„Ich hatte schreckliche Panik“: Prozess wegen Kindstötung

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Frau sitzt mit Aktenordner vor Gesicht im Gerichtssaal. Foto: Kathrin Drinkuth  Foto: 

Es ist dieser eine Satz, mit dem die 23-Jährige immer und immer wieder auf die Fragen des Richters reagiert: „Ich habe mir keine Gedanken darüber gemacht.“ Angeklagt ist die junge Frau, weil sie im Mai 2017 ein Kind zur Welt gebracht und das Neugeborene anschließend getötet haben soll. Im Prozess vor dem Landgericht Ravensburg, der am Donnerstag startete, wirft die Staatsanwaltschaft ihr Mord aus niedrigen Beweggründen vor.

Die 23-Jährige habe versucht, die Schwangerschaft zu verheimlichen und sie gegenüber ihrer Familie und Freunden abgestritten, heißt es in der Anklageschrift. Den wachsenden Bauch habe sie mit zu viel Essen und einer Entzündung erklärt. Demnach soll die junge Frau die Tat begangen haben, weil ein Baby nicht zu ihrer beruflichen, finanziellen und partnerschaftlichen Situation passte. Nach der heimlichen Geburt in der Nähe eines Bauernhofs bei Mengen (Kreis Sigmaringen) habe sie dem Kind Küchenpapier in den Mund gesteckt, es schutzlos zurückgelassen und damit seinen Tod zumindest billigend in Kauf genommen.

Die Angeklagte räumt die Geschehnisse zum Prozessauftakt teilweise ein, betont jedoch, sie habe nicht gewollt, dass das Kind sterbe. „Dass es ersticken könnte, daran habe ich nicht gedacht“, sagt sie. Über die Tat selbst spricht sie unter Tränen, immer wieder bricht ihr die Stimme. Sie sei im Mai mit ihrem Freund - dem Vater des Kindes - und einem befreundeten Paar in den Urlaub gefahren. Auf der Rückreise in den Kreis Konstanz hätten die Wehen eingesetzt und sie habe ihren Freund um eine Pause in der Nähe des Bauernhofs gebeten. Als er hielt, sei sie vom Auto weggegangen, damit ihr Lebensgefährte und die Freunde, die in einem separaten Auto fuhren, von der Geburt nichts mitbekämen.

Sie habe das Kind im Dunkeln in einem Grünstreifen zur Welt gebracht, erzählt die junge Frau weiter. Nach der Geburt habe sie dem Säugling den Mund zu gehalten und schließlich das Küchenpapier hineingesteckt, um ein Schreien des Babys zu verhindern. Dann sei sie zum Auto zurückgegangen und habe ihrem Freund erzählt, dass sie blute, weil sie sich selbst eine Zyste gezogen habe. Der Freund habe dies akzeptiert. Anschließend seien sie nach Hause gefahren. Das Baby starb kurz darauf. Erst einige Tage später entdeckte ein Kind den Leichnam neben mehreren Strohballen. Zeugenhinweise führten die Ermittler schließlich zu der 23-Jährigen.

Richter, Staatsanwalt und Gutachter fragen an diesem Donnerstag immer wieder nach dem Warum. Ob die junge Frau fürchtete, dass ihr Freund sie verlasse, weil er noch keine Kinder wollte? Ob sie sich Sorgen gemacht habe, dass ihr der Chef kündige, wenn er von der Schwangerschaft erfahre? Ob sie traumatisiert sei, weil sie im Alter von 17 Jahren bereits ein Kind verloren hatte - offenbar durch Schläge ihres damaligen Freundes?

Sie habe große Angst gehabt, wiederholt die 23-Jährige nur immer wieder. Wovor, wisse sie heute selbst nicht mehr genau. „Ich habe mir im letzten halben Jahr viele Gedanken darüber gemacht, aber ich kann es nicht sagen. Ich weiß nur, dass ich schreckliche Panik hatte.“ Sie habe die Schwangerschaft erst im Februar richtig bemerkt und dann die meiste Zeit verdrängt. „Ich habe nur noch im Jetzt und Hier gelebt und alles andere weggeschoben.“ Auch an die Geburt selbst oder was mit dem Kind passieren solle, habe sie nicht gedacht.

In Fällen von Kindstötungen gebe es grundsätzlich zwei Arten von Motiven, sagt der Psychiater und Autor des Buchs „Wenn Frauen töten“, Michael Soyka. So könne beispielsweise eine schwere psychische Erkrankung vorliegen. Oder aber die Tat geschehe aus einer vermeintlichen Notlage heraus - etwa weil die Frau sich nicht mit der Schwangerschaft auseinandergesetzt habe, der Partner nicht zu ihr stehe, sie keine Beziehung zu dem Kind aufgebaut habe oder vom Geburtsereignis überwältigt werde. Charakteristisch sei oft eine totale Sprachlosigkeit, nicht nur bei der Schwangeren selbst, sondern auch in ihrem Umfeld.

Wieviel der Lebensgefährte der 23-Jährigen und das mitreisende Paar von der Schwangerschaft und der Geburt mitbekommen haben, wurde vor dem Landgericht Ravensburg ebenfalls thematisiert. Gegen die drei laufe derzeit ein Ermittlungsverfahren, sagte der Staatsanwalt. Ob es zur Anklage komme, sei aber noch unklar. Die Betroffenen seien auch als Zeugen in dem Prozess geladen, könnten jedoch von ihrem Zeugnisverweigerungsrecht Gebrauch machen. Der 23-Jährigen selbst drohe bei einer Verurteilung wegen Mordes eine lebenslange Freiheitsstrafe.

Mitteilung von Polizei und Staatsanwaltschaft vom 30. Mai 2017

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Kommentare

30.11.2017 12:15 Uhr

Bestrafung wegen Mord und Zwangssterilisierung

Eine Frau, die 9 Monate lang wußte, dass sie ein Kind bekommt und es dann umbringt, muss wegen Mordes verurteilt werden. Alles andere wäre nicht gerecht. HInzu kommt, dass eine milde Bestrafung keine abschreckende Wirkung hat. Denn solche Morde passieren in D ja öfters.
Außerdem muss man solche Frauen zwangssterilisieren, um weitere Morde zu verhindern. Denn irgendwann kommen sie wieder aus dem Gefängnis heraus und sind dann noch jung genug für weitere Schwangerschaften und Morde.
Wenn man bedenkt, dass es heutzutage möglich ist, ein ungewolltes Kind in eine Babyklappe zu legen oder es zur Adoption frei zu geben, dann ist so ein Mord umso weniger verständlich.

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