S-21-Gegner hoffen auf einen Baustopp

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Der Tunnelbau für S 21 wird Thema im Bahn-Aufsichtsrat sein.  Foto: 

Das Aktionsbündnis gegen Stuttgart 21 hat der Bahn vor der morgigen Aufsichtsratssitzung vorgeworfen, die Risiken des Tunnelbaus im quellfähigen Gestein herunterzuspielen. Insofern, so erklärte Projektgegner Eisenhart von Loeper gestern,  lasse ein Brief aus dem Kanzleramt vom 6. Dezember hoffen: „Die Bundeskanzlerin unterstützt, dass die Vertreter im Aufsichtsrat der Deutschen Bahn AG gewissenhaft ihrer Aufgabe nachkommen“, sei dort zu lesen. Der Satz deute ein Kurswechsel an. In der Vergangenheit habe Angela Merkel (CDU) Durchhalteparolen zum Weiterbau ausgegeben. Nun überlasse sie es offenbar dem Aufsichtsrat zu entscheiden, wie es mit S 21 weitergehen soll.

Ein von dem Gremium bestelltes Gutachten wird dabei im Zentrum stehen. Loeper zufolge bleibe den Vertretern der Regierung im Aufsichtsrat angesichts der Warnungen vor unterschätzten Risiken keine Wahl, als dem Bahnvorstand den Auftrag zum Baustopp zu geben. Die Prüfer rügen in ihrem Bericht die unterbewerteten Risiken beim Tunnelbau durch quellfähige Gipskeuperschichten. Das Gutachten kritisiert zudem die Projektbetreiber, die sich auf gerade einen Gutachter verließen (wir berichteten). Dabei bräuchte es für ein derartiges Bauvorhaben einen Beirat internationaler Experten.

Der von Stuttgart 21 beauftragte Ingenieur Walter Wittke hatte sich in der vergangenen Woche gegen die Kritik verteidigt und die Sicherheit seiner Tunneltechnik bekräftigt. Das Aktionsbündnis widersprach nun. Wittke habe lediglich gesagt, dass es beim Vortrieb keine Probleme gebe. Er habe sich nicht dazu geäußert, in wieweit es zu Verwerfungen in der Zukunft kommen könnte. Geologe Jakob Sierig geht davon aus, dass ein Quellprozess mehr als ein Jahrhundert dauern kann. Besondere Probleme sieht er für die Röhre zum Flughafen.

Folgt der Aufsichtsrat morgen dem Auftrag der Kanzlerin, müsste er dem Aktionsbündnis zufolge das Projekt auch wegen der gestiegenen Kosten stoppen: Für jeden weiteren Euro übernähmen die Mitglieder persönlich die Verantwortung.

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Kommentare

06.01.2017 00:53 Uhr

Engelbergbasistunnel als Referenz für Tunnelbau in anhydrithaltigem Gestein - toll!

Da kann man nur noch den Kopf schütteln über soviel erschreckende Ahnungslosigkeit und Leichtfertigkeit wie Politiker und S21-Projektbetreiber mit Steuergeldern umgehen.

(...) Matthias Gastel, Bundestagsabgeordneter der Grünen aus Filderstadt, hat bei der Bundesregierung nachgefragt, ob es bereits fertiggestellte Tunnel gibt, die nach dem von Prof. Walter Wittke neu entwickelten Tunnelbauverfahren gebaut wurden und ob es im Nachhinein Probleme durch aufquellendes Anhydrit gegeben hat.

Die Bundesregierung konnte jedoch trotz mehrmaliger Nachfragen – und obwohl sie sich erfahrungsgemäß bei derartigen Fragen bei der Deutschen Bahn erkundigt – keinen einzigen Tunnel benennen, der in dieser Bauweise erstellt und bereits in Betrieb genommen wurde. Schließlich nannte Staatssekretär Barthle (CDU) den Engelbergbasistunnel als Beispiel für einen mit „bewährtem“ Verfahren gebauten Tunnel, der durch Anhydritschichten führt.

Was der Staatssekretär nicht dazu sagte: Für diesen Tunnel fielen bereits beim Bau erhebliche Mehrkosten wegen des Anhydrits an und seit seiner Verkehrsfreigabe im Jahr 1999 musste er bereits dreimal saniert werden. Im Jahr 2018 steht die nächste teure Sanierung wegen erheblicher Schäden durch das aufquellende Gestein an. (...)

http://www.matthias-gastel.de/anhydrit-tunnelbautechnik-noch-nicht-erprobt/#.WG4SGLbhD-Q

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17.12.2016 15:36 Uhr

Stuttgart 21 - Paradebeispiel postfaktischer Politik

(...) Auch in Stuttgart hat sich die sogenannte postfaktische Politik durchgesetzt. Alle Fakten, die das Bauprojekt immer wieder existenziell in Frage stellen, werden von der Mehrheit der Parteien mit einer schon unheimlichen Konsequenz ignoriert.

Es geht um Hunderte von seriösen Gutachten und Untersuchungen zu allen möglichen Themen, aber die vielen Expertenmeinungen werden so behandelt, als gäbe es sie nicht. Und wenn dann mal rauskommt, was seit Jahren kritisiert wird – zum Beispiel beim Thema Anhydrit – werden Gutachten einfach geheim gehalten. (...)

