Ringen um Notfallpraxen

Mediziner im Land und Kassenärztliche Vereinigung liegen mächtig im Clinch. Zankapfel ist die Reform des hausärztlichen Bereitschaftsdienstes. Der Streit gipfelt in Beleidigungen und rechtlichen Prüfungen.

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Ärztin im Wartezimmer: Mediziner und Kassenärztliche Vereinigung liegen im Clinch. Foto: RioPatuca Images/Fotolia

Plötzliche Blasenentzündung, unangenehmer Brech-Durchfall oder schmerzhafter Hexenschuss: Erwischt es einen am Wochenende, führt kein Weg am hausärztlichen Bereitschaftsdienst vorbei. In einigen Bezirken im Land kümmert sich der diensthabende Mediziner noch in seiner eigenen Praxis um die Patienten, vielerorts steuern die kranken Menschen jedoch bereits eine zentrale Notfallpraxis an - ein Modell, das bis Januar 2014 flächendeckend im Südwesten eingeführt werden soll.

Die Kassenärztliche Vereinigung (KV) will den Notdienst komplett umkrempeln. Begründung: Dem Land gehen die Ärzte aus. In den kommenden fünf Jahren werde etwa ein Drittel der Praxen, die einen Nachfolger suchen, nicht wiederbesetzt werden können, sagt Johannes Fechner, stellvertretender KV-Vorstandschef. "Das bedeutet, dass wir mit rund 500 Hausärzten weniger im Land rechnen - und das ist noch optimistisch kalkuliert." An einer Zentralisierung führe daher kein Weg vorbei, um die Versorgung zu sichern, argumentiert Fechner. Sein Plan: Die Organisation des Bereitschaftsdiensts soll in die Verantwortung der KV übergehen.

Die Reform schmeckt jedoch nicht allen Medizinern. In Geislingen (Kreis Göppingen) kündigen die Ärzte an, dass sie sich dem Druck der KV nicht beugen werden. Vielmehr wollen sie an ihren "bewährten und vor allem funktionsfähigen Notfalldienst-Strukturen" festhalten, sagte Ulrich Volk, Sprecher des hausärztlichen Qualitätszirkels Geislingen/Oberes Filstal. Der Mediziner ist überzeugt, dass eine zentrale Notfallpraxis in ländlichen Gebieten keine Zukunft hat.

Ähnlich sehen das Ärzte in Tübingen: "Jeder Landkreis ist anders. Man muss das regional sehen", meint Susanne Blessing, stellvertretende Vorsitzende der Kreisärzteschaft in Tübingen. Es seien noch viele Fragen offen - auch in punkto Finanzierung. "So wie sich das Herr Fechner vorstellt, wird das nicht klappen", ist Blessing überzeugt. Auch in Schwäbisch Gmünd bewerten die Ärzte die Reform als einen "harten Rückschritt, den wir zudem sehr viel teurer bezahlen sollen". Der Ostalb-Kreisärzteschaft missfalle die "undifferenzierte Vorgehensweise von Oben nach Unten". Zudem wehren sich die Gmünder Ärzte gegen "den Entzug des Honorarflusses und damit eine unangemessene Einengung unserer Handlungsfähigkeit".

Eskaliert ist der Streit um die Notfallpraxis in Göppingen. Hier hat ein extra gegründeter Verein ein eigenes Konzept entwickelt, das nach zähen Verhandlungen von der Kassenärztlichen Vereinigung auch genehmigt wurde. Im Februar ging die Notfallpraxis an den Start - angedockt an die Klinik am Eichert und in Eigenregie vom Verein geführt. Die verantwortlichen Ärzte sprechen von einem "erfolgreichen, günstigen und effizienten Modell".

Doch kaum genehmigt, stellte die KV wieder alles auf den Kopf: Ihr Finanzierungskonzept sieht eine landesweite Umlage sowie eine Kopfpauschale für diensthabende Ärzte vor. Mit dem Solidarbeitrag sollen schwächere Notfallpraxen unterstützt werden, sagt Fechner. Der Doktor Frank Genske, der das Göppinger Modell maßgeblich initiiert hatte, versteht jedoch die Welt nicht mehr: "Solidarität bedeutet nicht, dass man Missmanagement unterstützt und unwirtschaftliche Strukturen am Leben erhält." Als Beispiel nennt Genske die Notfallpraxis in Mannheim. Sie schreibe rote Zahlen, weil die Miete "exorbitant" hoch sei. Genske und sein Kollege Emil Frick sehen nicht ein, dass solche Praxen mit einem Solidarbeitrag querfinanziert werden sollen.

Die Göppinger Ärzte, die die strukturelle Reform für notwendig halten, sich jedoch gegen das "indiskutable Finanzierungsmodell" wehren, wollen für ihr Modell kämpfen und notfalls alle Register ziehen. Derzeit wird die von der KV vorgeschlagene Finanzierung der Notfallpraxen rechtlich geprüft. Ist diese Untersuchung Erfolg versprechend - und bis dahin keine gütliche Einigung erzielt - wollen die Göppinger Ärzte juristische Schritte einleiten.

Damit nicht genug: Der Streit in der Sache gipfelt in einer persönlichen Auseinandersetzung zwischen dem Vize-Chef der KV und den Göppinger Ärzten. Fechner wirft den Initiatoren des Vereins vor, Eigeninteressen zu verfolgen, bei bestimmten Reforminhalten nicht die Wahrheit zu sagen und sprach von "dümmer gehts nümmer". Die Göppinger Kreisärzteschaft fühlt sich diffamiert und fordert eine Entschuldigung. Anfang Juni hatte Fechner im Interview mit der SÜDWEST PRESSE noch gesagt: "Wir wollen keine Wutärzte." Sechs Wochen später bekommt er den geballten Zorn der Mediziner zu spüren.

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