Rückenwind für Radler

Das Land will mehr Menschen aufs Fahrrad bringen. Das ist gut gegen Stau und Feinstaub. Vor allem im staugeplagten Stuttgart sieht Verkehrsminister Hermann Nachholbedarf. Anderswo läuft es besser.

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Vorrang fürs Zweirad: Mehr Fahrradstraßen wie hier in Karlsruhe sollen dazu beitragen, dass mehr Wege mit dem Rad zurückgelegt werden.  Foto: 

Gegen die hohe Luftverschmutzung mit Feinstaub und für eine bessere Gesundheit der Baden-Württemberger will das Land den Radverkehr bis 2020 auf rund 16 Prozent verdoppeln. "Was wir brauchen, ist eine neue Radkultur", sagte Verkehrsminister Winfried Hermann (Grüne). "Lange Zeit war in der Stadtentwicklung das Leitbild der autogerechten Stadt vorherrschend. Die Bedürfnisse der Radfahrer kamen zu kurz." Vor allem in der Landeshauptstadt sieht er Nachholbedarf. Die neue Radverkehrsstrategie soll noch diesen Monat vorgestellt werden.

Dabei geht es nicht nur um mehr Infrastruktur, sondern auch um Werbung für die gesundheitlichen Vorteile des Transportmittels, wie der Allgemeine Deutsche Fahrrad-Club (ADFC) mitteilte. "Wer mit dem Fahrrad zur Arbeit fährt, bleibt eher gesund", sagte die ADFC-Landesvorsitzende Gudrun Zühlke. Betriebe könnten Arbeitnehmer etwa durch Stellplätze, Umkleiden und Duschen sowie Trockenräume dazu bewegen, auf das Auto zu verzichten und auf das Rad umzusteigen.

In den vergangenen Jahren habe es in einigen Städten im Südwesten große Fortschritte gegeben, meinte Zühlke. Als Beispiele nannte sie Karlsruhe, aber auch Pforzheim, das im bundesweiten Vergleich lange zu den fahrradunfreundlichsten Orten zählte. In Freiburg wiederum gebe es aus Radfahrersicht eher das "Luxusproblem", den Verkehr für die Vielzahl der Radler mit einem modernen Leitsystem zu erleichtern.

Der Radverkehr nehme insgesamt zu, heißt es im Verkehrsministerium. "Die Menschen entdecken das Fahrrad neu", teilte die Behörde mit. Mit der neuen Strategie, die noch vor der Landtagswahl im März vom Kabinett abgesegnet werden soll, soll der Anteil der Radler am Verkehr weiter steigen - nicht nur durch Radschnellwege und touristische Landesradfernwege, sondern auch durch Mietstationen und Abstellanlagen. "Die Infrastruktur für das Fahrrad wird im ganzen Land ausgebaut inklusive einer landesweiten Ausschilderung", sagte eine Ministeriumssprecherin. Durch motorisierte Räder - die Pedelecs - werde das Transportmittel zudem für noch mehr Menschen interessant.

In einer bundesweiten Erhebung wurde für Baden-Württemberg nach Ministeriumsangaben zuletzt 2008 ein Radverkehrsanteil von 7,7 Prozent ermittelt, gemessen an der Zahl der Wege. Im Kreis Tübingen liege der Anteil schon heute zwischen 15 und 20 Prozent, in der Stadt Freiburg sogar bei knapp 30 Prozent. Minister Hermann kritisierte im Vergleich dazu die Landeshauptstadt als unterentwickelt. Zugleich sieht er insgesamt Fortschritte für Radler seit der Machtübernahme der grün-roten Landesregierung 2011.

Seit 2012 fördert Baden-Württemberg nach Ministeriumsangaben mit dem Programm "Kommunale Rad- und Fußverkehrsinfrastruktur" die Alternative zum Auto. Das Programm sei derzeit mit jährlich 15 Millionen Euro finanziert.

Besonders in Stuttgart machen auch die Radler Druck. Jeden ersten Freitag im Monat versammeln sie sich bei der Aktion Critical Mass, um das Fahrrad als "überlegenes urbanes Fortbewegungsmittel" anzupreisen. "Es verursacht keinerlei Emissionen oder Lärm, es ist günstig, und es braucht wenig Platz. Wir werben für einen Umstieg: weg vom Auto, weg von Lärm, Dreck und Luftverschmutzung", schreiben die Organisatoren der Kundgebung.

In der Autostadt Stuttgart soll seit 2002 ein Fahrradbeauftragter für einen Ausbau des Netzes sorgen. "Ein attraktiver Radverkehr ist ein wichtiger Baustein für die innerstädtische Mobilität", sagte Claus Köhnlein, der Zuständige. Der Radverkehrsetat liege bei 2,9 Millionen Euro. Das Netz mit separaten Radwegen und Radfahrstreifen sei inzwischen 180 Kilometer lang. Es soll auf 240 Kilometer wachsen. Diese Wege sollen alle Stadtteile verknüpfen und möglichst schnell durch die Stadt führen. Dafür seien in den vergangenen Jahren Fahrspuren zurückgebaut worden. Ziel der Stadtverwaltung sei es, den Anteil der Fahrradfahrer am gesamten Verkehr zunächst auf 12 Prozent und langfristig auf 20 Prozent zu steigern.

Die CDU warnte vor einer Überbetonung des Radverkehrs. "Die einseitige Bevorzugung von Fahrradwegen löst nicht die Verkehrsprobleme des Landes", sagte CDU-Spitzenkandidat Guido Wolf.

Kommt die Helmpflicht?

Studie In einer Untersuchung zur Nutzung von Fahrradhelmen, von Baden-Württemberg gemeinsam mit Thüringen in Auftrag gegeben, geht es um die Frage, wie die Sicherheit beim Radfahren erhöht werden kann. Verkehrsminister Winfried Hermann (Grüne) ist für eine Helmpflicht, auch weil Ärzte immer wieder betonten, dass die Verletzungen bei Unfällen weniger gravierend und die Überlebenschancen höher seien als ohne den Kopfschutz. Die Helmnutzung steigt seit etwa 2010 auch bei erwachsenen Radfahrenden auf niedrigem Niveau leicht an. Bei Kindern und Jugendlichen sei das Tragen von Helmen stärker verbreitet als bei Erwachsenen.

Zahlen Mindestens 29 Prozent der Baden-Württemberger fahren mindestens einmal in der Woche mit dem Rad, die meisten davon in der Freizeit. Insgesamt werden täglich 4,2 Millionen Wege im Südwesten mit etwa 11,7 Millionen Kilometer Gesamtlänge mit dem Rad zurückgelegt, wie das Verkehrsministerium erhoben hat. Viele gesellschaftliche Trends sprechen laut Ministerium dafür, dass die Zahl der Radler und Wege weiter zunimmt. Ziel sei, die Menschen auch außerhalb der Freizeit zum Umstieg auf das Rad zu bewegen, etwa auf dem Weg zur Arbeit.

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