pharmazeutisch rein, genau dosierbar. Beschaffungskriminalität, Überdosen und Infektionen werden verhindert – und die Substituierten können wieder einem geregelten Tagesablauf, viele auch dem Beruf, nachgehen. Anfangs gab es nur Methadon. Im Lauf der Zeit kamen andere Stoffe wie etwa Buprenorphin dazu. Seit 2010 ist auch die Abgabe von Diamorphin – künstlich hergestelltes Heroin – rechtlich möglich. In Baden-Württemberg indes gibt es das nur in zwei Praxen: einmal in Karlsruhe, und dann in der Stuttgarter Schwerpunktpraxis von Andreas Zsolnai. Zu wenig, findet man nicht nur dort, denn die Behandlung mit dem „Original“ zeigt Erfolg.

Auch Jeanette Piram, Diplompsychologin und Leiterin der Freiburger Drogenhilfe, weiß, dass in der Drogenpolitik Innovation nur im Krebsgang zu erreichen ist: „Früher war es nicht erwünscht, dass wir zum Beispiel Spritzen ausgeben. In Fachkreisen war klar, dass das sinnvoll ist – aber politisch war man damals noch nicht so weit.“ Die Substitutionstherapie sei ein Erfolgsmodell, betont auch sie. Aber: „In Freiburg haben wir enorme Probleme bei der Finanzierung der begleitenden psychosozialen Betreuung.“ Für diese nämlich müssen die Kommunen aufkommen – und in der Südbaden-Metropole sei man da eher knauserig.

Anders beschreibt Uwe Collmar die Lage in Stuttgart. „Die Stadt hat in den vergangenen Jahren glücklicherweise recht viel Geld in die Suchthilfe investiert.“ Ansonsten sind sich die beiden Fachleute aber weitgehend einig: Der repressive Ansatz, also die Kriminalisierung des Besitzes auch kleiner Mengen der jeweiligen Drogen und die strafrechtliche Verfolgung der Konsumenten, wie sie das Betäubungsmittelgesetz (BTMG) nach wie vor verlangt, ist längst gescheitert, so ihr Tenor.

Und damit sind die zwei bei weitem nicht alleine: 2013 unterschrieben 123 renommierte Strafrechtsprofessoren eine Resolution, um „auf die schädlichen Nebenwirkungen und Folgen der Kriminalisierung bestimmter Drogen aufmerksam zu machen“. Passiert ist seither nichts. Der Gesetzgeber hat auf die Forderungen nicht reagiert.

Dass der Kampf gegen die Krankheit Sucht mit Polizei und Strafrecht offenkundig nicht funktioniert, zeigt sich in Bayern. In dem Land, das stolz auf seine Biertradition ist, wird das Verbot illegaler Drogen am konsequentesten umgesetzt. Im Freistaat werden Drogenkonsumenten mit besonderem Nachdruck verfolgt und bestraft – und ebendort ist die Zahl der Drogentoten innerhalb weniger Jahre drastisch gestiegen: 2011 zählte Bayern 177, 2015 über 260 Drogentote.

Suchtberaterin Piram ist sicher: „Wir brauchen wenigstens Konsumräume und Möglichkeiten, Drogen auf gefährliche Streckmittel untersuchen zu lassen.“ Nur eine legale, aber kontrollierte Abgabe könne finale Lösung sein. „Weil recht risikoarme Substanzen verboten sind, kommen immer gefährlichere ,Legal Highs’ auf den Markt.“ Der Konsument spielt die Laborratte: Vier Personen sind 2015 in Baden-Württemberg an den oft nie am Menschen erforschten neuen Chemikalien gestorben. Für Uwe Collmar ist daher klar: „Drogentote sind Prohibitionstote – und die meisten Probleme, mit denen Süchtige und damit auch wir konfrontiert sind, resultieren aus der Verbotspolitik.“

Resolution im Wortlaut

Die 123 Kriminalwissenschaftler stellten 2013 in ihrer Resolution an den Bundestag mit fünf Thesen auf: „1. Mit der Drogenprohibition gibt der Staat seine Kontrolle über Verfügbarkeit und Reinheit von Drogen auf; 2. Der Zweck der Prohibition wird systematisch verfehlt; 3. Prohibition ist schädlich für die Gesellschaft; 4. Prohibition ist unverhältnismäßig kostspielig; 5. Prohibition ist schädlich für die Konsumenten.

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