Sangesfreudiger "Mister Bundesrepublik"

Walter Scheel suchte als Bundespräsident die Nähe zum Volk. Heute lebt er im Pflegeheim, feiert seinen 95. Geburtstag im privaten Kreis. Unvergessen ist sein politisches Wirken - und ein Ausflug in die Musik.

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"Hoch auf dem gelben Wagen" - so sangt der damalige Außenminister Walter Scheel bei einem Gesangsauftritt 1973 im ZDF. Eben so, als singender Politiker, ist der spätere Bundespräsident vielen in Erinnerung geblieben. Das FDP-Mitglied der ersten Stunde hat aber vor allem mit den Grundstein für die Deutsche Einheit gelegt: Kanzler Willy Brandt (SPD) und Scheel als dessen Vize richteten gemeinsam die deutsche Ostpolitik neu aus. Unter ihrer Führung initiierte die sozialliberale Koalition inmitten des Kalten Krieges die richtungsweisende Entspannungspolitik.

Heute wird Scheel 95 Jahre alt. Seinen Geburtstag feiert der zweifache Witwer mit seiner dritten Ehefrau Barbara in Bad Krozingen. In dem Kurort bei Freiburg lebt Scheel in einem Pflegeheim. Aus der Öffentlichkeit hat er sich zurückgezogen. Eine offizielle Feier für den an Demenz leidenden Altbundespräsidenten gibt es nicht.Ausgerechnet kurz vor dem Geburtstag hatte es zudem Unruhe gegeben: So liegen Ehefrau Barbara Scheel und das Pflegeheim im Clinch. Auch um die Schließung Scheels Büros in Bad Krotzingen und um seinen Dienstwagen hatte es Unruhe gegeben.

An der Lebensleistung Scheels ändert das nicht. Die ist für einen Handwerkersohn - sein Vater war Wagner in Solingen - erstaunlich. Nach Banklehre und Dienst bei der Luftwaffe arbeitete Scheel in Nachkriegsdeutschland als Industriemanager. Parallel startete er seine öffentliche Laufbahn als Kommunalpolitiker. Von 1953 an saß er im Bundestag. In den 60er und 70er Jahren war er einer der populärsten deutschen Politiker. Heute ist er der letzte noch lebende Minister der Kabinette Adenauer IV und Erhard.

Den Höhepunkt der Macht erreichte er von 1969 bis 1974 als Außenminister der sozial-liberalen Koalition. Mit Brandt und dessen Staatssekretär Egon Bahr setzte Scheel die umstrittenen Ostverträge durch: "Wandel durch Annäherung" lautete die Maxime. "Willy Brandt konnte nur deshalb das Land verändern, weil er mit Walter Scheel einen kongenialen Partner hatte", sagt der heutige Außenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD).

Seine Zeit als Bundespräsident (1974-1979) war überschattet vom Höhepunkt der Terrorwelle der Roten Armee Fraktion (RAF). Außenpolitisch setzte Scheel die Entspannungspolitik fort. 1975 besuchte er als erster Bundespräsident die Sowjetunion. Der Liberale mit dem von Silberlöckchen umrahmten Kopf verlieh dem Amt des Staatsoberhaupts rhetorischen Glanz. Zugleich pflegte er die Nähe zum Volk. Im Ausland wurde er auch "Mister Bundesrepublik" genannt. Auf die Kandidatur für eine zweite Amtszeit verzichtete er allerdings, weil sich CDU und CSU im Frühjahr 1979 auf Karl Carstens als Gegenkandidaten geeinigt hatten.

Neben den politischen Leistungen hat der Karlspreis-Träger auch eine künstlerische zu verzeichnen: Mit der Aufnahme jenes "Gelben Wagens" mit dem Düsseldorfer Männerchor sammelte Scheel eine große Goldene und eine Platin-Schallplatte ein. Dieses Volkslied ist und bleibt Scheels Markenzeichen.

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