Qual der Wahl

Schlimmes Chaos oder erfreuliche Vielfalt - das ist die Frage, wenn man auf die Bildungspolitik im Land schaut. Während die Zukunft der Schulpolitik offen ist, müssen die Eltern in der Realität ihren Weg finden.

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Auf Sylvia Schmids Wohnzimmertisch stapeln sich kleine bunte Flyer und Broschüren. Sie muss in diesen Wochen entscheiden, an welche weiterführende Schule ihr Sohn Max gehen soll.

Vor zehn Jahren war die 42-Jährige schon einmal in dieser Situation. CDU und FDP waren an der Regierung, hatten gerade das achtjährige Gymnasium (G8) eingeführt, das aber heftig in der Kritik stand. Vom unmenschlichen Druck war die Rede, vor allem in der Grundschule, wenn die Noten für den Wechsel erkämpft werden mussten.

Damals war es ihre Tochter Tanja, die in der vierten Klasse war. "Sie hatte eine Empfehlung fürs Gymnasium, und da habe ich sie auch hingeschickt", erinnert sich die Mutter. Sie habe sich bei weitem nicht so intensiv informiert wie jetzt. Dreimal hat sie nun schon mit Max' Grundschullehrerin geredet. Über ihre Einschätzung, über die Möglichkeiten für Max.

"Dass man jetzt so intensiv beraten wird, finde ich gut. Aber man muss diese Beratung natürlich auch annehmen", sagt Sylvia Schmid. In Max' Klasse gebe es einige Eltern, die das nicht tun. Manche habe sie noch nie gesehen, bei keinem Fest, bei keinem Elternabend. Migranten ebenso wie Deutsche, betont Sylvia Schmid. Doch sie kennt auch Akademiker-Eltern, die sich der Beratung verweigern. "Es gibt immer noch Mütter, die wie früher die Noten ihrer Lieblinge vergleichen. Die erzählen dir allen Ernstes, dass am elitären musischen Gymnasium in der Stadt das Abitur schwerer ist, dafür aber nur die passende Schülerklientel aufgenommen wird", sagt Sylvia Schmid. Doch die meisten Eltern in Max' Klasse gingen die Sache locker an: "Ich glaube, dass auf dem Dorf schon alles noch ein wenig entspannter ist."

Gemeinschaftsschule, Ganztagsschule, G8 oder G9, berufliche Gymnasien - nie war die Landschaft im Südwesten so vielfältig. Und sie steckt im Wahljahr noch mitten im Umbruch. Während die Hauptschule immer mehr verschwindet, gibt es an allen Schularten Veränderungen: So kann man künftig auch an der Realschule den Hauptschulabschluss machen. Doch wie soll man sich entscheiden, wenn man nicht weiß, welche Reformen die künftige Regierung angehen will?

150 Kilometer nördlich, in der Landeshauptstadt, hängt am Kühlschrank von Familie Eberling (Name geändert) eine lange Liste mit Terminen. Fünf Gymnasien wollen sich Peter und Brigitte Eberling anschauen, dazu noch zwei private Schulen. Das Beratungsgespräch mit dem Grundschullehrer haben sie wahrgenommen, doch mit dem, was sie gehört haben, waren sie nicht zufrieden. Er hat empfohlen, Leon auf eine Gemeinschaftsschule zu schicken, weil er zwar ein intelligentes, aber sehr empfindsames Kind sei. "Der Lehrer meint, dass er mit Enttäuschungen nur schwer umgehen kann", sagt Peter Eberling: "Das muss er halt lernen." Leon hat eine Eins in Mathe, aber eine Drei in Deutsch. Die Mutter erzählt, dass er gerne mit ihr nachmittags an den Hausaufgaben sitze: "Er freut sich immer, wenn wir noch ein paar Extra-Rechnungen machen."

Leon wird aufs Gymnasium gehen. Das ist bei Eberlings unstrittig. "Natürlich werden wir es versuchen. Was wären wir für Eltern, wenn wir nicht die beste Schule für unser Kind wollten?", sagt der Vater. In der Grundschule sei ihr Sohn nicht genug gefordert worden. Das könne auch gar nicht sein bei einer Klasse von 25 Kindern mit "einigen Verhaltensauffälligen."

Nun hoffen die Eltern, dass die nach dem Wechsel nicht mehr da sind. "Aber sicher kann man sich da nicht mehr sein. Es ist eine Frechheit, was diese Landesregierung mit unseren Kindern macht", redet sich Peter Eberling in Rage. Das dreigliedrige Schulsystem mit dem G9, der Realschule für den Mittelbau und der Hauptschule "für den Rest" sei optimal gewesen: "Die Gleichmachereischule kann nicht funktionieren. Das sehen wir doch jetzt schon in der Grundschule bei Leon." Statt immer neue "Spinnereien" zu erfinden, sollte der Staat lieber dafür sorgen, dass nicht dauernd so viele Unterrichtsstunden ausfallen.

Sylvia Schmid hat sich vor einigen Tagen die Gemeinschaftsschule angeschaut. Sie sei skeptisch gewesen, konnte sich nicht vorstellen, wie das funktioniert. "Wir durften im Unterricht zuschauen. Das hat mir gefallen", sagt die Mutter. Es sei sehr ruhig gewesen, obwohl die Kinder in Gruppen übten. Alle Eltern, mit denen sie gesprochen hat, seien überzeugt vom Konzept. "Wahrscheinlich hat man auch nur solche für uns rausgesucht.", sagt Sylvia Schmid. Trotzdem überlegt sie, Max auf die Gemeinschaftsschule zu schicken. Ein entscheidender Vorteil: Er könnte weiter am Ort zur Schule gehen und müsste nicht mit dem Bus in die Stadt fahren. "Gemeinschaftsschule, dann vielleicht ein berufliches Gymnasium, wenn er weitermachen will. Ich finde, dass wir heute sehr viele Möglichkeiten haben", sagt auch Tochter Tanja.

Sylvia Schmid findet manches dennoch verwirrend: An Werkreal-, Gemeinschafts- und Realschule könne man jetzt dieselben Abschlüsse machen. Das ist ihr zu viel. "Man muss sich halt entscheiden, welche Art von Unterricht man möchte", hilft die Tochter weiter: "Kein Notendruck, kein Latein, keine Hausaufgaben, viel Eigeninitiative - ich hätte mir die Gemeinschaftsschule gewünscht." Das ruft Protest hervor. "Ich will aber aufs Gymnasium", kräht ihr kleiner Bruder von hinten. Es gibt noch Diskussionsbedarf bei Schmids. Wie in vielen anderen Familien auch.

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