Schloss war ein Vorhof der Hölle

Das Schloss Eschenau bei Heilbronn war für mehr als 100 zumeist betagte Juden ein Vorhof der Hölle. Aus diesem Zwangsaltersheim wurden sie 1942 deportiert, nur wenige der Senioren überlebten.

|
Rokokogebäude mit schlimmer Vergangenheit: Das Schloss wurde 1941 "Zwangsaltersheim" für Juden aus dem Raum Stuttgart. Foto: Hans Georg Frank

Der Lokalhistoriker Martin Ritter hat eine Arbeit vollendet, die ihm ganz besonders am Herzen lag. Der pensionierte Realschullehrer, 1935 im ungarischen Budaörs geboren, widmet sich schon seit vielen Jahren der Erforschung der jüdischen Geschichte seiner neuen Heimat im Weinsberger Tal nahe Heilbronn. Der 550 Grabsteine auf dem jüdischen Friedhof nahm er sich ebenso an wie der Synagoge in Affaltrach, die heute Museum und Gedenkstätte ist. Mit Akribie und Hartnäckigkeit hat er zuletzt die Schicksale von 112 Juden recherchiert, für die das Schloss im Obersulmer Teilort Eschenau in ein Zwangsaltersheim umfunktioniert worden ist.

Nichts erinnert heute an das Leid hinter den Mauern des Gebäudes aus dem 16. Jahrhundert, das um 1745 seinen Rokokostil bekommen hat. Ganz in der Nähe liegen die Weinberge des Gewanns Paradies. Das Schloss aber war für die Juden ein Vorhof der Hölle. Die Nazis wollten zwei Stuttgarter Altenheime für "deutsche Volksgenossen" räumen, daher mussten Männer und Frauen israelitischen Glaubens weichen. Die NSDAP-Gauleitung Württemberg-Hohenzollern suchte Provisorien. In Eschenau, wo das Schloss leer stand, wurden sie ebenso fündig wie in Buttenhausen, Dellmensingen, Tigerfeld, Weißenstein.

"Historiker haben sich bisher nicht übermäßig mit dem Thema auseinandergesetzt", weiß Martin Ritter. Bundesweit gebe es "keine großen Veröffentlichungen", obwohl 140 Heime mit mehr als 20 000 Juden existiert hätten. Er kennt auch die Ausnahme: Ulrich Seemüller hat sich in die Geschichte des jüdischen Altenheims in Herrlingen vertieft. Von dort wurden am 1. Dezember 1941 mit dem ersten Deportationszug zehn Mitarbeiter - neun Frauen und ein Mann - nach Riga transportiert und ermordet. Damit sollte den alten Menschen jegliche Zukunft genommen werden.

Nach Eschenau wurden 93 Heimbewohner gebracht, ebenso 19 jüdische Betreuerinnen. Elf sind noch in dem Dorf gestorben, die allermeisten wurden in Konzentrationslagern getötet oder überstanden die menschenverachtenden Zustände in Theresienstadt nicht. Aus dem kleinen Weinort wurden die Juden am 19. August 1942 in einem Sonderzug über Heilbronn nach Stuttgart geschafft. Um Aufsehen zu vermeiden, musste der Elendszug über Gässchen zum Bahnhof marschieren. Einige Eschenauer beobachteten still den Beginn der Deportation. Sie sahen auch, wie sich der Dorfpolizist Christian Koch als besonders eifriger Judenhasser hervortat und auf Gebetbüchern herumtrampelte. Zehntklässler der Realschule haben die letzten Zeitzeugen befragt.

Martin Ritter und Martin Ulmer von der Geschichtswerkstatt Tübingen haben die Wege der Opfer nachgezeichnet. "Das war sehr kompliziert und sehr komplex", berichtet der Pensionär über die drei Jahre dauernden Recherchen. In etlichen Rathäusern verlor sich jede Spur der früheren Einwohner. Viele Daten in Büchern waren fehlerhaft. Nicht zuletzt dank der Gedenk- und Forschungsstätte Yad Vashem in Jerusalem konnten alle Lücken geschlossen werden. Von den 81 Frauen und 31 Männern liegen biografische Informationen vor. Fotos konnten von mehr als der Hälfte gefunden werden, an die anderen erinnern Gedenkbänder.

Ritters Werk ist Teil einer Dauerausstellung, die am Freitag in der Affaltracher Synagoge eröffnet worden ist. Damit soll ein wichtiges Kapitel der Ortsgeschichte vor dem Vergessen bewahrt werden.

Abonnieren Sie das kostenlose Morning-Briefing aus der Chefredaktion
Damit starten Sie top informiert in den Tag. Außerdem im Newsletter: Die Wettervorhersage und die aktuelle Verkehrslage in der Region.
» zur Registrierung

Noch kein Kommentar

Schreiben Sie Ihren eigenen Kommentar

noch 3000 Zeichen
Mit Ihrem Kommentar akzeptieren Sie unsere Netiquette

Für registrierte Nutzer

Melden Sie sich an und schicken Sie Ihren Kommentar ab:

Für noch nicht registrierte Nutzer

Registrieren Sie sich kostenlos, um Ihren Kommentar abzuschicken:

Ich bin damit einverstanden, dass die Neue Pressegesellschaft mbH & Co. KG und ihre Tochterunternehmen mich schriftlich (per E-Mail oder Brief) oder telefonisch über ihre Medienangebote und kostenlose Veranstaltungen informieren dürfen. Meine Daten dürfen zu diesem Zweck gemäß den Bestimmungen des BDSG gespeichert, verarbeitet und genutzt werden. Die Einwilligung kann ich jederzeit widerrufen.
Ich bin mit den Datenschutzbestimmungen einverstanden. *

Bitte beantworten Sie noch die folgende Sicherheitsfrage:

neu laden
Content Management by InterRed GmbH Logo
weiter zur Startseite

Zu wenige Grundschullehrer in Baden-Württemberg – Klassen werden zusammengelegt

In Baden-Württemberg gibt es zu wenige Grundschullehrer. Ein Mittel, um an mehr Lehrer zu kommen: Klassen werden zusammengelegt. Das ist an der Mörike-Schule passiert. weiter lesen