Schweden als Vorbild: Sexkaufverbot schädigt Geschäft der Prostitution

Die Mär von der freiwilligen Prostitution glaubt Katrin Altpeter nicht. Baden-Württembergs Sozialministerin würde gern wie in Schweden die Nachfrage durch ein Verbot von Sexkauf deutlich einschränken.Mit einem Kommentar von Elisabetz Zoll

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In Schweden ist nach der Einführung des „Schwedischen Modells“ laut einer Studie die Straßenprostitution um die Hälfte zurückgegangen. Sozialministerin Katrin Altpeter wünscht sich für den Südwesten ebenfalls ein Sexkaufverbot.  Foto: 

Was treibt eine Frau Anfang 40 in die Prostitution? Bei der Stuttgarterin Marie Merklinger, die nach drei Jahren wieder ausstieg, war es ein finanzielles Desaster nach vorherigem Arbeitsplatzverlust: „Das Wasser stand mir bis zur Nasenspitze. Ich fühlte mich wie eine Maus in der Falle.“ Aber dass es ein freiwilliges, selbstbestimmtes Arbeiten als Sexdienerin im Escort-Bereich gewesen wäre, das würde Merklinger nie sagen: „Man belügt sich, lässt gegen Bezahlungen Grenzüberschreitungen zu, es gleicht Vergewaltigungen.“ Heute kämpft sie gegen Prostitution.

In Sozialministerin Katrin Altpeter (SPD) hat sie eine entschiedene Unterstützerin. Die Sozialdemokratin wendet sich gegen die „Verharmlosung“ der sogenannten käuflichen Liebe, die „Deutschland zu einem Eldorado für Sextouristen“ gemacht habe.

Während die große Koalition in Berlin daran geht, die unter Rot-Grün 2002 sehr weit liberalisierten gesetzlichen Bestimmungen wieder etwas zu verschärfen, hatte Altpeter am Mittwoch zu einer Veranstaltung mit der schwedischen Justizkanzlerin Anna Skarhed geladen: „Sexkaufverbot – der schwedische Weg“. Ginge es nach Altpeter und den anderen geladenen Experten müsste auch der deutsche Weg dort münden. „Derzeit gibt es keine Mehrheit dafür, aber wir werden den Kampf weiterführen“, sagte Altpeter zum Auftakt der Veranstaltung.

Anna Skarhed, als Justizkanzlerin ranghöchste Vertreterin der schwedischen Exekutive, kann 16 Jahre nach Einführung des weltweit ersten Gesetzes zum Sexkaufverbot die positiven Folgen belegen. Seit Freier (nicht aber Prostituierte), meist mit Geldstrafen, seltener mit Gefängnis bis zu einem Jahr bestraft werden, wenn sie bezahlten Sex hatten oder haben wollen, hat sich Grundsätzliches in Schweden verändert: „Die Nachfrage als Wurzel allen Übels ist deutlich zurückgegangen.“ Nach einer von Skarhed geleiteten Evaluation war der Straßenstrich 2010 gegenüber 1999 in Schweden nur noch halb so groß. In den Nachbarländern Dänemark und Norwegen hingegen wuchs die Straßenprostitution im selben Zeitraum auf die dreifache Größe an.

Auch das befürchtete Ausweichen in Hotels, Clubs, Wohnungen habe so nicht stattgefunden. Die Polizei würde informiert. Denn es habe ein gesellschaftliches Umdenken stattgefunden. Waren vor dem Gesetz noch 67 Prozent der Bürger gegen ein Sexkaufverbot, so hat sich die öffentliche Meinung ins Gegenteil gedreht: 70 Prozent der Schweden befürworten eine Bestrafung der Freier. Prostitution werde als Verstoß gegen die Menschenrechte und die Gleichberechtigung begriffen, sagte Skarhed. Dass sich inzwischen auch andere Staaten für diesen Weg interessierten, bestärkt Skarhed in ihrem Werben für das schwedische Modell.

