Schuldfrage weiterhin ungeklärt

Fünf Tote, 59 Schwerkranke: Wer ist schuld am Legionellen-Ausbruch Ende 2009 in Ulm? Obwohl ein Gutachten Verantwortliche benennt, tut sich die Staatsanwaltschaft mit einer Anklage-Erhebung schwer.

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Das Telekom-Gebäude nahe des Ulmer Bahnhofs: Aus der dortigen Kühlanlage stammte die Legionellen-Wolke. Foto: Volkmar Könneke

Der Tod, er kam aus einem Kühlturm des Telekom-Gebäudes am Ulmer Hauptbahnhof. Die Anlage war Teil eines neuen Blockheizkraftwerks, sie lief im Dezember 2009 noch im Probebetrieb, war oft abgeschaltet. Das war das Problem: Im lauwarmen Wasser des Kühlsystems vermehrten sich Legionellen explosionsartig - Bakterien, die eingeatmet schwere Lungenentzündungen auslösen können. Hinzu kam der typische Ulmer Winternebel. So hing eine Wolke verseuchter Nebeltröpfchen über der Stadt.

Wer das Pech hatte, sie einzuatmen, wurde infiziert. Fünf Menschen starben, 59 weitere mussten ins Krankenhaus. Die Quelle für die bis dato größte Legionellen-Epidemie der Bundesrepublik war rasch gefunden. Doch wer die Verantwortung dafür trägt, ist auch dreieinhalb Jahre später noch offen.

Das verwundert. Nach Informationen der SÜDWEST PRESSE liegen der Staatsanwaltschaft Ulm seit dem 9. November 2012 die Ergebnisse eines von ihr in Auftrag gegebenen Gutachtens vor. Verfasst hat es Prof. Manfred Exner von der Uni Bonn, der als " Legionellen-Papst" gilt. Ihn hatte die Staatsanwaltschaft eingeschaltet, weil die am Wert des ersten Gutachtens zweifelte. Dieses hatte der Betreiber des Telekom-Gebäudes in Auftrag gegeben. Es ließ die Frage nach den Schuldigen unbeantwortet.

Für Exner scheint die Schuld dagegen weitgehend geklärt zu sein. Entgegen der Annahme im Erstgutachten "muss davon ausgegangen werden, dass die Dosierung des Biozids nicht in ausreichender Konzentration erfolgte", heißt es in der Expertise. Diese Biozide verhindern die Bildung von Legionellen. Exners Fazit ist klar: Eine "Versäumung gebotener Wartungs-, Reinigungs- und Kontrollmaßnahmen steht außer Zweifel." Das bedeutet: Die für den Einbau der Anlage zuständige Firma und die für die Wartung zuständigen Mitarbeiter seien schuld.

"Es ist nicht entschieden, welche Schlussfolgerungen wir aus dem Gutachten zu ziehen haben", sagt allerdings der Ulmer Oberstaatsanwalt Rainer Feil. Er räumt ein, dass die Ermittlungen sich auf die mit dem Einbau der Anlage betraute Firma fokussieren. Dennoch handele es sich bei Exners Feststellungen um Wahrscheinlichkeits-Aussagen. "Aber selbst eine hohe Wahrscheinlichkeit reicht uns nicht. Wir brauchen Gewissheit."

Feil zufolge gab es in der Kühlanlage Bereiche, in die das Biozid nicht eindringen konnte. Falls dort die Legionellenkonzentration hoch gewesen wäre, läge ein Konstruktions-, kein Wartungsfehler vor. Feil weist auf ein in der Natur der Sache liegendes Manko des Zweitgutachtens hin: Als es Exner im Juli 2011 ausarbeitete, war die Anlage bereits umgebaut und gereinigt worden. Dem Gutachter blieb nur die Auswertung von Dokumenten.

Weiteres Problem: Um Anklage wegen fahrlässiger Tötung und gefährlicher Körperverletzung erheben zu können, muss die Staatsanwaltschaft Personen individuelles Fehlverhalten nachweisen. Genau das sei in diesem Fall aber schwierig. Anders verhalte es sich bei Zivilklagen. Bei Schadenersatzforderungen reiche es aus, die Verantwortlichkeit einer Firma festzustellen.

Elf Strafanträge privater Kläger liegen Feil zufolge vor. Doch die Anwälte werden wohl erst abwarten, zu welchen Schlussfolgerungen die Staatsanwaltschaft kommt, vermutet er. In den nächsten Wochen, so verspricht der Oberstaatsanwalt, werde seine Behörde den Fall vorantreiben. Ob es zu einer Anklageerhebung, der Einstellung des Verfahrens oder zu weiteren Ermittlungen kommt, lässt er offen.

Der Ulmer Legionellen-Ausbruch - eine Chronologie
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