Schleppende Umsetzung: Wildtierkorridore sind Seltenheit

Wildtierkorridore sind im Land noch eine Rarität. Der Generalwildwegeplan gibt vor, wo Biotopverbünde entstehen sollen. Es hapert an der Umsetzung.

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Luchs Friedl, der sich im vergangenen Jahr vom Mittleren Schwarzwald aus auf den Weg in Richtung Osten gemacht hat, war entweder sehr clever oder er hatte viel Glück. Oder auch beides. Jedenfalls hat er es geschafft, unbeschadet bei Horb die A 81 zu queren, vor die Tore Ulms zu gelangen und sich bis ins Donautal durchzuschlagen, wo er bis heute vermutet wird.

Die zwei Wölfe indes, die aus der Schweiz eingewandert sind, hatten nicht so viel Glück. Einer wurde auf der A 5 bei Lahr überfahren, der andere auf der A 8 bei Merklingen. Die Tiere waren auf so genannten Wildtierkorridoren unterwegs. Diese werden geschaffen, um großräumig wandernden Tieren wie Luchs, Wolf und Wildkatze die Chance zu bieten, große Straßen überqueren zu können. Bei den Wölfen hat es nicht funktioniert und damit deutlich gemacht, dass die Korridore verbessert werden müssen.  

Wildtierkorridore bestehen aus vernetzten Biotopen. Das können Grünbrücken sein wie es sie zum Beispiel auf der B 31 zwischen Stockach und Überlingen gibt. Ein anderes Beispiel ist der Schönbuchtunnel. „Der ist auf weiter Strecke für Tiere die einzige Möglichkeit, die A81 zu überqueren“, sagt Thomas Deines, Pressesprecher im Landwirtschaftsministerium und dort für den Landesbetrieb ForstBW zuständig.

Für Tiere, die zwischen Schwarzwald und Schwäbischer Alb unterwegs sind, sei die A 81 eine „massive Zäsur“, sagt Deines. Luchs Friedl hat sie überwunden. Er hat die Neckartalbrücke bei Horb gewählt, um unter der A81 durchzuwandern. Sein Weg konnte nachvollzogen werden, weil Wildtierexperten der Forstlichen Versuchs- und Forschungsanstalt Freiburg (FVA) ihn im Schwarzwald eingefangen und mit einem Halsbandsender ausgestattet haben. So konnten sie verfolgen, wo es für Wildtiere möglich ist, unbeschadet durchs Land zu kommen.    

Axel Wieland, der beim Bund für Umwelt und Naturschutz (Bund) Projektkoordinator für das Rettungsnetz Wildkatze ist, beklagt, dass in den vergangenen Jahrzehnten durch Straßenbau, durch neue Wohn- und Gewerbegebiete viele Flächen zerschnitten worden sind, „die jetzt wieder verbunden werden müssen“. Damit das sinnvoll geschieht, hat die FVA den Generalwildwegeplan erarbeitet. Er regelt überregional, auch über Länder- und Staatsgrenzen hinweg, die Vernetzung von Biotopen.

Überall dort, wo Straßen gebaut oder erweitert werden, muss auch der Generalwildwegeplan berücksichtigt, müssen eventuell Grünbrücken gebaut und die Korridore mit bedacht werden. Die Umsetzung stehe allerdings erst am Anfang, sagt Deines. Die reiche vom Aufstellen von Schildern „Wildtierkorridore“ für die Autofahrer, über das Pflanzen von Hecken bis hin zum Bau von  Querungshilfen.

„Da muss man weiter dranbleiben“, fordert Wieland. Darauf seien die Tiere auf ihren Wanderungen angewiesen. „Sie werden durch die Biotop-Vernetzung geleitet“, sagt Deines. Sie hangeln sich von Biotop zu Biotop. Jede Lücke bedeutet ein Hindernis.

Deshalb ist es nicht damit getan, einfach nur Grünbrücken zu bauen. Die Tiere müssen sie auch finden und danach weiterkommen. Das Konzept heißt deshalb, „Biotope müssen verbessert und besser vernetzt, Trittsteine geschaffen und Brücken gebaut werden“, sagt Deines. Ein aktuelles Beispiel findet sich bei Herrenberg. Dort wurde ein Wildkatzenkorridor geschaffen, der dem scheuen Tier ermöglichen soll, sich von der Rheinebene durch den Schwarzwald bis auf die Schwäbische Alb ausbreiten zu können. In der Rheinebene ist die Wildkatze seit Jahren wieder heimisch, doch sie hat Schwierigkeiten, sich auszubreiten. Viele Tiere werden überfahren.

Wenn sich an einer Stelle Unfälle mit Wildtieren häufen, ist das ein Zeichen dafür, dass die Wandermöglichkeiten für sie verbessert werden müssen. Generell sei es wichtig, Waldgebiete miteinander zu vernetzen, sagt Deines. Denn die meisten Wildtiere seien in Waldgebieten unterwegs. So auch Friedl. Anhand der Signale, die sein Halsband schickte, konnten die Experten der FVA verfolgen, wo er unterwegs war. Er suchte sich Wege meist weit entfernt von großen Straßen, wanderte am Albtrauf entlang bis nach Ulm und von dort ins Donautal.

Dort verliert sich seine Spur. Sein Halsband mit dem Sender trägt  er nicht mehr. Die Batterie darin war nach einem Jahr am Ende, das Halsband löste sich von selbst. Dafür trägt nun ein anderer Luchs, der statt Friedl in die für ihn vorbereitete Falle getappt ist, einen Halsbandsender und verrät, wohin er sich wendet.

Genetischer Austausch

Fachplanung Der Generalwildwegeplan ist eine eigenständige, ökologische, in erster Linie waldbezogene Fachplanung für einen landesweiten Biotopverbund. Er ist Teil eines nationalen und auch internationalen Netzwerks von Wildtierkorridoren. Denn diese dürfen nicht an Länder- oder Staatsgrenzen enden.  Der Plan zeigt die teilweise letzten verbliebenen Möglichkeiten eines großräumigen Verbundes von Biotopen in weiträumig zersiedelter Kulturlandschaft. Ziel ist,  Arten die Chance zu bieten, sich auszubreiten und so den genetischen Austausch zu sichern. Der Plan ist zentral zur Sicherung und Entwicklung der biologischen Vielfalt. Damit er umgesetzt werden kann, müssen Flächen langfristig davor geschützt werden, dass sie durch Straßen oder Bebauung zerschnitten werden. Der aktuelle Generalwildwegeplan des Landes wurde im Jahr 2010 aufgestellt. wal

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