Reutlinger Gymnasium unterrichtet Schulklasse mit Tablets

Klassenzimmer 2.0: Am Friedrich-List-Gymnasium in Reutlingen wird seit Schuljahrsbeginn eine 9. Klasse mit iPads unterrichtet. Die Schüler sind begeistert. Der Weg zur "digitalen Lern-Revolution" ist aber weit.

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Charlotte, Marie und Paul (von links) finden den Unterricht per iPad klasse. Die 14-Jährigen lernen beim Deutsch-Unterricht im Reutlinger Friedrich-List-Gymnasium, wie Tabletts sinnvoll beim Lernen helfen können.  Foto: 

Rainer Lupschina sitzt im Klassenzimmer: Seine Ärmel hochgekrempelt erklärt er, welche Programme, also Apps, er als Lehrer für Deutsch und Geschichte einsetzt, um die 26 neuen Tablet-Computer "iPads" der Nobel-Marke Apple, sinnvoll in den Unterricht einzubinden. Eine dieser Anwendungen synchronisiert den Bildschirm seines eigenen Tablets mit dem des Nachbarn: "So kann man gemeinsam am Mind-Maps arbeiten", sagt Lupschina.

Weiter kommt der Lehrer am  Reutlinger Friedrich-List-Gymnasium  nicht. Die Türe geht auf, ein Junge mit orangem Poloshirt unterbricht die Vorführung: "Dürfte ich mir eines der iPads ausleihen? Ich bin mit der Arbeit schon durch, dann mache ich den Trailer für Deutsch fertig." Lupschina willigt ein, der Junge macht sich mit einem iPad bewaffnet wieder von dannen. Der Lehrer schaut ihm zufrieden nach: "Schüler, die in ihrer Freizeit an Unterrichtsprojekten arbeiten, obwohl sie das gar nicht müssten. Das ist doch super, oder?"

Seit Schuljahresanfang ist in der Klasse 9a des Reutlinger Gymnasiums alles anders:  Die Mittelstufenschüler werden versuchsweise per iPad unterrichtet.  Für Lehrer Lupschina ein spannendes Projekt. Kaum hat der Unterricht begonnen, macht er den Beamer an. Aufgabe an die Schüler war, mithilfe von digitalen Vorlagen einen eigenen Trailer zu produzieren, natürlich mit dem iPad. Fast alle wollen ihren Kurzfilm der Klasse vorstellen.

Trailer produzieren für den Deutschunterricht? Üben von Erörterung und Reimschemata per App? Lupschina glaubt, mit den iPads die Schüler eher aus ihrer Lebenswirklichkeit abholen zu können: "Mit Filmen und Trailern beschäftigen sie sich ohnehin zu Hause. Das kann man in der Schule auch mal fachlich beleuchten."

Die Schüler sind begeistert, auch die 14-jährige Anna: "Klar machen welche auch mal Quatsch mit dem iPad - aber im Großen und Ganzen arbeiten wir fokussierter." Manchmal, so sagt sie, seien sie schon stolz mit dem iPad durch die Schule laufen zu dürfen. Ihr gleichaltriger Klassenkamerad Florian ergänzt: "Das iPad eröffnet dem Lehren und Lernen ganz neue Möglichkeiten."

Lupschina hat sich vorgenommen, an seiner Schule diese neue Art des Lernens zu etablieren. Er betont zwar, dass dabei pädagogische Aspekte nicht zu kurz kommen dürften. Der Lehrer sprüht aber vor Begeisterung. Das muss er auch, denn schon bis es zu dem Projekt kam, mussten viele Eltern überzeugt werden, dass iPads im Unterricht nicht der Ablenkung dienen. Nicht jeden konnte er überzeugen, es gab sogar Blockadeversuche.

War das nicht kraftraubend? Er winkt ab: "Mit der Zeit lernt man, nicht mehr missionarisch tätig zu sein." Das Projekt wurde dennoch möglich, finanziert hat die Geräte dann der Förderverein. Erste Tests mit den iPads liefen über das Kreis-Medien-Zentrum (KMZ).

Dessen Leiter Reinhold Haussmann ist auch begeistert: "Das Spannende am Lernen mit dem iPad ist, dass ein Es-ist-wie-zu-Hause-Gefühl vermittelt wird." Geräte wie Tablets und Smartphones würden die Schüler ohnehin den ganzen Tag benützen. "Dadurch kommt die Schule näher an die Kinder heran, die Abneigung wird abgebaut." Auf seinem eigenen iPad hat Haussmann Filme, die Grundschüler zeigen, wie diese mit wenigen Klicks eigene Bücher erstellen. Mit den Tablets könne eine Über- und Unterforderung einzelner Schüler abgefangen werden.

Die Euphorie von Lupschina und Haussmann teilt der Schulleiter Reiner Linsenbolz nicht ganz: "Natürlich ist das eine super Sache - und allein wegen dem großen Motivationsschub der Schüler lohnt sie sich momentan. Aber ob es wirklich die große Bildungsrevolution wird, bleibt abzuwarten." Vor einigen Jahren hätten viele die Idee der Sprachlabore ebenfalls hochgelobt. Heute hätte kaum eine Schule mehr ein solches Labor. Nicht alles setzt sich eben durch. Dennoch sei die Idee mit dem iPads erstmal gut, sagt Linsenbolz: Er lasse Kollegen, wenn diese ein ordentliches Konzept vorlegen, gerne Dinge ausprobieren.

Die Schüler der Klasse 9a sitzen derweil noch immer an ihren Tablets. Sie beschäftigen sich jetzt mit dem Aufbau von professionellen Film-Trailern. Kurz vor Ende der Stunde geht Lupschina rum und verteilt Kopien als Arbeitsblätter. Ganz klassisch, auf Papier. Die digitale Bereitstellung hat bei der Datei ausnahmsweise nicht funktioniert.

Tradition trifft auf Technik

Vorreiter-Rolle Das Reutlinger Friedrich-List-Gymnasium ist eines der ältesten Gymnasien Deutschlands. Es hat einen traditionellen Ruf - mit Begabtenförderung und Chinakunde-AG. Die Schule sieht sich dennoch digital als Vorreiter. In den letzten Jahren wurden viele junge Lehrer angestellt. In den Fluren hängen Bildschirme, die den Vertretungsplan zeigen.

Kosten Die Kosten eines iPad-Satzes für eine Schule belaufen sich nicht nur auf die Anschaffung der Tablets. Um mit den Geräten lernen zu können, müssen erst ein eigenes Schul-Netzwerk und ein zentraler Knotenpunkt aufgebaut werden. Bei 30 iPads sei man schnell bei 25.000 Euro, so die Angabe des KMZ. Die Kosten hingen aber auch von den Gegebenheiten vor Ort ab.

 

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