Risiko Rheinbrücke

Die Rheinbrücke bei Karlsruhe ist ein Nadelöhr. Das gibt es anderswo auch. Doch was, wenn die einzige Straßenbrücke ausfällt? Der Streit um eine zweite Brücke tobt seit Jahren. Ein rasches Ende ist nicht in Sicht.

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Die alternde Rheinbrücke zwischen Karlsruhe und Wörth: Der Bund, die Länder Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz, Landkreise und Städte, Initiativen und die Wirtschaft fordern seit vielen Jahren eine Lösung. Das Problem: Nicht alle ziehen am selben Ende des Seils.  Foto: 

Sie altert, ist schon nicht mehr ganz fit und doch ein echtes Arbeitstier. Die 1966 gebaute Rheinbrücke Maxau zwischen Karlsruhe und dem rheinland-pfälzischen Wörth trägt jeden Tag rund 80.000 Fahrzeuge und damit die Verkehrslast einer ganzen Region.

Sollte sie plötzlich ihren Dienst quittieren, was dann? Ein Horrorszenario für die Wirtschaft, wie der Präsident der Industrie- und Handelskammer (IHK) Karlsruhe, Wolfgang Grenke, beim Neujahrsempfang sagte. Eine von den Kammern in Karlsruhe und der Pfalz (Ludwigshafen) angeforderte Studie zeigt für diesen Fall lange Umwege und eine Überlastung der Rheinübergänge in Germersheim und Iffezheim. "Besonders das Nadelöhr Südtangente wäre von Staus betroffen und auch die Erreichbarkeit des Baden-Airparks wäre beeinträchtigt - mit weitreichenden Folgen", sagt Grenke.

Eine Lösung muss her. Das fordern der Bund, die Länder Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz, Landkreise und Städte, Initiativen und die Wirtschaft seit vielen Jahren. Das Problem: Nicht alle ziehen am selben Ende des Seils.

Der beinahe tägliche Stau in Richtung Karlsruhe entsteht an der Verengung von drei auf zwei Fahrspuren direkt hinter der Brücke. Ein Ausbau der anschließenden Südtangente, die zur A5 führt, ist nicht möglich. Karlsruhes OB Frank Mentrup (SPD) ist auch deswegen gegen eine zweite Brücke, weil sie das Verkehrsproblem in das überlastete Straßennetz der Stadt verlagern würde. Denn eine echte nördliche Umfahrung gibt es nicht.

Das Bundesverkehrsministerium hat die beiden Länder aufgefordert, eine direkte Anbindung der mehr als 100 Millionen Euro teuren zweiten Brücke an die B 36 zu planen, die von Norden her parallel zum Rhein nach Karlsruhe hineinführt. "Damit wird es auch 2016 keinen Planfeststellungsbeschluss geben können", sagt Mentrup. Die ursprünglichen Pläne stammen bereits aus dem April 2011. Lob für die Überplanung kommt von der IHK: "Die Verantwortlichen sollten konstruktiv am abzuändernden Plan mitwirken, damit das latente Risiko eines Ausfalls der Rheinbrücke möglichst bald beseitigt werden kann", fordert Grenke.

Mentrup favorisiert dagegen eine neue Brücke am alten Standort, die aus zwei unabhängigen Hälften mit je drei Fahrspuren und Standspur besteht und weiß damit die politische Mehrheit der Stadt hinter sich. Diese Variante könnte während des laufenden Verkehrs gebaut werden, ist er überzeugt. Vor allem der Bund will die zweite Brücke nördlich der bestehenden. "Solange der Bund diese Strategie verfolgt, wird man über andere Lösungen nicht reden können", ist Mentrup sicher.

In jedem Falle muss die alte Brücke saniert werden. Die mehrere Millionen Euro teuren Arbeiten sollen nicht vor 2018 beginnen und etwa neun Monate dauern. Dazu ist es nach Angaben des Regierungspräsidiums Karlsruhe nötig, die Brücke an 15 Wochenenden komplett zu sperren. Es wird ein besonders harter Spezialbeton aufgebracht, der die ganze Konstruktion versteifen soll. Aktuell dürfen Lastwagen jeweils nur auf der rechten Spur mit höchstens 60 Stundenkilometern fahren. Standstreifen gibt es nicht. Das baden-württembergische Verkehrsministerium geht davon aus, dass die Maxauer Brücke nach der Sanierung weitere 40 bis 50 Jahre genutzt werden kann.

Der Bundesrechnungshof hatte im vergangenen April mitgeteilt, er halte eine weitere Brücke weder für wirtschaftlich noch für nötig. Die bestehende Brücke sei in der Lage, den erwarteten Verkehrszuwachs der nächsten Jahre zu verkraften. Zu den Gegnern einer weiteren Brücke zählen auch Umweltverbände. Der BUND bemängelt Beeinträchtigungen unter anderem für den Purpurreiher, der mit nur wenigen Paaren am Wörther Altrhein seinen Hauptbrutbestand in Rheinland-Pfalz hat.

Der Initiator einer Bürgerinitiative für den Bau der zweiten Brücke, Steffen Weiß, befürchtet, dass der Bau in immer weitere Ferne rückt. Allein die nötige Umsiedlung des Purpurreihers müsste fünf Jahre vor dem Bau beginnen, sagt er. Er rechnet damit, dass Klagen das gesamte Verfahren weiter verzögern würden. "Da müsste sich jetzt mal etwas bewegen", fordert er. Um weiter Druck zu machen, will Weiß auch in diesem Jahr wieder Demonstrationen der Befürworter auf der Brücke organisieren.

Tauziehen geht auch 2016 weiter

Dauerstreit Der seit Jahren dauernde Streit um die Zukunft des Rheinübergangs bei Karlsruhe setzt sich auch im neuen Jahr fort. Die Länder Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz müssen nach dem Willen des Bundes ihre Planungen für eine zweite Brücke überarbeiten. Die Industrie- und Handelskammer Karlsruhe fordert den Neubau vehement - ebenso deutlich lehnen Umweltschützer sie ab. In diesem Jahr wird es wahrscheinlich keine Entscheidungen geben. Eine Bürgerinitiative will im Frühling wieder für die zweite Brücke demonstrieren. Klar ist, dass es zu monatelangen Einschränkungen und tageweisen Sperrungen kommen wird, wenn die alte Rheinbrücke saniert wird - allerdings nicht vor 2018.

Bewertung Das Verkehrsministerium führt bei Bundes- und Landesstraßen turnusmäßig Messungen zur Bewertung des Zustandes durch. Bei Brücken der Bundesstraßen ist die Note von 2,28 (2010) auf 2,34 (2013) zurückgegangen - bei einer Skala von 1,0 bis 4,0. Auch bei Landesstraßen-Brücken hat sich der Zustand verschlechtert - von 2,27 auf 2,28.

 

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