Deshalb versuchen auch alle Projektverantwortlichen mit Durchhalteparolen, das Thema S21 so lange wie möglich auszusitzen und sich selbst abzusichern, wenn der große Knall kommt.

Diejenigen, die den ganzen Mist überhaupt verbrochen haben, sind längst über alle Berge und wenn dann 2025 darüber beraten werden muss, was man mit der Bauruine im Schlossgarten anstellt, müssen Grube, Kefer, Oettinger, Mappus, Schuster und Konsorten nicht mehr erklären, wo die Milliarden herkommen sollen und warum man die Stadt dafür 20 Jahre lang in Geiselhaft genommen hat.

https://www.kontextwochenzeitung.de/debatte/298/stuttgart-21-wird-krachend-scheitern-4071.html

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13.12.2016 22:07 Uhr

Bei Tunnelschäden Verkehrschaos befürchtet

Endlich einmal ein gut recherchierter Bericht, der nicht nur in den tendenziösen Pro-S21-Eintopf-Journalismus der hiesigen Medien verfällt, sondern auch mal ausführlich die Gegenargumente der Projektkritiker beleuchtet.

An diesem Mittwoch steht das Großprojekt Stuttgart 21 erneut auf der Tagesordnung des Bahn-Aufsichtsrates. Vorstandschef Rüdiger Grube legt den Kontrolleuren ein Gutachten der Prüfinstitute KPMG (Frankfurt) und Ernst Basler & Partner (Zürich) vor. Sie haben Termine und Kosten bei Stuttgart 21 überprüft.

Für Grube werden mit dem Gutachten die Kalkulationen der Bahn bestätigt. Die Projektgegner wiesen am Montag bei einer Pressekonferenz aber auf die kritischen Passagen des nicht öffentlichen Papiers und auf das hohe Risiko durch das Bauen im Anhydritgestein hin. (...)

http://www.stuttgarter-zeitung.de/inhalt.stuttgart-21-bei-tunnelschaeden-verkehrschaos-befuerchtet.efe87f43-cf36-4ff6-a6f5-e0918c7b0bae.html

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13.12.2016 21:02 Uhr

Die Hiobsmeldungen zu Stuttgart 21 überschlagen sich ...

aber die Verantwortlichen von Stadt und Land sind abgetaucht. Das Aktionsbündnis gegen S21 fordert vor der Aufsichtsratssitzung der DB AG am 14.12. zu Stuttgart 21 von MP Kretschmann und dessen Stellvertreter, Innenminister Strobl, sowie von Stuttgarts OB Kuhn ein klares Zeichen: Unter solch katastrophalen Prämissen muss der Aufsichtsrat innehalten, die Vorwürfe klären und sich endlich für Alternativen öffnen, die die bisherige Bauentwicklung zum Ausgangspunkt nehmen.

Der Bundesrechnungshof hatte attestiert, dass das Projekt finanziell außer Kontrolle geraten ist und dass mit Kosten an die 10 Mrd. Euro zu rechnen sei. Ein von der Bahn beauftragtes Gutachten entkräftet bei genauer Lektüre den Bundesrechnungshof eben nicht und benennt in überraschender Deutlichkeit, dass die Risiken langer Tunnelstrecken in Anhydrit sträflich unterschätzt wurden.

Als haltlose Beschwichtigungsversuche bezeichneten die Geologen Dr. Sierig und Dr. Laternser die Darstellungen der DB zum Anhydrit-Risiko auf der gestrigen Pressekonferenz des Aktionsbündnisses. Die Argumentation der DB stütze sich mit Prof. Wittke auf nur einen einzigen, seit Jahren bahnabhängigen Gutachter, was selbst von dem bahneigenen KMPG-Basler-Gutachten kritisch gesehen wird.

Eher seien die Risiken noch viel größer („unvollständig und unterbewertet“) als in dem diplomatisch abgefassten Bahn-Gutachten zum Ausdruck komme. Über weitere, der Bahn AG bekannte Hochrisikobereiche (z.B. der Anfahrtsbereich Südkopf Fildertunnel mit Wendekaverne; PFA 1.2) wurden die Gutachter offensichtlich überhaupt nicht in Kenntnis gesetzt, sodass das Risiko von KPMG hier als nachweislich deutlich unterbewertet (nach KPMG lediglich 0,5-1,5 Prozent Wahrscheinlichkeit) eingestuft werden muss.

http://www.stuttgarter-zeitung.de/inhalt.stuttgart-21-gegner-erhoehen-druck-auf-bahn-aufsichtsraete.bd0693f1-fa0c-4ba2-b2ab-2646cfc03bf3.html

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Das Bahnprojekt Stuttgart 21 und die Neubaustrecke

Die Bahn preist Stuttgart 21 und die Neubaustrecke von Wendlingen nach Ulm als zukunftsweisendes Projekt an, Kritiker widersprechen. Auf dieser Seite finden Sie alle Artikel zur Neubaustrecke und Stuttgart 21.

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