Auch sie weiß, dass es Prostitution auch in Schweden immer geben werde, wichtig sei aber, „dass das Geschäft mit ihr unattraktiv“ geworden sei. „Wir haben in sehr viel geringerem Maße heute Menschenhandel.“ Skarhed zitierte Statistiken, wonach EU-weit täglich rund 140.000 Menschen aus Sexgründen gehandelt werden. „Diese moderne Sklaverei ist eine Schande.“

Rotlicht-Experte Manfred Paulus, der mehr als 30 Jahre als Kriminalbeamter in Ulm das Aufgabengebiet Prostitution und Frauenhandel in leitender Funktion beackert hat, sprach von einer „gewaltigen Scheinheiligkeit“. Die jungen Frauen aus Osteuropa, die an die 80 Prozent der hiesigen Prostituierten ausmachten, kämen keineswegs freiwillig hierher. „Die brauchen Helfer und Strukturen und die sind hochkriminell.“ Würde man das „riesige Dunkelfeld“ erhellen, bekämen „wir plötzlich erhebliche Probleme mit dem Begriff Rechtsstaatlichkeit“.

Prostitution sei ein großes Geschäft der organisierten Kriminalität. Und durch die bestehende Rechtslage in Deutschland „sind wir zum Puff Europas geworden“. Das heiße auch, „dass wir nicht nur die Frauen, sondern auch die Täter ins Land“ geholt haben. Das Geschäft sei fest in Händen albanischer, bulgarischer, libanesischer Gruppen. Besserungen erwartet Paulus durch die geplante Reform nicht: „Mit Kondompflicht kann man die organisierte Kriminalität nicht bekämpfen.“ Doch auch wenn das Sexkaufverbot „keine Wunderpille“ sei, plädierte er dafür.

In Deutschland bleibt Prostitution legal

Reform Das von der damaligen rot-grünen Koalitionsmehrheit im Bund 2002 erlassene Prostitutionsgesetz wollen Union und SPD verschärfen. Im Grundsatz bleibt aber käufliche Liebe legal in Deutschland. Ein entsprechender Entwurf ist in der Anhörung.

Ziele des Gesetzes Bordellbetriebe sollen künftig eine Erlaubnis benötigen. Einschlägig Vorbestrafte könnten dann keinen Zuschlag mehr bekommen. Flatrate-Bordelle sollen verboten werden. Für Freier wird eine strafbewehrte Kondompflicht eingeführt.

Kontrolle Für Prostituierte wird die Pflicht zur Anmeldung und zur Gesundheitsberatung eingeführt. Wer zwischen 18 und 21 Jahre alt ist, muss kürzere Abstände einhalten. Damit soll die Chance für die Annahme von Hilfsangeboten erhöht werden. 

Kommentar von Elisabeth Zoll: Erbärmliche Gleichgültigkeit

Lässt sich Prostitution verbieten? Daran zu glauben, fällt schwer. Auch Erfolgsmeldungen aus Schweden, wonach die Straßenprostitution nach der Einführung eines Sexkaufverbotes zurückgegangen ist, sagen noch nichts darüber aus, ob das Verbot Prostitution insgesamt eindämmt. Auch fehlt der Beweis, dass das schwedische Modell den organisierten Menschenhandel bremst. Mit der Ware Mensch wird viel schmutziges Geld verdient. Auch in Schweden sind die juristischen Konsequenzen aus dem 1999 eingeführten Gesetz überschaubar. Die Zahl der Verurteilungen wegen Menschenhandels ist schnell ausgezählt.

Zu befürchten ist: Ein Sexkaufverbot fördert die Illegalität. Frauen werden von Straßen wieder in Hinterhofgassen abgedrängt, von registrierten Wohnungen in verborgene Absteigen. Den rund 200.000 Prostituierten in Deutschland ist damit nicht gedient. Sie schützt vermutlich nur eine möglichst weitgehende staatliche Kontrolle des Gewerbes mit Gesprächsangeboten und Beratungspflichten für die Frauen.

Bei Zweifeln an der generellen Wirksamkeit weist Sozialministerin Altpeter auf einen entscheidenden Punkt: Der Gang ins Bordell ist für viele zu einem gedankenlosen Freizeitvertreib geworden. Junggesellenabschiede auf dem Straßenstrich - das Menschen- und Frauenbild dieser Männercliquen wäre eine Strafe wert. Viele scheren sich nicht im mindesten darum, unter welchem Druck und welcher Not, Frauen ihnen zu Diensten sind. Die Gleichgültigkeit dieser Männer ist erbärmlich. Ein Sexkaufverbot könnte den ein oder anderen zum Denken zwingen. Das wiederum wäre ein Erfolg.

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