Prozess: Mann soll achtjährigen Neffen erstochen haben

Er war der sprichwörtliche gute Onkel, und doch soll er seinen achtjährigen Neffen erstochen haben. Seit Donnerstag muss sich ein 27-Jähriger in Freiburg vor Gericht verantworten - für eine Tat, die keiner erklären kann.

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Spurensuche hinter den Mauern des Freiburger Landgerichts: Die Motive des Angeklagten geben noch Rätsel auf.  Foto: 

Der Mann, der von zwei Wachtmeistern in den Schwurgerichtssaal begleitet wird, ist untersetzt, trägt einen schwarzen Anzug mit einem blass pinkfarbenen Oberhemd, dessen oberste Knöpfe am Kragen offen stehen. Dazu trägt er dunkelfarbene Sportschuhe. Sein Gesicht wirkt jungenhaft und wenig erwachsen. Mit einem kurzen Blick streift er seine Halbschwester, die Mutter des Jungen, den er getötet haben soll. Dann beugt er sich vornüber, senkt den Blick auf den Fußboden. In dieser Haltung verharrt er - und hüllt sich in Schweigen.

Es geht um eine Tat, die sich zunächst keiner erklären kann. Der 27-jährige Lagerlogistiker aus Rheinland-Pfalz soll in der Nacht zum 6. September 2015 seinem schlafenden achtjährigen Neffen mit einem Messer die Kehle durchschnitten und ihn ins Herz gestochen haben. Keiner der Zeugen, weder die Mutter noch der Vater des Buben und sein Stiefvater haben eine Erklärung für die Tat des Bruders und Schwagers. Er war von allen gut gelitten. Ja, man war froh darüber, dass er sich in seiner Freizeit um den Achtjährigen und seinen ebenfalls autistischen älteren Bruder so intensiv kümmerte. Ihm sei es zu verdanken, so die Mutter, dass der Sohn offener geworden sei: "Er konnte sich auf das Niveau der Kinder begeben. Ich wäre froh, ich könnte es auch tun."

Warum dann die Katastrophe? Warum war der 27-Jährige, der im Prozess ein Häuflein Elend darstellt, nur mit dem Achtjährigen in ein Hotel in Emmendingen gefahren und hatte dessen älteren Bruder versetzt? Zwei gemeinsame Tage im Europa-Park folgten, dann ein Tag im Hotelzimmer mit DVDs, Bananensplit und Pizza. Gemeinsam schauten sie Harry Potter. In der Nacht dann die Tat, die der 27-Jährige, nachdem er sich der Polizei gestellt hatte, nicht von sich gewiesen hat. Wochen später, beim psychiatrischen Gutachter kann oder will er sich aber nicht mehr daran erinnern können. Er sei mit blutüberströmtem Hemd und dem Messer in der Hand aufgewacht, berichtete er damals dem Gutachter.

Für den Verdacht, der 27-Jährige könnte ein sexuelles Interesse an dem Buben gehabt haben, gibt es keine direkten Hinweise. Entsprechende Spuren fand die Gerichtsmedizin laut Staatsanwaltschaft nicht, aus ihrer Sicht habe es kein Sexualdelikt gegeben. Über das Motiv wird gerätselt. Der 27-Jährige hat keines genannt. "Ich kann mir die Tat nicht erklären", hat er dem Gutachter auf dessen entsprechende Frage geantwortet. Dass der 27-Jährige den jüngsten Sohn seiner Halbschwester, der psychisch auffällig gewesen sein soll, besonders gemocht und gefördert habe, ergaben die Ermittlungen der Polizei. Allerdings wurden auf dem Rechner des Mannes auch kinderpornographische Dateien gefunden.

War der Angeklagte suizidal? War die Reise aus Rheinland-Pfalz nach Emmendingen mit den Besuchen des Europa-Parks als Vorbereitung eines Selbstmordes geplant, wie er es dem Sachverständigen angedeutet hat? Da hatte er gesagt, dass er den Jungen nach der Reise zurückbringen und sich selbst dann erhängen wollte. Er sei verzweifelt gewesen, weil er sich von Arbeitskollegen schikaniert und von 20 000 Euro Schulden erdrückt gefühlt habe. Er sei verzweifelt gewesen, weil er zu schüchtern gewesen sei, um Avancen seiner Traumfrau zu erwidern. Und es habe familiäre Probleme gegeben, weil sein Stiefvater sehr viel Alkohol getrunken habe.

In Freiburg geht die Spurensuche vor Gericht an insgesamt sechs Verhandlungstagen weiter, Mitte März soll das Urteil fallen.

Täter aus der Familie

Ängste Wenn Kinder getötet werden, stammen die Täter fast immer aus dem familiären Umfeld - Aufmerksamkeit erregen aber vor allem seltene Fälle "fremder" Täter. Ein Team des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen hat Akten zu allen getöteten Kindern unter sechs Jahren zwischen 1997 und 2006 untersucht. Unter 535 Fällen war "kein echter Fremdtäter". In mehr als der Hälfte der Fälle töteten Mutter, Vater oder Stiefvater.

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